Blutstränen

 

Sein Rollendebüt als Tenorheld in Verdis Oper Un ballo in maschera gab Piotr Beczala 2008 an der Berliner Staatsoper – ein wohl zu früher Zeitpunkt für diese fordernde Aufgabe. Eine deutliche Steigerung in seiner Interpretation der Partie konnte man 2016 an der Wiener Staatsoper und an der Bayerischen Staatsoper München wahrnehmen (auch auf DVD nachzuhören). Nun sang er am Gran Teatre del Liceu in Barcelona den Riccardo in einer Koproduktion mit dem Théatre du Capitole in Toulouse sowie dem Staatstheater Nürnberg und konnte dabei in glänzender Form seine mittlerweile souveräne Bewältigung der Rolle demonstrieren.

Verdis „Ballo in maschera“ am Gran Teatro Liceu Barcelona/ Szene/ Foto Bofil

Die Inszenierung von Vincent Boussard stellt weniger das Historiendrama denn den privaten Konflikt eines Ehedramas in den Mittelpunkt. Vincent Lemaire hat dafür die Bühne radikal reduziert, begnügt sich mit wenigen Requisiten in einem dunkelgrau eingefassten Raum – einer Sitzbank, einem Barocksessel an der Rampe, einem in der Luft hängenden Leichnam am Galgenberg, einem roten Spielzeugauto bei Renato, einem riesiger Lüster beim Maskenball. Gelegentlich sieht man auch (die heute wohl unvermeidlichen) Projektionen mit Wellen und Mond oder einem Schwarz/Weiß-Foto von Riccardos Kopf als Negativ-Aufnahme. Aus seinen Augen laufen bald blutige Tränen, deren leuchtendes Rot der Szenerie in ihrem Einheitsgrau einen surrealen Effekt verleiht. Christian Lacroix’ Kostüme spielen mit den Zeitebenen, reichen vom seidenen Gehrock des Gouverneurs über Sträflingskleidung bei Ulrica bis zu heutigen langen Mänteln und extravaganten, schillernden Ballkostümen. Der Regisseur setzt besondere Akzente mit den Chorsängern, die sich schon in der Eingangsszene als Hofstaat dem Gouverneur bedrohlich nähern, als Besucher bei Ulrica sich verängstigt vor der Autorität der Wahrsagerin ducken und schließlich nach dem Mord hohen Anteil an der ergreifenden Wirkung des Finales haben. Der Cor del Gran Teatre del Liceu (Conxita Garcia) sang sehr klangvoll, besonders delikat im Schlussensemble. Das Orquestra Simfònica des Hauses bot unter Renato Palumbo eine differenzierte Interpretation von Verdis Musik. Besonders die hoch gepeitschte Dramatik im Vorspiel zum Galgenberg war von großem Effekt, wie auch die elegischen Passagen in der Konfrontation Amelias mit ihrem Gatten und die himmlischen Aufschwünge im Finale.

Der polnische Tenor stellte schon im Auftritt seine blendend disponierte Stimme aus – voluminös in der Mittellage, glanzvoll in der Höhe, schwelgerisch in der Kantilene. In der delikat geformten Ballade bei Ulrica stellten sich lediglich in der Tiefe ein paar seltsame Trübungen ein. Der Auftritt auf dem Galgenberg im Straßenanzug zeigt den Gouverneur in einer privaten Situation. Beczala sang hier gleichermaßen mit existentieller Erregung wie zärtlicher Zuwendung. Im letzten Akt erreichte seine Gesangskunst eine stellare Dimension mit der Arie „Ma se m’è forza perderti“ von schmachtendem Ausdruck (wofür ihm das Publikum mit einem Jubelsturm dankte) und der ergreifenden Sterbeszene.

Als Amelia ließ Keri Alkema zunächst einen herb vibrierenden Sopran hören, der sich aber in der großen Arie auf dem Galgenberg rundete und zu leuchtender Höhe wie inbrünstigem Ausdruck fand. Davon profitierte auch das große Duett, in dem sie innige piani verströmte. In der zweiten Arie berührte sie mit schmerzlicher Expression und in Höhe wie Tiefe reichem Klang. Zu wenig Nachdruck besaß der angenehm tönende Bariton von Marco Caria als Renato, der zudem Probleme in seiner zweiten Arie („Eri tu“) offenbarte. Recht hübsch im Timbre und flexibel in der Bewältigung der Koloraturen, aber im Volumen zu klein war der Sopran von Elena Sancho Pereg als Oscar. Dolora Zajick, ein Urgestein des Verdi-Gesangs, verfügt für die Ulrica noch immer eine durchschlagende, dramatische Höhe, nur der satte Klang in der Tiefe ist ihr inzwischen abhanden gekommen. Solide Leistungen boten Damiàn del Castillo als Matrose Silvano sowie Roan Ialcic und Antonio Di Matteo als die beiden Verschwörer, die in ihren langen Mänteln und schwarzen Krawatten wie Angehörige der Mafia erscheinen (15. 10. 2017/ Foto oben: Verdis „Ballo in maschera“ am Gran Teatro Liceu Barcelona/ Szene/ Foto Bofil ). Bernd Hoppe