Diese Schweizer …

 

Der tapfere Soldat, unter dem Titel Chocolate Soldier im anglophonen Raum und da besonders in Übersee seit über 100 Jahren Oscar Straus‘ erfolgreichstes Werk, basiert auf G.B. Shaws pazifistischer Komödie Arms and the man (dt. Helden) – zu locker, als dass Shaw seinen Namen damit verbunden sehen, aber doch enger, als er wahrhaben wollte.

Shaws Original gehört zu meinen Lieblingen, seit ich es als Jugendlicher Ende der 80er in einer Filmversion mit dem Kabarettisten Emil in der männlichen Hauptrolle gesehen habe. Die Geschichte vom Schweizer Söldner Bumerli in serbischen Diensten, der auf der Flucht im Schlafzimmer der Tochter des gegnerischen (bulgarischen) Generals landet und sie, Nadina, aufrechte Patriotin und Verlobte des jungen Kriegshelden Alexius, damit schockiert, dass er keine Patronen, sondern Pralinen im Gürtel trägt und generell wenig von Krieg und Heldentum hält, hat Peter Konwitschny am Münchner Gärtnerplatztheater temporeich und quietschvergnüglich inszeniert, ohne die Kriegsthematik zu verharmlosen (wie nicht anders zu erwarten). Die Figuren sind profiliert und komödiantisch geführt, die Beziehungen und Konflikte unter ihnen ernst genommen und prägnant ausgespielt. Die Duette werden in dem mit einer einzigen Solonummer auskommenden Stück dadurch noch zentraler, zu gelegentlich auch drastisch inszenierten Auseinandersetzungen, wieder näher an Shaws trockenem Esprit und pessimistischem Witz. Jede Figur kocht jederzeit ihr persönliches Süppchen. Konwitschny arbeitet daneben auch mit wahrscheinlich sämtlichen Stilmitteln klassischer Operettenregie (von Missverständnissen über Slapstick und Kalauer bis zu running gags), setzt sie gemeinsam mit dem Ensemble aber so gekonnt beiläufig ein, dass sie wieder zünden. Wenn z.B. Zofe Mascha den Auftrag erhält, für den halbverhungerten Flüchtling etwas zu essen zu holen, nach fünf Sekunden mit einem überladenen Servierboy zurückgewetzt kommt und lakonisch konstatiert „Das ist alles, was ich finden konnte“, geschieht das quasi linkerhand, während es mit Nadina, ihrer Mutter und Bumerli weitergeht.

Johannes Leiackers Bühne für das Münchner Gärtnerplatztheater (am 7. 7. 2018) ist schlicht und in kräftigen Farben gehalten. Für den ersten Akt reicht von Requisiten abgesehen Nadinas Bett völlig aus – Bumerli kann sich erst darunter vor den bulgarischen Soldaten verstecken (die vorbeikriechen, ohne ihn zu sehen), dann – völlig unauffällig… – im Raum stehend, von Nadina eilends mit seinem rotweißen Fallschirm eingehüllt. Im zweiten Akt gibt es statt dem Bett ein paar Gartenstühle, und die hübsch bunten, tendentiell historischen Kostüme machen auch Spaß.

Der dritte Akt lässt einen Teil des Publikums erst mal leer schlucken. Natürlich, der Abend konnte nicht bonbonfarben-lieblich enden. Konwitschny nimmt eben die Kriegsthematik nicht auf die leichte Schulter. Denn 1908 war das ein brisantes Stück. Und wenn es uns heute noch etwas Vergleichbares sagen soll, dann ist es wohl nur folgerichtig, wenn im letzten Akt der Krieg nicht vorbei ist. Auf der Bühne steht wieder Nadinas Bett, im Hintergrund ragen aber zwei vom Himmel gefallene Raketen auf. Die Personen haben alle überlebt, aber nur zerzaust bis verletzt. Vater General hat ein Gipsbein, Hauptmann Massakroff galoppierendes Asthma, Nadina trägt (neben einem Rotkreuzhäubchen) zwar noch ihr Brautkleid, das ist aber rußig und ausgefranst. Zu Beginn des Aktes nehmen die Slapstickelemente etwas Überhand (um den Schock abzufedern?), das legt sich aber glücklichweise wieder. Das Happyend mit neuer Päärchenverteilung nach geplatzter Verlobung wird erst nach allgemeiner Schlägerei erreicht – in die Schlägerei ist eine Zeitlupensequenz eingebaut, in der Nadina (mit tiefer Stimme wie eine zu langsam abgespielte Schallplatte) einen der Wendepunkte der Handlung verdeutlicht: Warum nämlich der friedliebende Bumerli nun zum Duell mit Alexius bereit ist („Jetzt hat er den Gegenstand gefunden, für den es sich lohnt, sein Leben aufs Spiel zu setzen“ – Nadinas Ehre…). Zum Schluss stellt sich heraus, dass Bumerli aus sehr reichem Elternhaus stammt, worauf die Generalseltern ihn als Schwiegersohn akzeptieren. Hier greift Konwitschny noch einmal fein, aber folgenschwer ins shaw-straussche Original ein und lässt ihn nicht der Sohn eines Hoteliers, sondern des größten Schweizer Rüstungsfabrikanten sein. Er traut selbst dem shawschen Antihelden nicht und macht ihn zum Kriegsgewinnler (was dessen kampfunfreudige Anwesenheit in der serbischen Armee bestens erklärt). Nadina, von ihrem blutrünstigen Patriotismus geheilt, ist zu Recht enttäuscht und geht, im allgemeinen Jubel bis fast zuletzt unbemerkt, ab. Den tapferen Soldaten will sie nicht mehr. Eine bittere, aber konsequente Schlusspointe.

Daniel Prohaska ist offenbar schwindelfrei, gelangt doch Bumerli hier in allen drei Akten per Fallschirm auf die Bühne, stürzt in den nur auf den ersten Blick wohlgeordneten „bulgarischen“ Haushalt (immerhin stehen alle drei Frauen auf Alexius, und er ist auch keiner abgeneigt, setzt sich auch der präsumptiven Schwiegermutter vertraulich auf den Schoß). Er hebt sich unaufgeregt und gewitzt goldrichtig von der Umgebung ab und hat die Lacher mühelos auf seiner Seite. Sein Schweizer Akzent ist überdies vorzüglich, dezent und dermaßen authentisch, dass ich ihn in der Gegend von Winterthur zu verorten wage. Sein Gesang besitzt die für das Genre unabdingbare Geschmeidigkeit und Diktion, ein angenehmes Timbre erfreut auch. Besonders im Pardon-Walzer, der den 2. Akt beschließt (und als Tanzimpuls das ganze Ensemble inclusive Chor erfasst), fällt die gekonnte Balance zwischen Gesangslinie und Sprechgestus auf. In den gesprochenen und gesungenen Konfrontationen mit Sophie Mitterhuber als Nadina sprühen die Funken besonders brillant. Sie wirkt zunächst etwas spröde im Spiel, bis man merkt, dass das ganz bewusst für die Figur eingesetzt ist, die v.a. Alexius gegenüber herrlich schnippisch wird. Ihre Arie „Komm, komm, Held meiner Träume“, singt sie mit leuchtendem Sopran, höhensicher und schmelzreich, kurz, so schwärmerisch, wie man es sich für den Ohrwurm des Abends wünscht. Den Rest der Partie natürlich auch. Maximilian Mayer gibt einen ganz fabelhaften Alexius, passt optisch als hochgewachsener, gertenschlanker und schneidiger Jungoffizier perfekt – man versteht die ausnahsmlos entzückten Damen des Hauses sehr gut, ist aber dauernd hin- und hergerissen, weil er den beschränkten Horizont und die Arroganz des Kavallerieoffiziers und Prinzipienreiters so köstlich ausspielt. Im ersten Duett mit Nadina lässt er seinen verletzten Stolz an einer Stelle nahtlos in schmollende Tränen übergehen, großartig. Sein Tenor ist reich an Glanz und Substanz, elegant und schmelzreich geführt, strömt bis in die Gipfelregionen frei, da bleiben keine Wünsche offen.

„Der tapfere Soldate“ am Münchner Gärnerplatztheater/ Szene/ Foto wie auch oben  © Christian POGO Zach

Ann-Katrin Naidu als durchaus noch nicht abgeklärte Mutter und Generalsgattin steuert saftige Mezzoklänge in gestochen scharfer Diktion bei; Jasmina Sakr als gewitztes Hausmädchen Mascha bleibt (auf hohem sängerischem und szenischem Niveau) etwas blasser. Hans Gröning als eher hungriger denn martialischer General, der in aller Regel nicht versteht, was um ihn herum vorgeht (z.B. in dem köstlichen Ensemble, wo die drei Frauen ihm ihre Polaroid-Selfies wieder aus dem Hausmantel ziehen, die sie hineingeschmuggelt hatten, als ihn im ersten Akt Bumerli getragen hatte), ergänzt die Familie mit wendigem Bassbariton bestens, Alexander Franzen als Hauptmann Massakroff klingt und agiert rollengerecht dräuend. Der Herrenchor brilliert besonders, namentlich als bulgarische Soldaten, die mich sehr an die Gendarmerie von St. Tropez im Einsatz erinnerten, aber auch die Damen in den nicht sehr ausgedehnten Massenszenen sind freudig bei der Sache (Chorleitung: Karl Bernewitz). Anthony Bramall beherrscht die federnde Eleganz dieser Musik und Straus‘ raffinierte Orchesterfarben offenbar aus dem Effeff und hält alles flexibel zusammen. Ob es am Raum oder nur an meinem Platz lag (angesichts dessen, dass die Sänger/-innen in den Sprechszenen per Microports verstärkt wurden, vermute ich aber Ersteres), das Orchester klang dennoch immer wieder zu laut – in der Operette, namentlich wenn die Gesangstexte so viel Witz enthalten, reicht es m.E. eben noch nicht, wenn man die Stimmen gut hört; damit man alles versteht, müsste die Begleitung noch eine Stufe zurückgenommen sein. Oder eben doch Übertertitel? Aber ich gewöhnte mich doch dran, und es kann nur zu hoffen sein, dass diese so witzige wie intelligente und musikalisch beglückende Produktion dieses inspirierte Stück auch in Europa wieder populär zu machen hilft. Samuel Zinsli