Die Alten lassen nicht los

 

Mit dem Chorruf „Si ridesti il leon di Castiglia“ wollte Verdi an den Erfolg der Chornummern im Nabucco und den Lombardi anknüpfen, gleichzeitig einen Gruß des purpurfarbenen Löwen der Könige von Kastilien an den Markuslöwen, das Wahrzeichen Venedigs, senden. Für seine fünfte Oper verließ Verdi erstmals die Mailänder Scala, die ihn bisher so gut behandelt hatte. Der Schritt sollte sich lohnen. Als Inbegriff des romantischen Opernhelden wurde Ernani Verdis erster internationaler Erfolg, der ihm, als andere Werke aus den frühen Jahren schon längst vergessen waren, während seiner gesamten Lebenszeit begleitete. Ernani führt als älterer Bruder des Manrico auch die Reihe der noblen Banditen, Außenseiter und Verstoßenen an, zu denen neben dem Trovatore, der Carlo in den Masnadieri nach Schiller, der Corsaro Corrado nach Byron und auch Procida gehören.

Verdis „Ernani“ am Nationaltheater Mannheim/ Szene/ Foto Hans Jörg Michel

Merkwürdigerweise hatten Dirigent Benjamin Reiners und Regisseurin Yana Kim kein rechtes Zutrauen zu der suggestiven Nummer, versteckten den Chor auf der aufgeklappten Bühne im Hinter- und Untergrund, was in der Aachener Kaisergruft, wo der zum Kaiser Karl V. gekrönte spanische König Don Carlo seine Widersacher begnadigt, zu wenig klanglicher Entfaltung führt. Dreh und Angelpunkt in den vier Akten der Oper, die mit Ausnahme dieses dritten, alle im Spanien des frühen 16. Jahrhunderts spielen, ist die Liebe dreier Männer zu Elvira, wobei der alte Grande Don Ruy Gomez de Silva als ihr Onkel klar im Vorteil ist, und Ernani und Don Carlo etwas hilflos um sie konkurrieren. Ernani tut sich sogar mit Silva zusammen, um gemeinsame Sache gegen den König und Rivalen zu machen. Nach seiner Kaiserkrönung entsagt Carlo Elvira, gibt sie dem Banditen Ernani, der natürlich edler Abkunft ist und die Ehre seines Vaters reinwaschen will. Nun könnte sich alles in den walzenden Fest- und Hochzeitsklängen des vierten Aktes auflösen, käme da nicht der Alte, der finster und verbohrt, neidig und hasserfüllt das Leben Ernanis fordert, welches dieser ihm einst verpfändete. Statt endlich selbst zu sterben, zerstört er das Leben von Elvira und Ernani. Den Aufruhr der Jungen gegen die Alten hat Verdi gerne thematisiert. Kim schlägt das Thema bereits bei den ersten Tönen des Preludio an, wo die Granden steif aufgereiht stehen, ein Junge etwas von einer Gouvernante eingeschenkt bekommt und anschließend auf den Schuhen seines Vaters stehend mit diesem eine Runde tanzt. Wir haben die Alte sofort vergessen. Ist es dieselbe, die später – gleich der intriganten Alten aus Hitchcocks Notorious – Silva zur Rache und Hass anstachelt und sich womöglich selbst Hoffnungen auf ihn macht? Aus dem Jungen wird ein Aufrührer und Außenseiter, der immer noch schwarze Hosen und rote Hemden trägt. Kim, der im Vorjahr Schumanns Genoveva überzeugend gelungen war, erzählt keine Geschichte, sondern belässt es in den hochromantischen Vorgaben aus Rebellenzeltlager, Hochzeitsvorbereitungen, geheimen Türen und Verstecken, Fluchtwegen, Verschwörung und Rache bei angedeuteten Bildern.

Ungeachtet eines Mindestmaßes an logischer Plausibilität stehen die Figuren auf der Bühne, auch dann, wenn sie eigentlich nicht dorthin gehören, fast wie in Trance, nur ihren Gefühlen folgend. Was man am ehesten der wie ein Opferlamm an Perlenketten herbeigezerrten Elvira glauben mag. Mit starken Einwürfen, die die Analytiker im Publikum herausfordern, bebildert Kim das Geschehen. Heike Scheele klappt dazu ihre karge Bühne wie einen Spiegel auf, in dem sich das Geschehen vervielfältigt oder mit gewagten Bildern kommentiert wird. Aus frühen 16. Jahrhunderts verlegt Kim das Geschehen in die Zeit der Uraufführung von Victor Hugos „Hernani“ und die Epoche des Bürgerkönigs, wo die Parteien wie die Touristen die Liegestühle am Strand den armseligen Thron abwechselnd mit der Trikolore und der Lilienfahne der Bourbonen belegen. Derweil rieselt dem König der Sand zwischen den Fingern, wenn er von den Träumen seiner Jugend spricht („Oh, de verd’anni miei“), denken wir über den Nackten mit dem Eisblock nach und die Frau zwischen den nackten Männern und die im Fischernetz hochgehievte nackte Braut nach. Eine unübersehbare Reihe von Gekrönten versinnbildlicht die Macht der Väter, die am Ende durch die geschlossene Reihe der grauen Greise und Greisinnen die alten Verhältnisse zementiert. Irgendwie muss Elvira mit ihnen zurechtkommen. Miriam Clark ist sich bewusst, dass es nicht nur um szenische, sondern vor allem auch hoch ausdifferenzierte musikalische Formeln geht und verzierte ihren Ruf nach Rettung „Ernani! Ernani, involami“ nach alter Art so reich und lustvoll wie man das heute kaum mehr hört. Bei aller stimmlichen Splendeur bleibt Clark, die kürzlich eine für mich erstaunliche Norma sang, als Figur blass. Wie auch der georgische Tenor und der aserbaidschanische Bariton. Irakli Kakhidze sang den Ernani mit robuster Geschmeidigkeit, Evez Abdulla bemühte sich um ein flächiges Legato, das den Don Carlo in die Nähe von Donizettis kastilischen König Alphonse XI. rückt. Schön, dass Sung Ha auch das nachkomponierte „Infin che brando vindice“ singen durfte, mit dem Verdi die Partie von einem Choristen des Theaters kreierte Partie des Silva aufwertete. Im Aufruhr der Jungen gegen die verbiesterte Kaste der Alten blieb die brodelnde Leidenschaft und das jugendliche Draufgängertum des 30jährigen Verdi, der Überschwang und das rhythmischem Drängen etwas auf der Strecke. Nach der Pause riss Benjamin Reiners das Drama an sich und gestaltete mit dem anfangs zäh spielenden Orchester eindringliche Momente, denen es in den großen Ensembles an Überzeugungskraft fehlte (Foto oben: Verdis „Ernani“ am Nationaltheater Mannheim/ Szene/ Foto Hans Jörg Michel). Rolf Fath