Deutscher Bilderbogen

 

100 Jahre deutscher Geschichte blättert Terry Gilliam in seiner Inszenierung von Berlioz’ La damnation de Faust im Schiller Theater auf (nachdem das nicht eigentlich für die Bühne bestimmte Werk zuletzt an der Deutschen Oper 2014 und davor 1983 in der Götz-Friedrich-Produktion ebendort gegeben wurde). Zu Beginn der Handlung, die mit einer Ohren betäubenden Explosion eingeleitet wird, was in den Zeiten des Terrors besonders befremdet, befinden wir uns in der deutschen Romantik, wie Hildegard Bechtlers Bühne mit einer Wald- und Gebirgslandschaft in der Manier von Caspar David Friedrich anzeigt. Eine Gruppe von Tänzern (Choreographie und Regiemitarbeit: Leah Hausman) feiert als munteres Landvolk den Frühling, während kurz darauf gespenstischer Mummenschanz zu den militant aufgepeitschten Klängen der Marche hongroise direkt zum 1. Weltkrieg überleitet. Europas Herrscher in marionettenhaft karikiertem Gestus teilen den Kontinent (in Form einer riesigen Torte) unter sich auf. Schon hier arbeitet das Produktionsteam mit zeitgenössischen Dokumenten, die als Videos (Finn Ross) eingeblendet werden. Es sind Kriegsbilder mit Jagdbombern, die ihre Sprengsätze abwerfen, Schlachtfelder und Schützengräben mit sterbenden Soldaten. Schnell wechseln die Bilder – von Faust Studierstube, einem schräg gekippten Würfel mit Kreideformeln auf schwarzen Schiefertafeln, über die Krankenstation in einer Kirchenruine, wo Faust im weißen Kittel als Arzt tätig ist, bis zu einer wüsten Ansammlung von Bettlern, Huren, Krüppeln und Transvestiten in Auerbachs Keller. Die Bildwelten von Grosz und Dix (so seine Tänzerin Anita Berber im roten Kleid) werden hier lebendig. Aber die Inszenierung läuft an dieser Stelle auch Gefahr, in eine Hitler-Revue abzugleiten mit dem Führer auf einem erhöhten Felsplateau und marschierenden SA-Kumpanen mit Hakenkreuzbinden. Für Fausts Traum stellt der Regisseur den Feuerzauber aus Wagners Walküre nach, den folgenden Soldatenchor und das Studentenlied illustriert das Team mit Bildern der Olympischen Spiele in Berlin 1932. In der Szene bei Marguerite in einer Kleinstadt mit Fleischerladen, Bahnhofsuhr und überdimensionalem Plakat eines schmucken Hitlerjungen eskaliert das Geschehen, wenn sie unmittelbar nach dem Liebesduett mit Faust verhaftet und deportiert wird. Ihre Romanze „D’amour l’ardente flamme“ singt sie in einem dunklen Transportwaggon inmitten von auf ihren Koffern sitzenden Juden. Faust preist währenddessen die Natur, verbrennt seine Bücher und schließt nun endlich einen Pakt mit Méphistophélès. Beider wilder Ritt auf einem Motorrad mit Beiwagen, bei dem die Bäume gespenstisch vorüberziehen, ist eines der einprägsamsten Bilder der Inszenierung. Auch Fausts Sturz kopfüber in den Abgrund gehört dazu, ebenso die Schlussapotheose der Marguerite, die auf einem goldenen Leichenhügel aufgebahrt ist und mittels einer raffinierten Lichtgestaltung (Peter Mumford) scheinbar unmerklich in Asche übergeht. Es ist eine Überfülle an  Bildern, welche das Inszenierungsteam anbietet – viele davon sind wirkungsvoll, viele verstörend.

„La damnation de Faust“ an der Berliner Staatsoper/ Szene/ Foto Matthias Baust

Der glatzköpfige Méphistophélès im Frack und Ledermantel (Kostüme: Katrina Lindsay), der ständig von mehreren lemurenhaften, skelettierten Gestalten mit Gasmasken und Stahlhelmen begleitet wird, führt sich anfangs als Spielmacher ein und bleibt dank der agilen Darstellung und faszinierenden Präsenz von Florian Boesch durchgängig das Zentrum der Aufführung. Ein fieser, aasiger Typ, der alle Schreckensbilder gelassen betrachtet und sich dabei genüsslich aus der Popkorntüte bedient. Der österreichische Bariton singt markant, mit süffisanten, zynischen Untertönen, nur in der Höhe gelegentlich etwas bemüht. Als Marguerite in blonder Zopfperücke und schwarz/weiß/rotem Dirndl beginnt Magdalena Kozená sehr delikat, klingt aber bei ihrem großen Solo in der oberen Lage strapaziert und grell. Charles Castronovo ist der Faust mit fuchsroter Haartolle in Knickerbockers. Sein baritonal grundierter Tenor ertönt kraftvoll und strahlend, nur bei den exponierten Noten im Liebesduett muss er Zuflucht ins Falsett nehmen mit dem Resultat einiger gequält klingender Momente. Grandios aber gelingt ihm die nachfolgende Invocation à la  nature.

Martin Wright hat den Staatsopernchor und Kinderchor des Hauses perfekt vorbereitet. Die unterschiedlichen Gesänge – ob der pastorale Chor der Bauern, die Amen-Fuge, der Soldatenchor oder die finale Apotheose – ertönen präzise, differenziert und klangvoll. Simon Rattle leitet die Staatskapelle Berlin mit erfahrener Hand, evoziert rauschhafte, fiebrige, martialische, aber auch zarte, träumerische, idyllische Stimmungen und hat die Belange der Sänger jederzeit im Blick.

Die Staatsoper zeigt diese Produktion als Übernahme von der ENO London, dem Teatro Massimo Palermo und De Vlaamse Opera Antwerpen und sorgte damit für eine kontrovers aufgenommene, aber ungemein anregende Aufführung (1. Juni 2017/ Foto oben: „La damnation de Faust“ an der Berliner Staatsoper/ Szene/ Foto Matthias Baust). Bernd Hoppe