Bayreuther Festspiele 2017

 

Musikalisch faszinierend – mit einer guten Sängerbesetzung und einem sensiblen Dirigenten (Chor und Orchester sind ohnehin immer erstrangig) ist der Parsifal im Bayreuther Festspielhaus immer ein Erlebnis der besonderen Art, das niemanden unberührt lässt. Da ist es fast zweitrangig, wer für die Inszenierung verantwortlich ist. Das waren seit 1951 Wieland Wagner, dessen Maßstäbe setzende Regiearbeit bis 1973 gezeigt wurde und noch heute unvergessen ist, dann Wolfgang Wagner (1975 und 1989), Götz Friedrich (1982), Christoph Schlingensief (2004) und Stefan Herheim (2008). Seit dem letzen Jahr zeichnet Uwe Eric Laufenberg für die Regie verantwortlich.

Bayreuther Festspiele 2017: „Parsifal“/ Szene/ Foto Enrico Nawrath

Laufenbergs Regie ist nicht so schlecht, wie man nach den vielen negativen Rezensionen meinen könnte. Sein Ansatz, sich mit allen Religionen zu beschäftigen, um am Ende fanatische Weltsichten zu überwinden, ist durchaus bedenkenswert.

Die Handlung spielt im Zweistromland: Eine Videoeinspielung bei der Verwandlungsmusik zoomt wie bei Google-Earth über alle Grenzen bis hin ins Weltall und hinter die Sonne. Der erste Akt zeigt eine Kirche, in der Flüchtlingen Asyl gewährt und die ständig wieder von schwer bewaffneten Soldaten durchsucht wird. Amfortas im Lendenschurz und mit Dornenkrone ist eine Christus-Kopie. Ihm wird übel mitgespielt, indem die Gralsritter seine Wunden immer wieder aufschneiden und ihm das Blut in ihre Kelche abzapfen. Im Reiche Klingsors befindet sich eine Anhäufung von verschiedensten Kruzifixen – eine Art Trophäensammlung mit Gegenständen, die er im Laufe der Zeit den Gralsrittern, bei denen die Verführung glückte, abgenommen hat. Klingsor selbst besitzt einen Gebetsteppich, was ihn als Muslimen ausweist. Die Frauen in seinem Reich sind schwarz verschleiert, um sich dann in eine bunte Truppe von Bauchtänzerinnen zu verwandeln und Parsifal in einem Bad zu verwöhnen. Auch der gefangene Amfortas ist Zeuge diese Szene und „übernimmt“, nachdem Parsifal sich nach dem Kuss der Erkenntnis von Kundry abgewendet hat. Am Schluss herrscht Endzeitstimmung. Die Gralskirche wirkt wie eine Müllhalde, riesige tropische Pflanzen dringen durch die Mauerrisse und drohen, die Kirche zu überwuchern. Gurnemanz und Kundry teilen sich einen Rollstuhl. Im Hintergrund tanzen nackte Mädchen in der Regenwalddusche. Es ist ein etwas keimfreier Ringelpiez ohne Anfassen. Am Ende werden alle religiösen Symbole von Christen, Muslimen und Juden im Sarg von Titurel entsorgt. Auch der Zuschauerraum wird hell erleuchtet: Friede, Freude, Eierkuchen für alle!

Laufenberg ist in seiner Inszenierung, trotz manch guter Gedanken, letztendlich keine wirklich zwingende Umsetzung gelungen. Dazu ist vieles zu naiv oder plakativ ausgefallen. Die Grenze zum Religionskitsch wird gestreift. Immerhin verletzt und provoziert diese Regie nicht. Und Traditionalisten werden auch bedient, indem Laufenberg alle althergebrachten Zutaten wie Schwan, Speer oder Gralskelch zum Einsatz bringt.

Schwerpunkt ist die musikalische Seite. Hartmut Haenchen, der sich schon im letzten Jahr als Einspringer bewährt hat, schlägt recht zügige Tempi an. Den ersten Akt schafft er in einer Stunde und vierzig Minuten. Seine Wiedergabe ist mehr analytisch als schwelgerisch. Leider kommt das Vorspiel sehr nüchtern daher und kann nicht den mystischen Zauber entfalten, den man sich gewünscht hätte. Aber die Dramatik des zweiten Akts wird gut umgesetzt. Auch die Chorszenen (Eberhard Friedrich hat einmal mehr für ein Bayreuther Chorwunder gesorgt) gelingen überwältigend. Haenchens etwas nüchterne Wiedergabe hat durchaus ihre Meriten. Weihrauch ist nicht zu spüren.

Die Titelpartie hat Andreas Schager übernommen, der über einen kraftvollen, ausdrucksstarken Heldentenor verfügt. Selten hat man den Ausbruch „Amfortas! Die Wunde!“ so emotional aufgeladen und so machtvoll vernommen. Schager überzeugt als Parsifal auf ganzer Linie. Auch Elena Pankratova ist eine starke Besetzung für die Kundry.  Ihr voluminöser Sopran leuchtet in vielen Schattierungen, ihre Spitzentöne schleudert sie wie Pfeile in den Raum, hat aber auch die Farben für differenzierte Zwischentöne. Ryan McKinny ist mit dunklem Bariton ein überzeugender Amfortas. Dessen Qualen kann er mit berührendem Gesang verdeutlichen. Zudem macht er als Christus eine ausgesprochen gute Figur. Werner Van Mechelen zeichnet den Klingsor als machtbewussten, zynischen Charakter. Karl-Heinz Lehner bringt als Titurel seinen voluminösen Bass bestens zur Geltung. Für das ganz besonders herausragende sängerische Ereignis sorgt Georg Zeppenfeld als Gurnemanz. Wie er die Riesenpartie mit vollem Klang und überlegener Gestaltung erfüllt, ist einfach beglückend. Zeppenfeld stellt sich damit würdig in eine Reihe mit seinen berühmten Vorgängern in dieser Partie (14. 08. 2017) Wolfgang Denker

 

Bayreuther Festspiele 2017: „Tristan und Isolde“/ Szene/ Foto Enrico Nawrath

Trotz der bedrückend pessimistischen Inszenierung von Katharina Wagner vermag Tristan und Isolde starken Eindruck zu hinterlassen – und das liegt natürlich an der immer wieder faszinierenden Musik Richard Wagners. Wenn dann auf so hohem Niveau musiziert und gesungen wird wie im Festspielhaus am 20.8., kann das Glück des Wagner-Freundes fast vollkommen sein. …aber eben nur fast, denn zur Oper gehört ja nun auch die Inszenierung – doch dazu später mehr.

Von Beginn an, als das Vorspiel seine gewaltige Sogwirkung entfaltete, sorgte Christian Thielemann mit dem in jeder Instrumenten-Gruppe phänomenalen Festspielorchester für eine in allen Einzelheiten extrem differenzierende Interpretation, die einen immer wieder in ihren Bann zog. Nur ganz selten hört man z.B. den Beginn von „Mild und leise“ tatsächlich so leise und mild wie von Petra Lang an diesem Abend. Ihre Mezzo-grundierte Stimme hatte im Übrigen mit den tiefen und mittleren Lagen naturgemäß überhaupt keine Probleme und entwickelte dort schön abgerundeten Klang; aber auch die vielen hohen Jubeltöne der Isolde gelangen ihr intonationsrein und damit ausgesprochen eindrucksvoll. Von nie nachlassender Durchschlagskraft präsentierte sich (für mich) der Tristan unserer Tage Stephen Gould; wie er bis zu den kräftezehrenden Fieberanfällen im 3. Aufzug seinen charakteristischen Heldentenor einsetzte, das rang einem uneingeschränkte Bewunderung ab. Wie Petra Lang verfügt auch Christa Mayer über einen recht hellen Mezzo, mit dem sie als Brangäne die Höhen ihrer Partie meisterte und dabei ähnlich wie ihre Herrin Isolde klang. Besonders eindrücklich sang sie mit schier unerschöpflichem Atem die Wach-Rufe. Erneut bewährte sich Iain Paterson mit ausdrucksstarkem, flexiblem Bariton als Kurwenal. Anstelle des vielbeschäftigten Georg Zeppenfeld trat in diesem Jahr als König Marke René Pape auf, der mit seinem Prachtbass punktete, wenn auch seine verwaschene Diktion nicht durchweg gefallen konnte. Tansel Akzeybek (Junger Seemann/Ein Hirt) kam mit nicht sehr lyrisch geführtem Tenor über Solides nicht heraus, während die prägnanten Baritone von Raimund Nolte (Melot)  und Kay Stiefermann (Ein Steuermann) positiv auffielen. Dass die Herren des Festspielchors (Eberhard Friedrich) ihre kleine Aufgabe im 1. Aufzug souverän bewältigten, bedarf keiner weiteren Erklärung.

Und die Regie? Im 1. Aufzug ist nun im dritten Jahr wieder festzustellen, dass die Situation von Tristan und Isolde schon jetzt am Anfang im labyrinthischen Gewirr der Treppen, die meist ins Nichts führen, im Wortsinn ausweglos ist. Brangäne und Kurwenal versuchen zwar, auch unter Anwendung von Gewalt zu verhindern, dass das Paar zusammentrifft, scheitern aber. Gerade im 1. Aufzug merkt man an dem überaus lebhaften Spiel der Protagonisten, dass hier im Sinne der „Werkstatt Bayreuth“ weiter gearbeitet wurde. Im 2. Aufzug erblickt man das Verlies mit den an einen Fahrradkeller erinnernden Gestängen, in dem Markes Untergebene die Gefangenen mit blendenden Scheinwerfern traktieren. Marke beobachtet das von Anfang an, sodass die folgenden Geschehnisse so überraschend für ihn nicht sein können, wie sein selbstmitleidiger Monolog suggeriert. Der dritte Aufzug in nebligem Grau wird wieder von den Fieberträumen Tristans beherrscht – mit den aus dem Nichts auftauchenden und wieder verschwindenden Tetraedern, in denen die Isolde-Doubles stehen. Ein Extra-Lob für Reinhard Traub (Licht) und die bekannte hoch qualifizierte Technik des Hauses ist hier mehr als angebracht. Der Schluss, wenn die Regisseurin – sicher nicht im Sinne ihres Urgroßvaters – Isolde den Liebestod verweigert, indem Marke sie brutal von ihrem toten Geliebten wegzerrt, ist dann doch wieder sehr enttäuschend, weil er weder zu Markes letzten Worten noch zur verklärenden Musik passt. Dennoch gab es Jubel für die großartigen Leistungen aller Mitwirkenden. Gerhard Eckels

 

Foto oben: Bayreuther Festspiele 2017 – Die Meistersinger voin Nürnberg/ Szene/ Foto Enrico Nawrath. Leider konnten wir – aus verschiedenen Gründen – den Besuch der neuen Meistersinger voin Nürnberg – in diesem Jahr nicht wahrnehmen; aber es gab die Produktion von Barry Kosky ja im Fernsehen, so ist also der Information genüge getan. Wir entschuldigen uns beim Pressebüro für die Absage in letzter Minute. G. H.