Diskurs über die Liebe

 

Es ist Daniel Barenboims dritter Tristan an der Berliner Staatsoper. Nach Harry Kupfer (2000) und Stefan Bachmann (2006) stand nun Dmitri Tcherniakov am Regiepult, der hier zuletzt mit seinem Parsifal für kontroverse Diskussionen gesorgt hatte. Auch am Ende dieser Premiere am 11. 2. 2018 sah er sich deutlichen Missfallensbekundungen ausgesetzt. Sie dürften vor allem seiner verzerrten Darstellung des Liebespaares und dessen Emotionen gegolten haben. Denn der russische Regisseur scheint von  Liebe, Leidenschaft, Verlangen, Wonne, Ekstase offenbar nichts zu halten. All diese Empfindungen lässt er nicht zu und persifliert sie deshalb mit banalen und profanen Bildern.

Wie zumeist hat er die Bühne selbst gestaltet. Da sieht man im 1. Aufzug auf einem Kreuzfahrtschiff eine Cocktailbar in edler Holztäfelung mit Ledercouch, Drehstühlen und rundem Tisch, wo sich eine Partygesellschaft vergnügt und reichlich dem Alkohol zuspricht. Auf einem Flachbildschirm ist die Route des Schiffes zu verfolgen und Brangäne holt mittels der Fernbedienung sogar Tristan ins Bild. Isolde im Hosenanzug und langen dunklen Mantel (Kostüme: Elena Zaytseva) kommt von draußen, den Todestrank trägt sie bei sich in ihrer Handtasche – unnötig also, dass sie Brangäne bittet, den Schrein mit den Tränken der Mutter herbeizuschaffen. Mit Videos (Tieni Burkhalter) wird auch in dieser Inszenierung gearbeitet. Die erste Einblendung zeigt Tristan bei der Einnahme des Trankes, noch bevor das auf der Szene geschieht. Danach aber fallen er und Isolde nicht etwa in den Taumel ihrer erwachten Gefühle, sondern in einen heftigen Lachkrampf ob der absurden Aussicht einer gemeinsamen Liebe.

Der 2. Aufzug zeigt einen ähnlich gestalteten Raum, dessen Holzverkleidung hier mit einer Waldlandschaft aus Intarsien geschmückt ist. Wieder wird eine Party gefeiert, unter den Anwesenden sind auch Tristan und Isolde in einem langen grünen Abendkleid. Bald werden an die Gäste Gewehre verteilt als Zeichen des Aufbruchs zur Jagd. Über den lang ersehnten Moment der Zweisamkeit freuen sich beide mit neckischem Getue und kindischem Hopsen. Zu einer körperlichen Annäherung oder einer anderen Liebesbekundung kommt es nicht. Tristan betrachtet Isolde wie eine Staue, mustert sie wie einen günstig erworbenen Kunstgegenstand. Und immer mehr wird er zum Dozenten, der mit seiner gelehrigen Schülerin in einen Diskurs über die Liebe tritt, ihr Textzeilen einstudiert, sich freut über jeden gelungen Satz, ihr Beifall spendet, vor Freude in die Hände klatscht und Luftsprünge vollführt. Das erinnert fatal an Prof. Higgins und Eliza in My Fair Lady. Bei Brangänes Wachgesang ist eine zweite Video-Sequenz zu sehen, die Tristan mit blutender Kopfwunde zeigt. Das verwundert erst  im Nachhinein, denn Melot versucht, Tristan zu erdrosseln. Ein gelungenes Bild ist vorher die Entdeckung des Paares, wenn Melot die hinteren Schiebetüren öffnet und sich dahinter die Gesellschaft mit Marke im roten Smoking als Gruppenbild versammelt hat – begierig auf den Skandal. Markes Umgang mit Tristan ist zunächst eher jovial, wenn er ihm ein Glas Champagner reicht, erst später äußert sich sein Grimm in handgreiflichen Aktionen.

In einem Stück von Tschechow wähnt man sich im 3. Aufzug, der in einem Wohnzimmer mit grüner Baumtapete spielt. Die bescheidene Einrichtung mit hohem gusseisernem Kohleofen, Vertiko, Sofa und einem Bett im hinteren Alkoven ist von russischer Anmutung. Tcherniakov überrascht hier mit dem seltsamen (und überflüssigen) Einfall, Tristans Eltern, die zunächst als Video-Aufnahme zu sehen sind, leibhaftig auftreten zu lassen. Wirklich ärgerlich aber ist seine Idee, während des Liebestodes den Leichnam Tristans in den Alkoven auf das Bett transportieren zu lassen, was Isoldes letztes Solo empfindlich stört. Am Ende setzt sie sich auf einen Stuhl zur Totenwache an Tristans Bett, nicht ohne den Wecker mitzunehmen, um den nächsten Auftritt nicht zu verschlafen…

„Tristan und Isolde“ an der Berliner Staatsoper/ Szene/ Foto Monika Rittershaus

Es ist dies Barenboims langsamster und lautester Tristan. Die extrem getragenen Zeitmaße werden schon im Vorspiel zum 1. Aufzug deutlich, aber es ist auch ein Moment, der die hohe spielerische Qualität der Staatskapelle Berlin herausstellt – den herrlich sonoren Ton der Streicher, den weichen Klang der Holzbläser, den Glanz des Bleches. Man hört träumerische Stimmungen und atmosphärischen Zauber, aber der orchestrale Rausch, den der Dirigent entfesselt (und der auf der Szene keine Entsprechung findet), steigert sich bald bis zur Ekstase, welche die Schmerzgrenze des Hörers streift und die Sänger nicht selten zum Forcieren zwingt.

Darunter leidet vor allem Anja Kampe, die zu Ostern als Brünnhilde in der Salzburger Walküre so erfolgreich war und die Partie fraulich leuchtend und ohne jeden hochdramatischen Exzess gesungen hat. Als Isolde tönt sie bereits in den ersten dramatischen Ausbrüchen streng und in der Höhe grell. Farbig und feminin klingt ihre Mittellage, die Gestaltung der Figur ist von größter Intensität, der Fluch im 1. Aufzug zeigt sie in einem existentiellen Ausnahmezustand. Sehr zart und fast in körperlosem Ton beginnt sie den Liebestod, aber die Stimme lässt hier auch Spuren von Erschöpfung vernehmen. Einen Power-Tenor besitzt Andreas Schager als Tristan, freilich ohne einen Schmerzenston und größere Differenzierungen in der Tongebung. Er singt in einem rabiaten Einheitsforte und steht die Partie bis zum Ende in bewundernswerter Manier durch. Im  2. Aufzug versucht er eine differenziertere Stimmgebung, im 3. gar ersterbende Töne, aber die Stimme klingt in der mezza voce schnell  belegt und intonationsgetrübt. Physisch von höchstem Anspruch ist seine Leistung im 3. Aufzug, wenn er trotz seines Siechtums in totaler Trance tanzt, in die Luft springt und mit Kurwenal boxt. Im Timbre klingt Ekaterina Gubanova als Brangäne der Isolde nicht unähnlich, denn ihr Mezzo ist sehr Sopran-betont, in der unteren Lage matt und in der Höhe stark vibrierend. Ganz sicher wird sie Markes neue Gattin, denn sie sitzt am Ende Arm in Arm mit dem König auf dem Sofa. Einen robusten, eindimensional dröhnenden Bariton hört man von Boaz Daniel als Kurwenal, der einzig im letzten Aufzug ein paar anrührende Töne hören lässt. Stephen Millings Marke klingt weniger balsamisch denn körnig, wegen einer Indisposition ließ sich der dänische Bass nach der zweiten Pause ansagen, wirkt im letzten Aufzug in der Kraft tatsächlich etwas reduziert. Die Besetzung ergänzen Adam Kutny als Steuermann und Linard Vrielink als Hirt mit feinen Tenorstimmen (Foto oben: „Tristan und Isolde“ an der Berliner Staatsoper/ Szene/ Foto Monika Rittershaus). Bernd Hoppe