Crudel tiranno, Amor

 

Die 41. Karlsruher Händel-Festspiele 2018 bieten eine Neuproduktion von Alcina, die Wiederaufnahme von Semele und diverse Konzerte, auf der Bühne erwartete man u.a. die Sopranistinnen Layla Claire, Ann Devin, Rebecca Bottone, die Countertenöre David Hansen Franco Fagioli, Valer Sabadus sowie die Dirigenten Andreas Spering, Christopher Moulds, Rinaldo Alessandrini und Stefano Montanari u.v.a.m. Der junge amerikanische Regisseur James Darrah gibt mit Alcina sein Deutschland-Debüt und hat nach Glucks Iphigénie en Tauride in Lissabon (2016) sein zweites Engagement in Europa. In den USA hat Darrah bereits ein breites Spektrum inszeniert, Charpentiers Medea, Mozarts Da Ponte-Opern, Liebestrank, Verkaufte Braut, Pelléas et Mélisande, Peter Grimes oder John Adams‘ The Flowering Tree und vor allem viel Händel.

Alcina soll bereits seine neunte Händel-Inszenierung sein, doch von einer interessanten Handschrift war bei der Karlsruher Premiere nichts zu erkennen. Darrah stellt diese Oper ideen- und handlunglos wie zähen Kaugummi auf die Bühne – eine Alcina sowohl ohne Magie, ohne Spektakel und ohne Faszination als auch ohne psychologische Erzählung oder symbolische Deutung oder Vertiefung,  eine Inszenierung, die alles im Ungefähren verortet und nichts auf den Punkt bringt. Händels Oper strotzt vor Anspielungen, Beziehungen prallen aufeinander, Welt und Gegenwelt, Tugend und Treue gegen Glück und Gelöstheit. Regisseur Darrah konkretisiert nichts und niemanden, sondern abstrahiert bis zur Andeutung, er arrangiert Szenenfolgen, doch kaum etwas deutet über sich hinaus, weder baut er Spannungsbögen noch schafft er Plausibilität, sondern konzentriert sich auf Stimmung und Bilder – beides mit geringer Originalität. Die Zauberin Alcina hat aus einer öden Insel einen Platz der Glückseligkeit, aber auch der Eifersucht geschaffen, ihr Reich ist ein verwunschener Garten. Zaubergärten, Labyrinthe und Wälder sind Orte geheimnisvoller Tiefe, Orte abseits der Gewohnheit, Orte unbewußter psychischer Vorgänge – Gefahren und Verlockungen zur dunklen Seite der Macht lauern. Zu sehen ist ein karger und fast kahler Raum, viele helle Bänder hängen herab, die dicht wie Baumstämme wirken, verbergen und doch nichts Düsteres haben. Es geht nicht um Abgründe, warme beige-goldene Töne dominieren, ansonsten gibt es kaum Bühnenelemente oder Requisiten (Bühne & Licht: Mac Moc Design, Video: Adam Larsen, Kostüme: Chrisi Karvonides-Dushenko). Gegensätze bleiben vage, die konkurrierenden Liebeswelten bleiben ohne Konturen. Der Regisseur will tatsächlich nur bebildern. All das, was Alcina ausmacht, kommt nur aus der Musik: Liebe und Eifersucht, Sehnsucht und Argwohn, Begehren und Täuschung, Verführung und Verschmähung. Regisseur James Darrah erläuterte: „Das Unglaubliche an Händel ist, dass er alle diese unterschiedlichen Arten von Liebe, Begehren, Sinnlichkeit und Intimität glaubwürdig und sinnlich in Klang übersetzen kann. Er löst permanent  chemische Prozesse zwischen den Figuren, zwischen Bühne und Publikum aus, und das macht diese Oper, diese Musik für mich so aktuell.“ Regisseur Darrah hält sich kein bisschen an seine Analyse, weder prickelt es noch knistert es auf der Bühne, zu viel Starrheit lastet über dem Geschehen. Darrahs Sicht auf Alcina will nicht konkretisieren, sondern verharrt im Märchen- und Rätselhaften, er schreibt: „Sie flüchtet sich vor irgendeiner Wahrheit, mit der sie sich nicht auseinandersetzen will, in die Magie. Zauberei ist für sie ein Mittel, sich einzuigeln.“ Eine Flucht vor irgend etwas also. „Alcina schafft sich eine Insel, die von Frauen beherrscht wird, die Zauberei benutzen, um sich zu holen, was sie wollen.“ Was wollen Frauen in der Sicht des Regisseurs? Männer? Liebhaber? Zeitvertreib? Oder entdeckt Alcina nicht vielmehr mit Ruggiero die Liebe? Es ist eklatant, welche Fragen der Regisseur sich und dem Publikum nicht stellt: Wer ist diese Alcina? Eine reife Frau, die die Liebe verpasst hat? Eine alternde Frau, die nach vielen Affären den Richtigen gefunden hat, der aber mit einer anderen (jüngeren) verlobt ist? Am Ende zeigt die Inszenierung eine alternde Alcina in Video-Zeitraffer, im Schlussbild bleibt sie verzweifelt alleine zurück. Statt Liebe vorzutäuschen wird sich Alcina liebend täuschen und durch Liebe schwach werden. Die Magie ist verflogen, die Inszenierung hat sie aber auch nie beschworen. Wären nicht die Sänger, die Figuren blieben Marionetten in einer handlungsarmen, uninspirierten und reizlos erzählten Geschichte.

„Alcina“ bei den Händel-Festspielen in Karlsruhe 2018/ Szene/ Foto Felix Grünschloss

Die großartige Layla Claire war der Star der Premiere. Sie singt Alcina mit warmer und gefühlvoll-verströmender Stimme und schafft es, dass man sich im Verlauf der sechs Arien ein Bild dieser Frau machen kann. Ihre Arien sind emotional aufgeladen und wirken, insbesondere die Liebesbezeugung im 1. Akt „Di‘, cor mio“ oder auch wenn Ruggiero ihr unterstellt, sie liebe Ricciardo, antwortet sie mit dem entwaffnenden und traurigen „Sì, son quella“ mit der sie angesichts der Eifersucht Ruggieros auf der Ernsthaftigkeit ihrer Liebe besteht. „Ah mio cor“ zeigt tiefe Trauer angesichts der Abwendung und entwickelte sich zum intensiven Höhepunkt der Aufführung, bei „Ombre pallide“ am Schluss des 2. Akts erkennt sie, dass ihre magische (erotische?) Kraft gebrochen ist, mit „Ma quando tornerai“ hält Alcina die Tür zur Rückkehr für Ruggiero offen, mit „Mi restano le lagrime“ gewinnt Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung die Oberhand. Layla Claire gestaltete diese Entwicklung hingebungsvoll und eindringlich und erhielt zahllose Brava-Rufe. Countertenor David Hansen als Ruggiero hat ebenfalls sechs Arien, bei denen er oft etwas verhalten begann und sich steigerte. Sein Ruggiero hat zu Beginn nichts Feuriges, nichts Virtuoses, er ist eher ein hilfloser und höriger Ritter. Das berühmte „Verdi prati“ im 2. Akt ist ein wehmütiger Abschied von der Sinnlichkeit, der ihm nicht so sinnlich wie erwartet gelang, mit „Sta nell‘ Ircana“ im dritten Akt begeisterte er das Publikum. Mit den fünf Arien der leichtfertigen Morgana überzeugte Aleksandra Kubas-Kruk das Publikum. Die letzte Arie des 1. Akts, das kokette, aber sich unschuldig stellende „Tornami a vagheggiar“ mit seinen anmutigen Koloraturen, klang flirtend gehaucht, „Credete al mio dolore“ ist ein trauriges Duett mit dem Cello – die polnische Sopranistin entsprach stimmlich und darstellerisch ihrer Rolle und bekam viel Applaus und Bravas. Händels Musik taugt für Ironie. Ein Aspekt, den die Regie komplett übersieht. Ein wenig Gelächter gab es nur wegen der flappsigen Übersetzung des Librettos in den Ubertiteln. Die vermeintlich täuschende Alcina hat die aufrichtigen Arien mit emotionalem Tiefgang und sinnlicher Ausstrahlung, die treue und resolute Bradamante hat die künstlichsten Arien, bspw. die Koloraturarie „È gelosia“ im 1. Akt sowie die Wut- und Rachearie „Vorrei vendicarmi“ im zweiten. Die betrogene Geliebte wird von Benedetta Mazzucato mit herb-schöner Stimme interpretiert. Auch die kleineren Rollen sind sehr gut besetzt, Tenor Alexey Neklyudov gibt dem zwielichtigen Oronte stimmliches Profil. Oberto ist ein Kind auf der Suche nach dem Vater. Der junge Sopran von Carina Schmieger drückt die Sorge, Verletzlichkeit und Unschuld dieser Figur perfekt aus. Und Melisso ist bei Bariton Nicholas Brownlee sehr gut aufgehoben. Ca. 35 Musiker spielen, neben Continuo und Streicher benötigt man doppelt besetzte Flöten, Oboen, Fagott und Hörner. Dirigent Andreas Spering dirigierte das Festivalorchester der Deutsche Händel-Solisten mit weichem, anschmiegsamen Klang, der kaum einmal harsch klingt und nur selten starke Akzente setzt. Spering folgt der undramatischen Regie und wählt oft langsame Tempi, die nicht die Handlung zuspitzen, sondern musikalische Mitteilung und Mitempfindung sein will.

Ein Blick ins kommende Jahr, der Vorverkauf für die 42. Karlsruher Händel-Festspiele 2019 hat bereits teilweise begonnen. Als Neuproduktion wird es Serse geben, Franco Fagioli und Max Emanuel Cencic übernehmen die Rollen der konkurrierenden Brüder, Cencic wird wie bereits in Arminio (2016) in Karlsruhe auch Regie führen und soll die Handlung in die Glitzerwelt von Las Vegas verlegen (Bühne: Rifail Ajdarpasic). Alcina wird wiederaufgenommen. Für Konzerte haben sich Vivica Genaux, Ann Hallenberg und Hervé Niquet angekündigt.

 

Valer Sabadus bei den Händel-Festspielen in Karlsruhe 2018/ Foto Felix Grünschloss

Nachdem sich die Alcina-Premiere am Vorabend über 240 Minuten als szenisch ungewöhnlich zähfließend erwiesen hatte, verflogen die 150 Minuten des Konzerts mit Countertenor Valer Sabadus wie im Flug. Die Vorzüge von Sabadus‘ Stimme kamen bereits im ersten Stück perfekt zur Geltung. Georg Friedrich Händels Kantate „Crudel tiranno, Amor“ HWV 97 sang er mit sinnlich-schmeichelnder und schwärmerischer Stimme. Es folgten die beiden großen Arien Farinellis aus Porporas Polifemo: einem betörenden „Alto Giove“ folgte ein virtuoses „Senti il fato„. Nach der Pause wurde Händel mit Vivaldi kombiniert. Ein empfindsames „Vedrò con mio diletto“ aus Giustino und ein resolutes „L’aure che spira tiranno e fiero“ aus Händels Giulio Cesare sowie ein überaus ergreifendes und eindringlich klagendes und schmerzliches „Gelido in ogni vena” aus Farnace, dem das unbeschwerte „Venti turbini“ aus Rinaldo folgte. Die Zugaben erklangen mit engelsstimmengleicher Hingabe, das allegorische „Lascia la spina, cogli la rosa“ sang Sabadus entrückt, „Ombra mai fu“ schwebte schwerelos im Raum. Das Arienprogramm wurde instrumental aufgelockert mit Purcells Chaconne in g-Moll Z 73, Johann Friedrich Faschs Sonata à 4 in d-Moll sowie Telemanns Concerto polonois in G-Dur TWV 43:G7 und dem Concerto à 4 in d-Moll TWV 43:d2. Die zehn Mitglieder der Deutschen Händel-Solisten (Streicher, Cembalo, Laute sowie zwei Oboen und ein Fagott) musizierten mit vollendeter stilistischer Kompetenz. Ein harmonischer und perfekter Konzertabend, das warmherzige Karlsruher Publikum erhob sich und gab stehende Ovationen für diese ergreifenden Interpretationen (Foto oben: „Alcina“ bei den Händel-Festspielen in Karlsruhe 2018/ Szene/ Foto Felix Grünschloss). Marcus Budwitius