Das Manga-Mädchen und das fremde Tier

 

Das Mädchen ist verwirrt. Gerade noch Kind, jetzt Thronerbin. Und jedermann erwartet, dass es sich einen Gatten wählt. Der Kanzler warnt gar vor einem Aufstand. Alle raten ihr, den Ritter Tancred zu nehmen, doch den, „der alle Mägde küsst, der nur die Krone will, nicht mich“, den will es auch nicht. Des nachts erklingen vor dem Schloss die sehnsuchtsvollen Gesänge des Namenlosen Sängers, die Lianoras Innerstes berühren. Die Prinzessin fühlt sich von ihm verstanden. Keiner kennt den unbekannten Maskierten, doch alle sind bezaubert von seinen Liedern. Mit der Wiedererweckung der dramatischen Ballade Das Lied der Nacht hat das Theater Osnabrück eine schöne Unbekannte wachgeküsst.

Fast ein ganzes Jahrhundert hat Hans Gál (1890 – 1987) erlebt. Die Hälfte davon in England, wohin er 1938 floh und später als hochgeachtet Pädagoge in Edinburgh lehrte. Manche haben noch seine Anleitung zum Partiturlesen im Regal stehen. Seine Opern waren längst vergessen. Auch das 1926 in Breslau uraufgeführte symbolistische Märchen Das Lied der Nacht (mit Josef Witt als Namenlosem Sänger), das u. a. noch in Düsseldorf, Königsberg und Graz Reprisen erlebte, dann aber dem Bann der Nationalsozialisten um Opfer fiel. Seine Stelle als Direktor der Städtischen Musikhochschule in Mainz hatte der bei Wien geborene Jude bereits verloren. Gáls Werk wurde unter den Nazis zur „Entarteten Musik“ gerechnet. Er war kein Zwölftöner und Avantgardist, aber einer jener Komponisten, die die Tonalität an ihre Grenzen führten, der neue Wege im Bekannten suchte und eine Orchestersprache von eigener Klanglichkeit und Sensibilität schuf. Ja, was ist das, fragt mein Nachbar? Operette, Filmmusik? Das nicht, aber eine gut hörbare, fassliche und doch irgendwie verschwenderisch in neue Gefilde weisende Musik, es klingt nach prägnant kantigem Auftakt üppig nach Strauss, etwa wenn Lianoras Vertraute Hämone von den Myrthen spricht, man denkt – nicht nur wegen des geheimnisvollen Fremden – an Korngold und sein Wunder der Heliane, vielleicht auch an Zemlinsky. Doch immer wieder an Strauss, so im klangüppigen Quartett des dritten Aktes, in der Keikobad-Sphäre, die den Auftritt der Äbtissin umgibt. Hier schwingen sich die Stimmen vom ariosen Rezitativ zur großen Gesangsoper auf. Daneben gibt es sanfte schlichte melodiöse Phrasen, etwa wenn Lianora ihrer Vertrauten Hämone (Susann Vent-Wunderlich) deren kleinen Verrat verzeiht. Oder das kleine Liedchen des Kanzlers, der vom Häuschen vor der Stadt träumt; José Gallisa singt ihn mit gequetschtem Bass und verfärbten Vokalen. Schlechtes Deutsch liefert auch der den Text vermanschende Rhys Jenkins, der seinen massiven Bariton oft brachial herausstößt. Die Inszenierung hat den Tancred mit seinem blonden Langhaar à la Botha und Versace-Buntanzug gleich als Bewerber aussortiert. Wie toll der Text auch über die Rampe gebracht werden kann, zeigen Gritt Gnauck, die als überlebensgroße Äbtissin ihren dramatischen Alt effektiv und wortgewaltig einsetzt. Aber auch Lina Liù als Lianora, die sich wie die Märchenprinzessin Turandot so schwer mit den Männern tut. Die chinesische Sopranistin ist nicht nur wortdeutlich, sondern singt mit glockigem, höhenreinem Sopran und kommt mit der sie zunehmend fordernden hohen Lage fast mühelos zurecht. Als Bootsmann Ciullo und Namenloser Sänger ist Ferdinand von Bothmer etwas spröde prosaisch, bietet dann aber in der nächtlichen Begegnung mit der Prinzessin kálmánsches Melos auf.

Hans Gáls „Lied der Nacht“ in Osnabrück/ Szene/ Foto Jörg Landsberg

Den Text ließ sich Gál von seinem ständiger Librettisten Karl Michael von Levetzow erstellen, dessen Urgroßtante Ulrike als Goethes letzte Liebe Literaturgeschichte mitgestaltete. Der Nachkomme eines mecklenburgischen Adelsgeschlechts führte ein antibourgeoises Leben, so nannte man das damals, reiste mit seinem Lebensgefährten in die schönsten Gegenden im Süden, ließ sich viel später auf dem südmährischen Familiengut nieder, betätigte sich weiterhin literarisch, wurde 1945 von der Roten Armee arrestiert und starb, „mutmaßlich nach Misshandlungen durch einen Wärter“. Sein Text ist von einer hohen poetischen Kraft, mein Nachbar freilich fand ihn „altbacken“, umkreist das Gesagte immer mehrfach, passt dabei gut zu Gáls Musik, die den Text reflektiert, die illustrativ und psychologisierend ist, die Stimmungen aufnimmt – besonders schön das Vorspiel zum zweiten Akt – dabei oft von erlesener Subtilität ist, aber eben nicht sehr dramatisch, es sei denn bei den Trompetensignalen und dem Festgetöse des dritten Aktes, das die Ernennung des Königs ankündigt. Mehrfach wünscht man der Dramatischen Ballade aber, dass Text und Musik auf den Punkt kommen.

Das ist zweifellos ein wenig eklektizistisch, musikalisch wie inhaltlich, ein Märchen, ein Symbolspiel, in dem Lianora immer wieder vom „fremden Tier“ spricht, das sie ängstigt. Am Ende will die Prinzessin den Namenlosen Sänger, den sie um Hilfe anrief, als sie Tancred in der Nacht bedrängte, als Gatten verkünden. Der Schock sitzt, als er die Maske löst: es ist der Bootsmann Ciullo. Sie zögert zu lange, begeht den gleichen Fehler wie einst die Tante.  Der Geliebte entleibt sich. Lianora wird Schutz im Kloster suchen, sozusagen lebendig eingemauert. Die letzten Worte hat die Steinerne Äbtissin, die wie ein Abbild von Levetzows zeitlebens unverheiratet gebliebener Ur-Großtante Ulrike von Levetzow anmutet, „Eine Stunde ist in unserem Leben, da schlägt in klingender Nacht Weltgeschehen das große Auge auf, fragt und fordert. Das ist die Stunde Deiner Wahl. Die aber bleibt das höchste der Gesetzte: Horche – gehorche! Kenne und bekenne! Wehe denen, die sich selbst verleugnen… Die Welt wird rollen über dich und dich zermalmen“.

Hans Gáls „Lied der Nacht“ in Osnabrück/ Szene/ Foto Jörg Landsberg

Mascha Pörzgen, die mit dem um die Metamorphosen erweiterten Friedenstag in Kaiserslautern eine kleine Sensation kreiert hatte, geht auch diese Oper mit beträchtlichem Geschick an. Wie ein großes Kinderzimmer hat Frank Fellmann das sizilianische Märchenkönigreich mit Himmelbett und Wiesennarben, Seeszenen und Prozession, zwischen Shabby Chic und Kindertheater zusammengewürfelt. Auch in den durch die Jahrzehnte streifenden Kostümen. Lianora, halb Pippi Langstrumpf, halb um den Vater Trauernde im schwarzen Witwengewand, und doch nur ein verkümmertes Manga-Mädchen, das „vergessen will, was ich noch nicht weiß“. Pörzgen macht keinen billigen Bilderbogen aus dem ernsten Stück, sondern erhebt auch hier Stilvielfalt zu einem durchaus konstruktiven Element. Das würde man gerne auf DVD sehen oder zumindest auf CD hören. Vielleicht wirkt dann manches nicht so laut und direkt wie im Theater, stattdessen geheimnisvoller, Lianoras Damen nicht so massiv und aufdringlich. Gál wünschte sich – das Theater zeigt auch eine kleine Ausstellung – dass sich die Singstimmen immer deutlich vom Orchester abheben, was Andreas Hotz vor allem im Mittelakt und in den Begegnungen der Prinzessin mit der steinernen Tante ausgezeichnet gelang (14. Mai 2017; Foto oben: Hans Gáls „Lied der Nacht“ in Osnabrück/ Szene/ Foto Jörg Landsberg). Rolf Fath