Die drangsalierte Kunst

 

Der Oper Halle laufen die Besucher davon. Dafür wurde der Intendant der Oper abgestraft. Kurz vor der letzten Premiere wurde Florian Lutz die Nichtverlängerung seines bis 2021 laufenden Vertrags mitgeteilt. Ob sich die Verantwortlichen des Termins bewusst waren oder ihn tückisch und gemein ausgerechnet auf den Tag der Ariadne auf Naxos-Premiere legten, die davon erzählt, wie der reichste Mann von Wien Kunst bestellt und bezahlt und die Künstler wuselnd lässt? Sie kannten vermutlich nicht die Inszenierung von Paul-Georg Dittrich. Die geistreiche Plauderei über komisches und ernstes Theater, die kenntnisreiche Melange von europäischer Kultur- und Geistesgeschichte, die Strauss und Hofmannsthal in ihrer Ariadne auf Naxos kultivieren, sieht sich bei Dittrich mit der harten Wirklichkeit und den ökonomischen Zwängen, unter denen Kunst zu funktionieren hat, konfrontiert. Kein l’art pour l’art, kein Blick aus dem elfenbeinernen Turm, sondern nacktes Überleben. Um das geht es auch für den Komponisten, der sich dem Kompromiss fügt, sein ernstes bedeutendes Werk mit einer unterhaltenden Posse zu paaren – und sich hinterher getäuscht sieht. Indem er sein Werk zerstören will, stößt er sich selbst das Messer in die Brust. Dabei hatte im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins, auf dessen Stufenbühne sich die Künstler zu den Proben einfinden, alles so hoffnungsfroh begonnen.

Während der Vorbereitungen konnte Paul-Georg Dittrich nicht ahnen, dass die Realität sein Bühnenprodukt einholen würde, dass auf den T-Shirts, welche die Harlekins tragen und mit denen sie auf die missliche Situation mancher Bühnen aufmerksam machen – Hagen und Trier, Linz und Theater Vorpommern lesen wir – jetzt auch die Oper Halle steht; nur an der Semperoper Dresden, deren Schriftzug die Primadonna auf ihrem Shirt trägt, dürfte alles im Reinen sein. Über die Arbeit von Florian Lutz kann ich nichts sagen, außer dass der Geraer Lohengrin des jungen Regisseurs mir in bleibender Erinnerung ist. Mit seiner ästhetischen Neuausrichtung und dem Anspruch, durch die Arbeit der Oper einen gesellschaftlichen Diskurs anzurollen, hat er es immerhin geschafft, dass das Haus plötzlich überregional wahrgenommen wird – sei es durch Sebastian Hannaks Konzept der Raumbühnen, Kratzers interessante Kopplung von Bastien und Bastienne mit Zemlinskys Der Zwerg oder Meyerbeers mehrfacher „Übermalung“ der Africaine – und seine eigenen Inszenierungen. Tatsächlich ist das Theater an diesem Sonntagnachmittag (17. März 2019) gut besucht, der Zuspruch der Besucher (Senioren-Abonnement) außerordentlich.

„Ariadne auf Naxos“ an der Oper Halle/ Szene/ Foto wie oben Anna Kolata

Dittrich belehrt nicht, überrumpelt nicht, kehrt keine irgendwie verengte Sicht nach außen, bleibt geistreich und originell. Seine Hinweise auf die Unterdrückung der Kunst verteilt er gefällig wie Streusel auf einem Kuchen: Richard Strauss, der sich abfällig über Wien äußert, Brecht, der sich vor dem Ausschuss für „unamerican activities“ in einer Reihe mit Orson Wells und Gary Cooper sieht, Heiner Müller, Bulgakow, schließlich Serebrennikov und Ai Weiwei. Sicher kann man im ersten Fall nicht von Unterdrückung sprechen, doch das historische Filmschnipsel mit dem dirigierenden Strauss ist ein schöner Aufmacher. Dittrich hält dazu die Musik kurz an, was nicht schlimm wäre, würde die Staatskapelle Halle mit dem Stück nicht ohnehin fremdeln und sich mit breiig undifferenziertem Klang so schwer tun, als befänden wir uns noch im Probenstadium. Sprachliche und musikalische Akzente verrutschen. Da fallen solche Eingriffe gewichtiger aus; auch die spielerisch so elegante Verteilung des gesprochenen Texts auf den Haushofmeister (Tristan Steeg) und vier AssistentInnen in hübschen weißen Kurzhosen und goldenen Verzierungen, dunklen Blazern und Fliege wirkt apart, wenn die jungen Leute anstelle des Haushofmeisters Satzteile aufgreifen, unter sich verteilen, sich von beiden Seiten des Zuschauerraumes aus zurufen oder sie von Besuchern ablesen und ins Mikro sprechen lassen. Doch das hemmt alles den musikalisch ohnehin schon so mühsamen Fluss. Gegen Ende des Vorspiels entfernen sich alle, auch Zerbinetta wird in Folie gepackt und weggebracht. Der Komponist findet sich allein auf der Bühne, wo die Stimmen der anderen nur aus entsprechend bezeichneten Lautsprechen dringen. „Musik ist eine heilige Kunst“, „Hahaha“ höhnt ein herabgelassener Schriftzug im großen Showformat. Das Feuerwerk wird entzündet.

Auf Naxos geht es weniger abwechslungsreich zu, dafür werfen sich die 36 Musiker unter Michael Wendeberg nun mit Leidenschaft in das spätromantische Melos. Den bildungsbürgerlichen Exkurs über die alten Griechen lässt Sebastian Hannak in einem silbernen Kasten vor Video-Installationen, grünen und rosafarbenen Davids, deren Extremitäten, also Arme und Beine, Zerbinetta zertrümmert, als Vernissagen-Getue stattfinden. Die Komödiantengruppe und die Nymphen samt Echo, alle von Anna Rudolph in weiß-graue Hosen und Kleider gesteckt, leicht beschmiert oder bemalt, verharren in elegischen Posen oder unterhalten mit Jahrmarkttricks, finden sich und werden am Ende gewaltsam getrennt. Ariadne ist ein Fall für eine Klinik. Auf den Videos sehen wir sie im Bett in weißen Räumen lagern. Schön, dass da zur Verstärkung der Possenreißer eine Art Schlagersänger im roten Anzug kommt, der erst seinen Atem kontrolliert und schaut, ob seine Zähne sauber sind, bevor er sich ihr nähert. Ein selbstgefälliger Gockel, der den Bacchus so leicht singt, als habe Strauss seinen Tenören nur schmeicheln wollen, mit der französischer Eleganz eines Hoffmann und der Italianità eines Cavaradossi, Jean Noel Briend. Der smarte Mann ist offenbar nur Fake. Vor der höchsten Prachtentfaltung unter einem Kranz von Leuchtröhren lässt er den Anzug fallen und entpuppt sich in kurzen weißen Hosen und Blazer als einer der Helfer des Haushofmeisters und verlängerter Arm des Auftraggebers. Verständlich, dass die von Anke Berndt mit puppenhaft körperloser Tiefe und greller Höhe gesungene fahle Ariadne zusammenbricht, der Komponist sich betrogen sieht. Im silbernen Dinnerjacket, dunkler Hose und strenger Gelfrisur sieht der Komponist aus wie ein Klavierspieler im Nachtclub. Die ukrainische Mezzosopranistin Svitlana Slyvia hat ein schönes Timbre, doch wenig Höhe und nicht viel Tiefe. Fein Liudmila Lokaichuks blitzblanker Zerbinetta-Zwitschersopran, der in der Höhe immer gehaltvoller und strahlender wird, außerdem spielt sie so gut mit ihrem Körper wie mit ihren Koloraturen. Martin Gerke gab dem Harlekin die starken Konturen eines gehaltvollen Kavaliersbaritons, mehr rufend als singend gab Gerd Vogel den Musiklehrer. Die die ausnahmslos mit Gästen besetzten Nymphen (Linda von Coppenhagen, Yulia Sokolik und Sol Her) waren ausgezeichnet, Robert Sellier als Scaramuccio, Ki-Hyun Park als Truffaldin (und Lakai) und Matthias Koziorowski als Brighella (und Tanzmeister) waren spielfreudige Buffonisten.     Rolf Fath