Buchstaben-Würfelei

 

So unmerklich schlägt das Schicksal zu, wird aus Hoffnung ein heimtückischer Anschlag. Ein einziger Buchstabe muss verschoben werden, dann findet das Gemetzel der katholischen Adeligen an den protestantischen Hugenotten statt. An der Budapester Oper im schönen Erkel Theater hat János Szikora Giacomo Meyerbeers Fünfakter Les Huguenots auf sinnfällige, aber auch simple Weise auf die Bühne gestemmt. Bühnenhohe Buchstaben kennzeichnen die einzelnen Bilder, mal wie Scherenschnitte, hinter denen sich Durchblicke auf historische Grisaille-Szenerien auftun, mal als ausgestanzte Buchstaben, zwischen denen die Akteure wandeln. Beim Grafen Nevers heben die adeligen Gäste zu „Bachus“ die Becher, besingt anschließend Raoul de Nangis seine unbekannte Schöne („Plus blanche que“), schiebt sich ein „Amor“-Schriftzug auf die Bühne, der sich auf Schloss Chenonceaux bei Marguerite de Valois fortsetzt, die die Aussöhnung der Katholiken und Protestanten durch die Heirat Raouls mit des Grafen Saint-Bris’ Tochter Valentine erzwingen will. Später tauchen „Hoffnung“ und „Attentat“ auf, bis schließlich jegliches Erbarmen („Irgalom“) zunichte wird, die Buchstaben niedergestürzt werden und Saint-Bris in den Worttrümmern unter den Opfern seine zu Raouls Glauben übergetretene Tochter findet. Irgendwie scheint die simple Machart mit den Buchstaben-Würfeleien sogar zu Eugène Scribes mechanisch wie eine Rechenaufgabe fabrizierten pièces bien faites zu passen. Die Verbindung von privatem Schicksal und Weltgeschichte sozusagen Sudoko aus Intrigen und Überraschungen, einer ständig Haken schlagenden Handlung, unerwarteten Begegnungen und Enthüllungen und dazu die zwischen Heiterkeit und Kampfgetümmel, adeligen Festen sowie Bürger- und Studentenkumpanei kontrastierenden Szenen.

Ganz so einfach macht es sich die Aufführung nicht, die mit den in Grautöne gefassten Soffitten, hängenden Seitenteilen und Prospekten die alte Gassenbühne mit ihren illusionistischen Aussichten aufleben lässt. Mit den historischen Sälen, Palastanlagen und Pariser Gassenbildern gibt Balázs Horesnyi eine Ahnung von der einstigen Opulenz, mit der die Grand opéra ihr Publikum wie die Maus mit dem Speck einfing. So könnte es ausgesehen haben, als 1836 ganze Mannschaften von Bühnenmalern mit hunderten von Quadratmetern bemalter Stoffbahnen die Ereignisse um die Bartholomäusnacht von 1572 auf die Bühne der Pariser Opéra brachten.

Les Huguenots“ an der Budapester Oper im Erkel Theater/ Szene/ Foto Valter Berecz / Hungarian State Opera

Die Budapester Oper, an der die Wiederbelegung der Grand opéra Meyerbeers, aber auch Halévys La juive, bislang spurlos vorbeigegangen ist, hat Nachholbedarf. Um den Reformationstag herum gab es mit der Neuproduktion der hier seit gut 80 Jahren nicht mehr gespielten Huguenots sowie Verdis Stiffelio und seinem Requiem einen kleinen Programmblock Reformation500. Begleitet wird die Aufführungsserie im Erkeltheater, der bis zur Beendigung der Renovierung des Haupthauses in der Andrássy út. einzigen Spielstätte der Budapester Oper, von einer kleinen Ausstellung. Wenn Miklós Ybls Haus von 1884 im Frühjahr 2019 wieder zur Verfügung steht, wird man dem Neorenaissancegebäude äußerlich vermutlich gar nicht so viel anmerken, doch im Inneren wird der Bau nach umfassender Sanierung von Fenstern und Eingängen, Modernisierung der Bühnenmaschinerie, die rascher und ruhiger werden und größere szenische Möglichkeiten eröffnen soll, Lüftung, Heizung, IT-System usw. grundlegend anders arbeiten. Nach dem Willen der Verantwortlichen soll die Budapester Oper als einer der weltweit größten Opernkomplexe dann auch hinsichtlich moderner Infrastruktur mit den führenden europäischen Bühnen mithalten können.

Um die bis dahin unterbeschäftigte Sängerschar einzusetzen, bietet die Oper für Huguenots gleich zwei komplette hauseigene Besetzungen auf. Sicherlich ein Luxus, der bei genauem Hinsehen nicht ganz so funkelnd ausfällt. Die zweite Aufführung versammelte eine typische Zweitbesetzung (29. Oktober). Orsolya Hajnalka Röser beispielsweise mit gestochenen Spitzentönen, einer ratternden Akkuratesse im Pfeifregister und hoher stimmlicher Schlagkraft, besingt „O beau pays de la Tourraine“ mit sorglos oberflächlicher Zwitschervogel-Tändelei und überladenen Verzierungen. Eine ungarische Erna Sack. Eher Königin der Nacht als Königin der Grand opéra. Zudem erinnert mich das drollige Spiel an die aufgesetzte Koketterie der feisten Prinzessinnen in den tschechischen Märchenfilmen, wodurch auch Yvette Alida Kovács’ Kostüme deklassiert werden. Ihr Gegenpart ist Kriszta Kinga , die Papagena des Hauses, die sich als Valentine um artigen Stimmglanz bemüht, deren Sopran aber zu flach und arm bleibt, um Valentines Szenen Ausdruck und Stimmung und Empfindung zu geben und im großen Duett mit Raoul viel zu blässlich ist. László Boldizsár wollte mehr als er konnte. Er hatte offenbar einen schlechten Tag. Und quälende Momente, in denen ihm Raouls hohe Töne verrutschten und sein durchdringend weinerliches Timbre nicht angenehm war. Dass er über mehr Möglichkeiten verfügt, zeigte er zu Beginn des 5. Aktes mit seiner fast schon brillant absolvierten Szene und Arie „Aux armes, mes amis“. Den alten hugenottischen Haudegen Marcel gab Gábor Géza mit polternd hölzernem Bass. Der junge Sándor Csaba war so ausgezeichnet wie sein Ko-Nevers am Abend zuvor, Haja Zsolt , ebenso die beiden Grafen Saint-Bris Antal Cseh und Tamás Busa.

Aus Bratislava, wo er Intendant und künstlerischer Leiter der Oper ist, kam Oliver von Dohnanyi herüber, der aufgrund vielfältiger Erfahrungen mit französischen Werken, dieser Budapester Meyerbeer-Wiederbelebung stilistischen Feinschliff gab. Dennoch vermochten weder er noch Szikora und seine Ausstatter Balázs Horesnyi und Yvette Alida Kovács mit ihren märchenhaften Kostümen aus der Vor-Drei-Musketier-Epoche die Relevanz des Werkes zu vermitteln, das mit den Schlagworten wie Amor, Kreuz, Jesus, Hoffnung und Erbarmen zu kurz gefasst scheint.

„Les Huguenots“ an der Budapester Oper im Erkel Theater/ Szene/ Foto Valter Berecz / Hungarian State Opera

Immerhin hatte der erste Abend tatsächlichen Premierenglanz (28. Oktober), da Klára Kolonits, zwar auch sie eine Königin der Nacht des Hauses, aber zuletzt auch Odabella in Nürnberg, die Königin mit weichem, auch in den dramatischen Teilen sanftem Sopran und legatoseliger Phrasierung sang, die langsamen Passagen mit feiner Empfindung und Ausdruck und das Zier- und Glitzerwerk mit schönen Thrillern und erlesener Singkultur versah. Gábor Bretz mag zu smart für den Marcel sein, doch welch durchgehend nobel und elegant lasierte Bassstimme bietet er auf, nicht nur die Bravournummer „Piff, paff, piff, paff“ sang er mit präzise gefassten Koloraturen und rassiger Attitüde. Der 34jährige Gergely Boncsér wirkt mit hellschlank schwachem Allerweltstenor zunächst als Raoul etwas fehlbesetzt, doch im Lauf des langen Abends gewinnt er durch die Attacke und Ehrlichkeit und eine sängerische Wendigkeit, die er sich am Budapester Operettentheater sowie als Barinkay am Opernhaus erwarb; die operettenhafte Beweglichkeit kommt ihm im Duett mit Marguerite mit seinen Opéra comique-Anklängen zugute. Mit scharfer Höhe und veristischer Allüre blieb Gabriella Létay Kiss eine wenig bedeutende Valentine. Und die beiden Urbains mit den hellen Mezzosopranen Gabriella Balga und Melinda Heiter sind gut, wobei tiefer gefasste Stimmen die besondere Allüre der Partie besser vermitteln.

 

Schließlich Stiffelio. Sozusagen als Generalprobe für eine 2019 geplante Produktion diesmal konzertant. Wie so vieles in dieser Übergangspielzeit, darunter Wagners Bearbeitung von Glucks Iphigenie in Aulis, dazu Der Vampyr, Die tote Stadt, Tiefland, Der Corregidor und La vestale. Im schlecht besuchten Erkeltheater (30. Oktober) leitete Christian Badea das Drama um den Ehebruch Linas, der Gattin des Predigers Stiffelio, mit konzentrierter Intimität und herausgewuchteten Chor- und Ensembleszenen. Dass Gaetano Fraschini, für den er die Titelpartie konzipierte, Verdis Lieblingstenor gewesen sein soll, kann man an der Anlage der Partie nur schwer herauslesen. Der regelmäßig an rumänischen Bühnen tätige Mexikaner Hector Lopez Mendoza tat sich, häufig eine Spur zu tief singen, schwer mit den lyrischen Partien, die er mit herben Akzenten und ohne die rechte Verdi-Linie und Eleganz anging, während er für die lauten und dramatischen Passagen eine uniforme hitzig-breiige Instant-Dramatik aufbot. Mit sachtem Vibrato, einer lyrischen, zu Dramatik aufgeheizter Stimme wirkte Anikó Bakonyi anfangs zu leicht für die Lina, sang aber die Arie im zweiten Akt „Ah dagli scanni eterei“ mit delikater Leichtigkeit. Linas Vater Stankar war der seit 25 Jahren an der Budapester Oper wirkende, in Nowosibirsk ausgebildete Russe Anatolij Fokanov. Die Stimme ist inzwischen trocken und eng geworden, wird aber unverändert durchschlagkräftig geführt. In der intelligent erfassten Arie ist noch immer Fokanovs schöner Verdi-Elan zu spüren. Krisztian Cser war ein gewaltiger Jorg, Gergely Boncsér, der Premieren-Raoul, ein hellstimmiger Verführer Raffaele.  Rolf Fath