Blasser Saale-Jahrgang

 

Der in der Musiktheaterszene umstrittenen Regisseurin Tatjana Gübaca war die Eröffnungsproduktion der diesjährigen Festspiele anvertraut worden – die Inszenierung von Händels spätem Oratorium Jephta (1752) im Opernhaus (26. Mai 2017). Erwartungsgemäß verlegte sie die biblische Geschichte um Jephta, Heerführer der Israeliten in der Schlacht gegen die Ammoniter, und seinen Konflikt zwischen Gelübde und Kindesliebe ins Heute, was vor allem die zeitlosen (und ausgesprochen hässlichen) Kostüme von Silke Wellrett verdeutlichten. Auch die bis auf die schwarzen Brandmauern leere Bühne von Stefan Heyne mit einer Drehscheibe in der Mitte und einem darüber hängenden Deckenspiegel, in welchem sich die Bilder doppeln, trug in ihrem öden und stimmungslosen Anblick nicht zur Erhellung der Handlung und deren zeitlicher Einordnung bei. Der Konflikt Jephtas ist dem von Mozarts Idomeneo ähnlich:  Den ersten Menschen, der ihm nach siegreicher Schlacht begegnet, will er Gott opfern  – es ist seine Tochter Iphis. Deren tragisches Los verhindert am Ende ein Engel, der verkündet, dass sie leben und fortan als Priesterin im Dienste des Herrn wirken soll. Erwartungsgemäß negierte die Regisseurin dieses lieto fine, wenn sie den jubelnden Chor von der Bühne in den Rang verbannt, ihn bis auf die Unterwäsche entkleiden und damit privat auftreten lässt. Die Freudengesänge von Solisten und Chor illustrierten auf der Szene Bilder des Todes und Schmerzes – ein Trauerzug mit Grabkranz und Urne, ein Grabhügel mit der von Blumen und Steinen bedeckten Iphis. Jephta bleibt als Gebrochener zurück – taumelnd, pathologisch zitternd und offenbar erblindet (was wohl auf Händels eigenes Schicksal, der während der Komposition sein Augenlicht verlor, verweisen sollte).

Musikalisch zerfiel die Aufführung stilistisch, denn neben Interpreten mit Erfahrung im Barockgesang standen Mitglieder des Opernhauses, die sich in allen Fächern behaupten müssen. Robert Sellier als Jephta (in Winnetou-Maske und Pappnase!) gefiel mit seinem weichen Tenor und den fließenden Koloraturen, weniger mit der allzu verhaltenen Attacke. Aber der kultivierte und tief empfundene Vortrag seiner herrlichen Arie „Waft her, angels, through the skies“ hinterließ starken Eindruck. Problematisch – trotz ihrer fulminanten Stimme – war der Auftritt von Svitlana Slyvia als Jephtas Frau Storgè. Man hat die Mezzosopranistin in Halle schon umwerfend in italienischen Rollen erlebt, aber hier hatte sich eine Azucena auf die Barockbühne verirrt. Einzelne imposante Töne fügten sich nicht zu einer stimmigen Gesangslinie, die zudem durch veristische Effekte zerklüftet war. Auch der an der Saale beliebte und im italienischen Repertoire erfolgreiche Bass Ki-Hyun Park enttäuschte als Zebul – die voluminöse, resonante Stimme fühlte sich im barocken Idiom hörbar fremd. Ines Lex als Iphis konnte sich dagegen mit ihrem lieblichen, im Volumen etwas schmalen Sopran nach neckischem Beginn in der zweiten Hälfte des Abends deutlich steigern. In ihrer innigen Arie „Farewell“, wo sie sich ganz in ihre Opferrolle fügt, berührte sie mit zarten, ergreifenden Tönen. Als ihr Geliebter Hamor im Kapuzenshirt war mit Leandro Marziotte ein Gast verpflichtet, der mit klangvollem, stilistisch kompetentem Countertenor überzeugte. Während seiner Arie „Dull delay“, in welcher er von der Sehnsucht nach Glück singt, putzt er Iphis’ Brille. In einer angedeuteten Entkleidungsszene des Paares tauschen beide ihre Socken als Zeichen der Zuneigung – Beispiele für die kleingeistigen Bilder, welche die Inszenierung anbietet. Als blutverschmierter Angel trat Tae-Young Hyun mit zartem, in der exponierten Höhe stupendem Knabensopran auf.

Eine große Rolle in diesem reifen Alterswerk fällt dem Chor zu. Rustam Samedov hatte den Chor und Extrachor der Oper Halle perfekt einstudiert, machtvoll  ertönten dessen Gesänge. Besonders „How dark, o Lord“, zum Zeitpunkt der Erblindung komponiert, geriet eindringlich in seiner tragischen Dimension. Dicht zusammen gedrängt, zitternd und mit flatternden Händen stehen die Menschen in dieser Szene – einer der wenigen bewegenden Momente der Aufführung.

Mit Christoph Spering stand ein Barock-Spezialist am Pult des Händelfestspielorchesters Halle, der für einen federnden, straffen Klang sorgte, die Orchesterwogen aufpeitschte, einzelne Arien mit harschen Akkorden einleitete und am Ende musikalisch den Glanz evozierte, welchen die Szene vorenthielt.

 

Händel-Festspiele Halle 2017: „Acis & Galatea in Bad Lauchstädt“/ Szene/ © Theater-, Oper und Orchester GmbH Halle, Fotos: Tobias Kruse

Von ganz anderer Ästhetik war eine Aufführung im historischen Goethe-Theater von Bad Lauchstädt am nächsten Nachmittag. Die Prager Marionetten-Theater-Company Buchty a loutky zeigte in der Inszenierung von Vit Brukner Händels zweiaktige Masque Acis and Galatea. Man weiß, wie zauberhaft solche Produktionen sein können und hat sie am selben Ort auch schon mehrfach erlebt – beispielsweise vom Mailänder Marionettentheater Carlo Colla e Figli. Hier aber geriet die Geschichte um den Schäfer und die Nymphe in der Bühnengestaltung von Barbora Cechová und Katerina Housková allzu verniedlicht, balancierte zwischen Kunstgewerbe und Kitsch. Da flattern nahezu pausenlos Vögel und Schmetterlinge in der Luft, wuselt eine ganz Schafsfamilie umher, erblühen Blumen, ranken sich Schlingpflanzern in die Höhe und illustriert gar ein rotes Blütenherz das trügerische Glück des jungen Paares am Ende des ersten Aktes. All diese Einfälle verloren ihren Reiz durch den überstrapazierten Einsatz in fast jeder Musiknummer. Nicht stimmig empfand ich auch die Kombination von Menschen und Puppen auf der Miniaturbühne, vor der die Sänger zu Beginn in griechischem Faltenwurf (Kostüme: Markéta Schwarzová) den Eingangschor „Oh, pleasure of the plains!“ singen.

Für die optischen Irritationen entschädigte das hohe musikalische Niveau der Vorstellung unter Leitung der Flötistin Jana Semerádová am Pult des Collegium Marianum. Von der schäumenden Sinfonia bis zum finalen Chorus „Galatea, dry thy tears“ setzte sie immer wieder gewichtige Akzente und sorgte mit ihrer straffen Führung für anhaltende Spannung, malte aber auch die pastoralen Stimmungen der Musik gebührend aus. Drei Tenöre verlangt die Besetzung und alle drei Sänger waren erste Wahl. Benedikt Kristjánsson als männlicher Titelheld ließ eine jugendlich-muntere Stimme hören, die in der wiegenden Arie „Love in her eyes“ mit schwärmerischem Ausdruck und zärtlichen Nuancen bezauberte. Aber auch die energische Emphase stand dem Sänger zu Gebote, wie es in  der auftrumpfenden Arie „Love sounds th’alarm“ zu vernehmen war. Harmonisch fügte sich seine Stimme mit der von Sophie Junker als Galatea in beider Duett „Happy we!“. Die belgische Sopranistin gefiel mit schöner Substanz ihres Organs, dem versierten Koloraturgesang und dem entzückend imitierten Taubengurren in ihrer Arie „As when the dove“.

Zweiter Tenor war der ehemalige Thomaner Patrick Grahl als Acis’ Gefährte Damon mit gleichfalls substanzreicher und klangschöner Stimme. In der kleinen Partie des Coridon ergänzte Tomás Lajtkep mit solidem Auftritt. Als enormen Kontrast brachte Tomás Král als Riese Polyphemus mit surrealem Picasso-Kopf einen Bariton von imposanter Kraft und Wucht ein, dem es nur an der Extremtiefe mangelte. Von wildem Furor war seine Eifersucht auf den Rivalen Acis, den er mit einem Felsbrocken erschlägt. Mit ihrer Klage „Heart, the seat of soft delight“ verwandelt Galatea den Geliebten in einen Silberquell, der als blau glitzerndes, aus einem Gestein austretendes Band und in mehreren Fontänen sichtbar wird.

 

Händel-Festspiele Halle 2017: Ann Hallenberg mit ihrem Programnm „Carnevale“, dazu auch die CD bei Pentatone, die am 16. 6. 2017 veröffentlcht wird.

Beglückend und wahrhaft festspielwürdig war das Konzert mit Ann Hallenberg in der Ulrichskirche am 28. Mai 2017. Carnevale 1729 nannte die international renommierte schwedische Mezzosopranistin ihr Programm, weil dieses Ausschnitte aus in Venedig uraufgeführten Opern präsentierte. Den Auftakt bildete die Arie des Cesare aus Leonardo Leos Catone in Utica, eine Gleichnisarie vom Schiff in den brausenden Wellen. Mit entsprechend pulsierender Erregung sang die Solistin, aber auch mit fein getippten staccati.  Die Sängerin vereint in ihren Interpretationen gleichermaßen hohe Kultur wie enorme Kunstfertigkeit, wie es in der zärtlich kosenden siciliano-Arie des Cosrovio aus Geminiano Giacomellis Gianguir, der Arie der Titelheldin aus Porporas La Semiramide riconosciuta mit ihren delikaten Verzierungen oder der Arie der Adelaide aus Giuseppe Maria Orlandinis gleichnamiger Oper mit dem energisch-kämpferischen Duktus und fulminanten Koloraturläufen offenbar wurde. Es war ein Glücksfall, dass der Solistin mit dem Ensemble Il Pomo d’Oro unter der Leitung des jungen passionierten Dirigenten Maxim Emelyanchev ein Ensemble zur Seite stand, das mit ihr atmete, sie inspirierte und beflügelte.

Auch mit zwei Instrumentalbeiträgen von Händel, dem farbig und differenziert gestalteten Concerto grosso op. 6 Nr. 2 sowie der  Triosonate op. 5 Nr. 4 von fein ziselierten Sätzen über die schwungvolle Gigue bis zum graziösen Menuet, bewies der Klangkörper seine hohe musikantische Kultur.

Eine Arie der Adelaide hörte man auch im zweiten Teil des Programms – mit düster beklommener Einleitung und schmerzlichem Klang der Stimme, die dann zu betörend schwebenden Tönen fand. Einen kontrastierenden Jubel brachte dagegen die mit reichem Zierwerk geschmückte Arie des Mirteo aus Porporas Semiramide ein und auch die Reverenz der Sängerin an den großen Sohn der Stadt, die Arie des Ottone aus Händels Oper in der Fassung von 1733, war ein Freudengesang mit munteren Koloraturgirlanden und kokettem Unterton.  Der enthusiastische Jubel des Publikums galt einer Ausnahmesängerin und sie dankte dafür mit zwei Zugaben – dem furiosen „In braccio mille furie“ aus Porporas Semiramide riconosciuta, einem cavallo di battaglia mit halsbrecherischen Rouladen, und Gismondas getragener Arie „Vieni mio figlio“ aus dem Ottone. Mit diesem sanften, schmeichelnden Gesang entließ Ann Hallenberg die Zuhörer beglückt in den lauen Abend (Foto oben: Händel-Festspiele Halle 2017: „Jephta“/ Szene/ © Theater-, Oper und Orchester GmbH Halle, Fotos: Tobias Kruse). Bernd Hoppe