Dein Freund, der Affe

 

Nichts wie weg aus dem Mief des engen 50er-Jahre-Zimmers. Weg von der Mutter, die sich nackt vor dem Spiegel stehend mit dem Blick auf den toten Gatten die Brüste reibt und sich auf dem Sofa räkelt. Der Junge, der die Szene mitbekommt, ist angeekelt, geht die Mutter wütend an, greift sich sein Kuscheltier und stürmt aus der Wohnung. Bei Wolfram von Eschenbach, dem Richard Wagner in seinem Entwurf zu seinem letzten Bühnenwerk folgt, jagt der vaterlos aufgewachsene Junge den glänzenden Rittern nach und schlägt sich mit Pfeil und Bogen durch. An der Straßburger Oper verknüpft Amon Miyamotos im Parsifal zwei Ebenen und schickt den Jungen in seiner Inszenierung von Wagners Bühnenweihfestspiel auf einen Weg, auf dem er auf sein herangereiftes Alter Ego trifft und mit diesem gemeinsam in die Grals-Welt des Gurnemanz und das Zauberschloss Klingsors dringt. Miyamoto erzählt Parsifal konsequent als frühen Bildungs- und Entwicklungsroman und verquere Familiengeschichte. Schon vor zwei Jahren hatte er am gleichen Haus in seiner Inszenierung von Mayuzumis Oper Der goldenem Pavillon dem Ich-Erzähler ein junges Alter Ego an die Hand gegeben, um den Freundschafts- und Liebesbund, das Lehrer und Novizen-Verhältnis in der von Mishima rätselhaft aufbereiteten Geschichte um Schönheit und Kunst zu vertiefen. Dominierte seinerzeit eine japanisch inspirierte zeichenhafte Nüchternheit, so flutet der durch Musical- wie Schauspiel- und Opernproduktionen gleichermaßen hervorgetretene Miyamoto die neuerlich von Boris Kuclicka eingerichtete Bühne mit Bildern und Assoziationen, zieht Deutungsebenen ein, die Wagners noch rätselhafteres Werk zum verwirrenden Rebus machen, der auch das Publikum der koproduzierenden Nikikai Opera in Tokio beschäftigen wird.

Akt 3 der Strasburger „Parsifal“-Produktion/ Szene/ Foto wie auch oben  Klara Beck

Auf der Drehbühne schreiten die beiden Parsifale, der pubertierende Junge und der junge Mann, durch die Säle eines Museums und deren Abteilung „L’ Humanité“, wo die Geschichte der Menschheit  durch die Entwicklungsstufen vom Affen bis zum Menschen dargestellt sind, und durch den Raum mit den mittelalterlichen Kreuzigungsszenen, wo sie auf den einem Heiligenbild entstiegenen Gurnemanz und seine Jünger treffen. Sie gelangen in den Pathologieraum des Gebäudes, wo die Gralsritter und der wie aus „Körperwelten“-Ausstellung stammende, halbverweste Titurel sich mit dem Blut des zu Ader gelassenen Amfortas neue Kraft holen. Und schließlich zu Klingsor, dem Security-Chef in der Überwachungszentrale des Museums, wo der Junge die Übergriffe miterlebt, der seine wohl nicht ganz hingebungslose Mutter ausgesetzt ist. Miyamotos Inszenierung, die in der Gralswelt relativ betulich bleibt, spielt ihre Stärken im zweiten Akt aus, wo sich die Beziehung des Jungen zu seiner Mutter, die ihm als Museumsaufseherin folgt und zum Kuss zwingen will, in der Verführung Parsifals durch Kundry wiederholt. Das gerät spannend, auch weil sich Thomas Blondelle bei seinem beachtlich gelungenen Rollendebüt als geradezu brennender, fast rücksichtslos verausgabender Parsifal erweist, der mehr auf die plakativ baritonale Wucht seines Tenors als auf feine Spährenklänge des Erlösers achtet. Christiane Stotijn kann die mütterlich fürsorglichen Züge Kundrys mit der der warmen Tiefe ihres eher fürs Konzertpodium geeigneten Mezzosoprans ausspielen, während die  flache Stimme, die unruhigen und angeschliffenen Tönen und die kurze und grell angepeilten Höhe wenig Verführungskraft ausstrahlen.

Bartek Macias garniert den Museumsbesuch mit einer Video-Reise ins Weltall und einen poetischen Blick auf die Erde. Die unschuldige Natur bricht in Gestalt eines sanft lockenden Affen aus einem Bild heraus. Ihm folgt Parsifal am Ende seiner Bildungsreise, während sich der Junge, nachdem er seinen Vater gefunden hat, mit seiner Mutter versöhnt.

Den Bildern sollte die musikalische Wiedergabe ebenso starke Eindrücke zur Seite stellen. Im übersichtlich dimensionierten Haus hatte Marko Letonja Mühe das für die akustischen Gegebenheiten in Bayreuth konzipierte Werk zum Glühen zu bringen. In den Außenakten verströmen der robuste und harsche Klang der Straßburger Philharmoniker und die spröden Chöre aus Dijon und Straßburg wenig von der Magie des Mischklanges, der eine Generation französischer Komponisten des fin-de-siècle in den Bann schlug. In den faszinierenden Momenten setzt sich eine forsche pragmatische Dringlichkeit durch, gefällt vor allem die Textdeutlichkeit und Präsenz der von Letonja nie zugedeckten Stimmen: Ante Jerkunicas kraftvoller, schwarz gehämmerter, in der Formlosigkeit der langen Erzählungen auch etwas langweiliger Gurnemanz, Markus Marquardts intensiver, selbstquälerisch angerauter Amfortas, Simon Baileys mit seigneuralem Heldenbariton ausgestatteter Klingsor und Konstantin Gornys mit kluger Autorität ausgestatteter Titurel (29. Januar 2020).Rolf Fath