Das Leben: ein dunkler Wald

 

„This life is a dark wood“. Das Leben ist für Moritz ein dunkler Wald, aus dem es für ihn keinen Ausweg gibt, weshalb er Selbstmord begeht. „It is dark, dark“ flüstert der Countertenor Magid El-Bushra mit zarten, fast barocken Wendungen immer wieder. Frank Wedekind hatte seiner 1891 entstandenen Kindertragödie, mit deren Schilderung des Alltags von 14 und 15jährigen er Tabus und Sexualmoral seiner Zeit anprangerte, weshalb sie erst 1906 uraufgeführt wurde, den idyllischen Titel Frühlings Erwachen gegeben. Keine Spur von Frühling, Helle und Licht in Hans Thomallas Vier-Personen-Adaption, die er Dark Spring nennt. Der Wald ist so schwarz und finster wie bei den Brüdern Grimm. Der englische Text, den Thomalla selbst nach Wedekind einrichtete und dessen Songs der amerikanische Literat Joshua Clover verfasste, sorgt für eine gewisse Verfremdung und Distanz – könnte für ein Publikum, das sich mit ihm als Schullektüre plagen muss, aber auch Annäherung bedeuten. Viel ist von einer coolen Generation von Teenagern die Rede, „in einer Gegenwart des kapitalistischen Wettbewerbs, die geplagt von Sehnsüchten und Ängsten um Ausdruck ringen“. All zu sehr haben sich Wendla und Ilse, Melchior und Moritz von ihren 130 Jahre älteren Doppelgängern nicht entfernt. Noch immer kämpfen sie mit Problemen in der Schule, mit ihrer Sexualität, wirken zwar erwachsen und tragen dennoch ihren Teddybär mit sich. Thomalla, 1975 in Bonn geboren, seit 2007 in Chicago Komposition lehrend, hat 2011 in Stuttgart eine Medea-Oper Fremd und 2016 in Freiburg eine Kaspar Hauser –Oper vorgelegt; Fremdheit und Selbstfindung sind auch die Themen von Dark Spring, vor allem bei Moritz, der sich gerne im rotglänzenden Kleid und Blondperücke vor das Mikrophon stellt und – wie Thomallas Kaspar Hauser – mit einem zwischen den Geschlechtern irrenden Countertenor besetzt ist. Mit einem Zehn-Mann-Orchester aus Trompete, Saxophon, Klarinette, Gitarre, Klavier, Keyboard, Schlagwerk, Cello und Bass erzeugt Thomalla interessante Klangräume, in denen Pop und Musical, Minimal Music wie Neue Musik sanft fließend variiert und zitiert werden, was Alan Pierson mit viel Gespür für die feine Struktur der Farben und Klänge akribisch umsetzt, wobei sich in den auf elf Szenen und 90 Minuten Spielzeit verteilten melancholisch-elegischen Balladen, die Wedekinds Handlung nur erahnen lassen, auch Längen auftun. Ein paar Duette gibt es, beispielsweise die Szene, in der Iris und Wendla anfangs darüber sinnieren, ob sie lieber Mädchen oder Jungs bekommen wollen, „Boys! Boys! Boys“, oder die beiden Szenen zwischen der sich fast hündisch anbietenden Wendla und Melchior, die in ihrer veristischen Ruppigkeit und Intensität am opernhaftesten sind . Dazu das schöne Show-Quartett der vier, die sich in „Do you remember, do you“ an ihre Kindheit erinnern und das in seiner nostalgischen Sanftheit an das Quartett der Frauen zu Beginn des Eugen Onegin erinnert. Das ist eine gut gemachte und wirkungsvolle Ergänzung zu Benoît Merniers Oper von 2007 und erschreckt die 260 Besucher beim Spielzeitstart im Mannheimer Nationaltheater nicht.

Wedekings Echo: Hans Thomallas „Dark spring“ am Mannheimer Nationaltheater/ Foto wie auch oben  Jörg Michel

Wie wirke ich? Wie sehen mich die anderen? Die Jugendlichen sind bestrebt gut rüberzukommen. In den Kästen, die Annemarie Bulla für sie gebaut hat, wirken sie gefangen wie in Ausstellungsvitrinen, bevor sie um das auf der Bühne aufgestellte Orchester staksen und die Welt zu ihrem Laufsteg machen, Sex und Drogen ausprobieren. Barbora Horáková Joly reißt die Figuren nur knapp an und überlässt einen Großteil der Inszenierung Sergio Verde und seinen Videos und Live-Kameras. Wendla, ein schwarzer Engel, die exzessiv durch die Partynächte streifende Iris, der smarte Skater Melchior und der zwischen konventionellem Anzug und Abendkleid unentschlossen wählende Moritz: Mannheim hat vier ausgezeichnete Sänger, die den 17 Songs Tiefe und Ausdruck verleihen, neben dem von Thomalla liebevoll bedachten El-Bushra die beiden ausdrucksvollen Mezzosoprane Shachar Lavi als Wendla, die sich am Ende ein verzweifeltes „Sei fröhlich, Wendla, sei fröhlich“ zuruft, und Anna Hybiner als desillusionierte Ilse („Life is bitter on the tongue“) und den draufgängerischen Tenor Christopher Diffey als Melchior. Die Eltern, die sich nur in kurzen Videostatements zuschalten, ahnen von Depressionen und Drogenmissbrauch natürlich nichts. Rolf Fath