Der allgegenwärtige Tod

 

Die Verbundenheit von Aribert Reimann mit der Deutschen Oper Berlin ist beeindruckend – bereits vier seiner mittlerweile neun Opern erlebten an diesem Hause ihre Uraufführung. Nun kehrt der 81jährige Komponist mit seiner neuesten Schöpfung nach Berlin zurück. L’Invisible heißt diese Trilogie lyrique nach Maurice Maeterlincks Dramen L’Intruse, Intérieur und La mort de Tintagiles, die der Komponist selbst zu einem Libretto vereint hat. Alle drei Teile befassen sich mit der Unausweichlichkeit des Todes, dem Unsichtbaren und Allgegenwärtigen.

Reimann findet für die eigentlich nicht zusammen gehörenden Episoden eine Klammer, welche sie zu einem Stück fügt. Es ist der Knabe, der in L’Intruse geboren wird, während seine Mutter im Kindbett stirbt, in Intérieur mit seiner Familie Weihnachten feiert und die schreckliche Nachricht vom Tod seiner Schwester im Fluss überbracht wird und schließlich in La mort de Tintagile von den Dienerinnen einer alten Königin entführt und ermordet wird.

Auch musikalisch verbindet der Komponist die Dramen durch eine spezielle Klangdramaturgie. Im ersten Stück sind ausschließlich Streicher besetzt, die zunächst hämmernde, gespenstisch klopfende Geräusche erzeugen, auch einen winselnden Duktus haben, während der Gesang von prosodisch-sprödem Charakter ist. Erst im Moment des Todes der Mutter setzen die Holzbläser mit dissonant-schrillen Klängen ein und dominieren den gesamten zweiten Teil des Werkes. Zuletzt vereint Reimann alle Orchestergruppen einschließlich des Bleches und erzeugt damit aggressive und schmerzhaft schneidende Wirkungen.

Donald Runnicles am Pult des Orchesters der Deutschen Oper Berlin hält umsichtig Bühne und Graben zusammen, ist der beste Anwalt für das Werk und führt es zum Erfolg, wie der anhaltend enthusiastische Beifall des Premierenpublikums am 8. Oktober 2017 zeigte.

Aribert Reimann/ Foto Markus Lieberenz/ Deutsche Oper Berlin

Auch eine erstrangige Besetzung hat daran großen Anteil. Die Sänger sind in mehreren Partien eingesetzt, was eine weitere Verzahnung der drei Teile darstellt. Rachel Harnisch ist nach der Ursula zu Beginn und der Marie im zweiten Teil vor allem als Ygraine im letzten Stück grandios. Als Schwester von Tintagiles (Salvador Macedo in einer Sprechrolle) fürchtet sie um sein Leben, was Reimann mit einer erregten Gesangslinie und  extremen Intervallsprüngen ausdrückt. Die Schweizer Sopranistin verdeutlicht die existentielle Situation der Figur gesanglich und szenisch bezwingend, bewegt sich auch in den sphärischen Regionen der Partie souverän. Stephen Bronk singt den blinden Großvater, der in L’Intruse als Einziger die Anwesenheit eines Fremden spürt, mit markantem Bassbariton. In Intérieur ist er der Alte, der zusammen mit dem Fremden (Thomas Blondelle mit klangvollem lyrischem Trenor) der Familie die Todesnachricht überbringen muss. Schließlich sind es drei Countertenöre (Tim Severloh/Matthew Shaw/Martin Wölfel), die durchgängig eingesetzt sind, in den Zwischenspielen aus dem Off mit klagenden Gesängen und zuletzt als Dienerinnen der imaginären Königin in zunächst bizarren Roben aus schwarzen Plastikmüllsäcken (Olga Shaishmelashvili) und dann als Tod bringende Krankenpfleger. In kleineren Rollen überzeugen Seth Carico als Vater, Annika Schlicht als Marthe und Bellangère sowie Ronita Miller als Dienerin.

Vasily Barkhatov inszeniert ein Kammerspiel in Einheitsbühnenbild von Zinovy Margolin, das eine helle mobile Hausfassade von rauem Putz und zwei Etagen mit Fenstern, Glastür und Terrasse zeigt. Schon im ersten Teil erzeugt der Regisseur eine beklemmende Atmosphäre, die im mittleren in eine surreale Dimension kippt, wo die Familie um den Weihnachtstisch gruppiert ist und an der Hausfassade gespenstische Schattenspiele mit Fabelwesen zwischen Mensch und Tier zu sehen sind. Es sind die Bewohner des Dorfes, die die Leiche des  Mädchens im Fluss finden und zum Haus bringen. Im letzten Teil mit einem Krankenzimmer erreicht die Spannung ihren Höhepunkt, wenn der Tod des Kindes mehrfach gezeigt wird – im Krankenbett, bei einem Horror-Unfall mit ausgebranntem Auto und Feuerwehrmännern in Schutzanzügen, ertrunken in einer Badewanne und in einem brennenden Gebäude.

Die gelungene Uraufführung war die Antwort der Deutschen Oper auf die wenig überzeugende Eröffnungsproduktion Unter den Linden wenige Tage zuvor, was einen spannenden Wettstreit der beiden Häuser in Zukunft erwarten lässt (Foto oben: Reimanns Oper „L´Invisible“ an der Deutschen Oper Berlin/ Szene/ Foto Bernd Uhlig). Bernd Hoppe