Dekoriertes Bewusstsein, verpasste Chance

 

Vor einigen Wochen hat die Altistin Hanna Schwarz in einem Interview in der Staatsoper Hamburg zu Recht dafür plädiert, dass die Oper nicht nur reine „Dekorationsoper“ sein dürfe, sonst verspiele sie ihre gesellschaftliche Relevanz. Sie müsse sich modernen Themen und Ästhetiken öffnen. Beim Hamburger Opernpublikum stieß dies auf deutlich verhaltene Zustimmung; und so ist es umso mutiger, dass man diesem Publikum nun IchUndIch – eine Oper nach dem gleichnamigen Theaterstück von Else Lasker-Schüler – zumuten will.

Ein mutiger Schritt auch deswegen, weil das Theaterstück bereits eine Zumutung ist. Die vor den Nationalsozialisten ins Exil geflüchtete Dichterin Else Lasker-Schüler verfasste ihr genialisch-groteskes, düster-anspielungsreiches Stück 1941 in Palästina, auch ihre Freunde hielten es zunächst für ein Dokument des Wahns. In diesem Stück tritt eine Dichterin auf, die ein Stück präsentiert, in dem sich Mephisto, Faust/Goethe (Daniel Kluge), Göbbels (Martin Summer), Göhring (Hiroshi Amako), von Schirrach (Andre Nevans) Marte Schwertlein (Ida Adrian) in der Hölle treffen. Es sind also literarische Figuren und historische Personen (die durch die eigenwillige Schreibweise Lasker-Schülers ebenfalls eine Markierung als Figuren erfahren) hier versammelt, es geht um Geschichte und Geschichten, um „Dichtung und Wahrheit“, um das Zusammenspiel von Illusion und Realität, um untrennbare Verwicklungen dieser Sphären.

Die Inszenierung von Christian von Treskow platziert das Publikum auf der Probebühne 1 der Staatsoper im Kreis um das komplexe Geschehen herum, setzt es Videoeinspielungen und Stroboskoplicht aus, flimmernd-blitzenden Leinwänden, wenn die in der Hölle versammelten Nazis „Heil Hitler“ grölen. Es nimmt auch ihm also den sicheren Ort – denn wessen Publikum ist dieses Publikum, wenn es ein Stück im Stück präsentiert bekommt?

Durch das Stück im Stück wird das Wie von Inszenierung gezeigt, wenn Max Reinhardt (hier gespielt vom Komponisten und Dirigenten Johannes Harneit vom Dirigentenpult aus), Mephisto Regieanweisungen erteilt und der erste Mephisto – in furchteinflößender Kostümierung dargestellt von Martin Summer – schließlich die Inszenierung verlässt und ersetzt wird, durch einen zweiten Darsteller (Jóhann Kristinsson), der diese Rolle deswegen bekommt, weil sein Vater bereits ein Mephisto-Darsteller gewesen ist. Summer kehrt als Göhring ins Höllengeschehen und schließlich als Journalist Mr. Swet auf die Bühne zurück.

Es sind Verdoppelungen der Identität, die dem Stück im Stück geschuldet sind, aber auch seinen besonderen Ort markieren: Mehrfach reflektiert dieses Stück die Bedeutung des Exils; nicht nur im Sinne seiner Entstehungsgeschichte, sondern auch auf verschiedenen Ebenen thematisch. „Nur die Ewigkeit ist kein Exil“, singt Mephisto 2, der sich selbst als Exilierter begreift. Das Exil durchschlägt die Identität als Homogenes: Der gezwungenen Abspaltung von der Heimat gehen gesellschaftliche Spaltungen voran, die die Identität als Gespaltenes mit konstituieren.

„ichundich“ an der Hamburger Staatsoper/ Szene/ Foto wie auch oben Landsberg

IchUndIch: ein Unversöhntes, ein Mehr-Als-Ich, eine uneinholbare Fremdheit im Selbst, aber auch das Produkt von antisemitischen Zuschreibungen, die Identität zerreißen. IchUndIch: Mephisto als nicht loszulösender Teil, nicht nur von Faust, sondern auch von Goethe. Die Hochkultur bleibt mit dem Bösen verstrickt, über das sie sich erhaben fühlt; sie begegnet dem eigenen Verdrängten, sie beginnt sich selbst unheimlich zu werden, sie erkennt sich nicht mehr.

Die Komposition von Harneit setzt die Hybridität des Stückes gelungen um; wenn er all jene musikalische Vielfalt berücksichtigt, die Lasker-Schüler selbst ins Stück integrierte, wenn er Stille hörbar werden lässt oder Bewegungen musikalisch mitvollzieht, wenn er Romantik bricht, die er zuvor evozierte. Der Chor singt Religiöses und Lautmalerisches, er ist versteckt und tritt offensiv in das Geschehen.

In gewohnter Brillanz singt Gabriele Rossmanith die Partie der Dichterin und leistet auch darstellerisch Enormes, wenn die Dichterin nach der Konfrontation mit der Vogelscheuche, Sinnbild der entorteten, ver-scheuchten Exilantin, (beeindruckend gesungen und gespielt von Hellen Kwon) schließlich den Tod findet; denn: für „eines Dichterin unbegrenzten Traum, hat eure Welt wahrlich gezimmert nicht den Raum“.

Dennoch: Bei allen gelungenen Momenten der ästhetischen und musikalischen Umsetzung, bei allen packenden Bildern die das Höllenspektakel erzeugt – die Inszenierung von Von Treskow scheut zu fragen, inwiefern sie selbst verwickelt ist. Mit dem Anspruch des Dokumentarischen, den die Oper musikalisch erhebt und dort gelungen umsetzt, wird auf der Ebene der Inszenierung eine Chance verspielt: Den eigenen Ort des Sprechens kritisch in den Blick zu nehmen; dabei verlangt Lasker-Schülers Stück auch genau das von der Kunst. Als könne man nur zeigen, was schreckliche Historie ist, führt die Oper auf, aber führt nicht aus, was sie zu sagen hat. Doch wenn die Oper nicht fragt, von welchem Ort sie selbst spricht, wenn sie über die angefochtenen Orte der Anderen zu sprechen beginnt, dekoriert sie zwar in beachtlicher Weise ihr Bewusstsein – ändert ihren Standort aber nicht. Miriam N. Reinhard