Das Leben ein Traum

 

Beim ersten wuchtigen Akkord des Orchesters schreckt die Kaiserin in ihrem Krankenbett aus einem Albtraum auf. Offenbar bedarf sie medizinischer Versorgung, denn der Geisterbote als Arzt im weißen Kittel, ihr Gatte (der Kaiser) und die Amme in weißer Schürze als Wärterin umringen die Bettstatt. Ein nüchterner Raum mit einem imitierten braunen Holzfurnier (Ausstattung: Christian Schmidt), der sich nur wenig verändert und keinerlei märchenhaftes Ornament zulässt, gibt den Schauplatz ab für die Neuinszenierung von Richard Strauss’ Oper Die Frau ohne Schatten im Rahmen der Festtage 2017. Sie ist eine Koproduktion mit dem Royal Opera House Covent Garden London und dem Teatro  alla Scala Mailand, wo die Aufführungen bereits 2013 und 14 gezeigt wurden. Zubin Mehta am Pult der Staatskapelle Berlin dachte wohl an die Dimensionen dieser Häuser, denn er peitscht den Orchesterklang hoch bis zum Exzess. Das Schiller Theater erwies sich dafür als der falsche Ort. Die von ihm im Graben erzeugten Gewalten zwingen die Sänger fast permanent zum Forcieren mit der Folge strapazierter, in der Höhe greller Töne bis zum Gekreisch. Nur in wenigen Momenten kann man das schillernde, schwelgerische Spiel des Orchesters genießen – so in einigen Zwischenspielen und Einleitungen zu zentralen Szenen der Protagonisten, wo die Solomusiker an der Violine und am Cello mit subtilem Zauber aufwarten. Da kommt das reiche Geflecht der Komposition mit seinen vielen Verästelungen zu schönster Wirkung.

Das Stück ist eine Herausforderung für jedes große Opernhaus, verlangt es doch in den Hauptpartien fünf erste Sänger. Für die Titelrolle, die Kaiserin, braucht es einen jugendlich-dramatischen Sopran mit Leuchtkraft bis in die Extremhöhe, Durchschlagsvermögen und möglichst ätherischem Klang. Camilla Nylund überrascht bei ihrem Rollendebüt mit bis zum Schluss nicht versiegenden stimmlichen Reserven, setzt auf einen lyrisch-schlanken Gesang, der nur gelegentlich in der exponierten Lage etwas eng klingt. Im 3. Akt gelingt ihr bei der großen Szene „Vater, bist du’s?“ mit empfindsam-zarten Gespinsten, aber auch jubelnder Emphase noch ein sehr stimmungsvoller Moment. Einen zwiespältigen Eindruck hinterlässt der Kaiser von Burkhard Fritz, dessen Tenor es an Glanz und souveränen Spitzentönen fehlt. Am besten gelingt ihm die vorwiegend in der Mittellage notierte Falknerszene, nur vor dem heiklen Schlusston muss der Sänger kapitulieren. Und in seinem letzten Solo, „Wenn das Herz aus Kristall“, wirkt die Stimme wieder durchweg gequält.   Hochdramatische Ausbrüche werden der Färbersfrau abverlangt, die Iréne Theorin mit phänomenaler Kraft mühelos meistert. Wenn sie singt, dominiert sie das musikalische Gefüge. Auch wenn ihr zur Schrillheit neigender Sopran dem Ohr nicht schmeichelt, so korrespondiert er doch zur Figur mit ihren hysterischen Anflügen. Und in den Momenten ihrer Annäherung an Barak vernimmt man von der Schwedin, die hier wohl ihre Idealrolle gefunden hat, überraschend auch Töne von lyrischer Zartheit. Ihr Mann, der Färber Barak, ist die menschlichste Figur im Stück, und Wolfgang Koch weiß das mit seinem warmen, kraftvollen Bariton überzeugend zu vermitteln. Sein Gesang ist markant und differenziert, findet allerdings nicht zu dem balsamischen Strömen, das man in manchen Momenten erwartet und von großen Rollenvorgängern gehört hat. Da gibt es sogar vereinzelte dröhnende Töne im forte, aber insgesamt ist seine Leistung sehr ansprechend. Nicht so die der Amme von Michaela Schuster, die ihre Darstellung mit Stummfilmpathos grotesk übertreibt und mit keifender, in der Höhe limitierter Stimme peinigt. Ihr Mezzo hat Löcher, die Deklamation Lücken. Stimmlich solide der Geisterbote von Roman Trekel, die Stimme des Falken (Narine Yeghiyan), der Hüter der Schwelle des Tempels (Evelin Novak) und die Stimme von oben (Anja Schlosser), aber geradezu sensationell die Erscheinung eines Jünglings von Jun-Sang Han. Selten hat man diese kurze, aber wichtige Rolle von einem solch voluminösen, kraftvollen und klangschönen Tenor gehört.

„Die Frau ohne Schatten“ an der Berliner Staatsoper“ Szene Ausschnitt/ Foto Hans Jörg Michel

Claus Guth vereint in seiner Inszenierung, die den Traum der Kaiserin erzählt, konsequent Menschen, Tiere und Fabelwesen zu einem oft schwer zu entschlüsselnden Psychodrama. Der Kaiserin ist eine feingliedrige Gazelle im weißen Kleid zur Seite gestellt, dem Keikobad ein gewaltiger Bock im schwarzen Gehrock. Später sieht man sogar eine Schar von Gazellenjungen als hoffnungsvolles Zeichen für den Nachwuchs. Die Amme mit ihren schwarzen Batman-Fledermausflügeln ist umringt von dienstbaren Geistern in Schwarz von ebensolch dämonischer Erscheinung. Sehr anmutig wirkt der Falke mit seinem grauen Gefieder und dem sich erstaunlich realistisch bewegenden Vogelkopf. All diese Tiere werden choreografisch geführt, so dass allzu naturalistische Wirkungen ausbleiben.

Ein mobiles Fahrband im Bühnenboden ermöglicht das Herein- und Herausfahren verschiedener Requisiten – immer wieder ist es das Krankenbett der Kaiserin, die alle ihre Ängste, Wünsche und Sehnsüchte auf die Färbersfrau projiziert, die in identischer Gewandung als ihr Alter ego erscheint. Ein sich im Hintergrund drehendes Raumsegment bringt das grau gemaserte Färberhaus ins Geschehen. Hier beobachtet die Kaiserin betroffen den Zwiespalt des Färberpaares, versucht immer wieder zu vermitteln, weil es in Wahrheit um ihr Verhältnis zum Kaiser geht. Gelegentlich formt sie mit ihren Lippen sogar die Worte der Färbersfrau synchron, wenn auch stumm mit. Der triste Einheitsschauplatz wird im 2. Akt bei der Falknerszene aufgebrochen, wenn hinten ein felsiges, schroffes Schiefergebirge nebelumwallt hereinrollt. Aber den poetischen Zauber, die phantasievollen Szenerien und effektvollen Verwandlungen vergangener Inszenierungen vermisst man hier schmerzlich. Jeder Kenner des Werkes wartet auf die Finallösung des 2. Aktes, wenn Übermächte das Färberhaus zerstören und das Paar trennen. Guth verschenkt alle Möglichkeiten, welche diese Szene bietet, und beendet den Akt gänzlich unspektakulär. Video-Einspielungen (Andi A. Müller) von  Naturkatastrophen – Blitze, schäumende Gicht, Stürme, Flammen – sind mittlerweile so abgegriffen, dass sie keinen Effekt mehr machen.

Der letzte Akt spielt zunächst in einem Klassenzimmer oder Gerichtssaal mit Rednerpult und Stuhlreihen, erst am Ende dreht wieder das Krankenzimmer herein und wiederholt die Figurenkonstellation des Beginns. Die Kaiserin jedoch hat sich offenbar befreit von ihrem Albtraum, verlässt das Bett und geht ans Fenster, dem Licht entgegen. Das Regieteam musste für diese Konzeption Missfallensbekundungen entgegennehmen, während die Sänger und das Orchester vom Premierenpublikum am 9. 4. 2017 bejubelt wurden (Foto oben: „Die Frau ohne Schatten“ an der Berliner Staatsoper“ Szene Ausschnitt/ Foto Hans Jörg Michel). Bernd Hoppe