Brummkreisel-Albtraum

 

Den Ur-Boris von 1869 wählte die Deutsche Oper Berlin für ihre Neuinszenierung von Mussorgskis Boris Godunow, die in Koproduktion mit dem Royal Opera House Covent Garden entstand, wo sie bereits im März 2016 gezeigt wurde. Das Einheitsbühnenbild von Miriam Buether hat zwei Ebenen – oben eine Empore in Form einer Lunette in zumeist gleißendem Licht mit den Herrschenden, unten ein von grauen Schieferplatten mit Glockenreliefs eingefasster düsterer Raum für die Szenen des Boris und des Volkes in seinem Elend. Nicky Gillibrands Kostüme sind ein Mix aus historischen Gewändern und modischer Kleidung für die Bojaren. Prachtvoll wird Boris für die Krönungszeremonie eingekleidet, auch die Trachten der Anwesenden sind in ihren folkloristischen Ornamenten ungemein phantasievoll entworfen und aufwändig gefertigt, allerdings überbuntet. Bestimmendes Symbol in der Inszenierung ist ein farbiger Brummkreisel, der schon auf dem Stückvorhang zu sehen ist. Mit diesem geliebten Spielzeug vergnügte sich der junge Zarewitsch Dmitrij, bevor er auf Boris’ Geheiß heimtückisch umgebracht wurde. Die gespenstische Mordszene mit dem Knaben und drei schwarz vermummten Gestalten wiederholt sich im Laufe der Aufführung mehrfach als Albtraum des Zaren, der ihn bis zum Ende seines Lebens verfolgt. In seinem Wahnsinnsmonolog meint er gar, den Kreisel realiter durch den Raum fahren zu sehen. Es ist dies ein etwas überstrapaziertes Bild, das sich am Ende nach Boris’ Tod wiederholt, wenn der junge Zarennachfolger Fjodor auf eben diese Weise unter den Augen der Bojaren sein Leben verliert. Entbehrlich sind drei auf dem Boden verteilte Skelette in der Szene des hungernden, sich mühsam fortschleppenden Volkes. Andere sparsame Versatzstücke sind dagegen stimmig und genügen zur Illustrierung der einzelnen Schauplätze – eine Ahnengalerie mit den Porträts der Zaren, Ikonenbilder, eine Wirtshaustheke, ein Thronsessel. Aber insgesamt sind dem Regisseur viele packende Momente von enormer Spannung gelungen, was auch das Verdienst großartiger Sängerdarsteller ist.

„Boris Godunow“ an der Deutschen Oper Berlin/ Szene/ Foto Bernd Uhlig

Es ist der Abend der Bässe – allen voran Ain Anger in der Titelrolle. Dem estnischen Sänger gelang in seinem Rollendebüt ein eindringliches Porträt von packender Suggestivkraft. Von imposanter Statur, faszinierte er auch in seiner Erscheinung, sang mit weicher Stimme von dennoch festem Kern und stellte die menschlichen Züge des Herrschers (so im Umgang mit seinen Kindern) deutlich heraus. Von großer Autorität sein Monolog „Die höchste Macht“, ergreifend die Todesszene. Ähnlich bedeutend war der Auftritt von Ante Jerkunica als Pimen am Stock in grauer Kutte mit schwarzem prophetischem Bass. Ein Kabinettstück bot Ievgen Orlov als zerlumpter Bettelmönch Waarlam mit seinem urigen Lied „In der Stadt Kasan“, charaktervoll auch sein Begleiter Missail (Jörg Schörner). Einen potenten Charaktertenor ließ Robert Watson als Grigorij hören, den die Regie als Typ recht einfältig, nahe der Debilität vorführt. Einen aalglatten, aasigen Intriganten zeichnete Burkhard Ulrich mit dem Schuiskij. Die abgründigen Seiten der Figur spiegelten sich auch in seinem Tenor wider, der allerdings in der Durchschlagskraft zuweilen Mühe hatte. Wunderbar besetzt der Gottesnarr mit dem jungen Matthew Newlin, dessen substanzreicher, wohllautender Tenor in seiner Klage auch emotional anrührte. Annika Schlicht gab eine resolute Schenkwirtin, Ronnita Miller eine üppige Amme mit sattem dunklem Mezzo.

Raymond Hughes hatte den Chor der Deutschen Oper Berlin sowie die Herren des Extra-Chores perfekt einstudiert. Klanggewaltig musste das Volk den neuen Zaren preisen, aber ebenso eindringlich war sein Hilferuf nach Brot. Der junge ukrainische Dirigent Kirill Karabits hatte das Orchester der Deutschen Oper Berlin jederzeit im Griff, evozierte eine Fülle von Farben und Stimmungen, malte die Monologe (so Pimens Erzählung von der Ermordung Dmitrijs) spannend aus und war den Sängern durchweg ein aufmerksamer Begleiter. Der reiche Beifall des Publikums in der 3. Aufführung am 27. 6. 2017 galt dem gesamten Team, konzentrierte sich aber zu Recht auf die grandiosen Bässe des Abends (Foto oben: „Boris Godunow“ an der Deutschen Oper Berlin/ Szene/ Foto Bernd Uhlig). Bernd Hoppe