Bio im Bunker

 

Eine Gärtnerin aus Liebe ist Norma nicht. Aber eine, die Wut und Hass an ihren kleinen Pflanzen auslässt, die sie vermutlich mühsam in ihrem Kellerunterschlupf unter der riesigen Eiche gezogen hat. Gleich mehrere Reihen kleiner Bäumchen gedeihen in diesem unterirdischen Gewächshaus unter Wachstumslampen, lassen kaum Raum für Norma und ihre Kinder samt Nanny Clotilde. Möglicherweise sind dies, neben der großen Eiche, die Robert Schweer so wuchtig und groß und fabelhaft malerisch wie nur irgendeine auf einer deutschen Bühne geschaffen hat, die einzigen Zeugen grünen Lebens weit und breit. Irgendetwas Schreckliches ist passiert. Das kann nicht nur der Krieg gegen die Römer sein, der den Menschen so zusetzt und sie weißgesichtig, fleckig und verstrahlt aussehen lässt, denn Regisseur Markus Bothe hat am Nationaltheater Mannheim das von den Römern besetzte Galliern des ersten vorchristlichen Jahrhunderts in eine nahe Endzeit gerückt. Unbeschadet, knorrig und mit ausladenden Wurzeln trotzt die Eiche, umgeben von einer Wand aus Sandsäcken, den Gefahren – und kracht erst am Ende nieder. Heimlich nähert sich ihr der römische Prokonsul Pollione, um hier seine Geliebte Adalgisa zu treffen. Ganz selbstverständlich meuchelt er einen Gallier – warum schlafen die anderen ungerührt weiter? –  um an Ziel zu kommen, was seinem Begleiter Flavio bei der überstürzten Flucht zum Verhängnis wird. Oroveso zwingt ihn auf die Knie und legt die Pistole an. Gerade noch rechtzeitig kommt die friedfertige Norma.

„Norma“ am Nationatheater Mannheim/ Szene/ Foto Jörg Michel

Zwischen den klaren Melodien, dem einfachen und schönen Gesang, den Wagner lobte, und den „langen, langen, langen Melodien“, von denen Verdi schwärmte, ist für die Regie wenig auszurichten. Markus Bothe bietet in Mannheim Augenfutter und gedrechseltes Regiehandwerk, doch auch befremdliche Raumkonstruktionen, die den Protagonisten bei ihren Duetten kaum Blickkontakt erlauben. Bothe vertraut auf die an diesem Abend schwach entwickelte Eigendynamik der Sänger. Vor allem Irakli Kakhize belässt es bei ausgebreiteten oder hochgestreckten Armen. Den Pollione singt der Georgier mit einer zunächst etwas sehr lyrisch klingenden Stimme, die aber zuverlässige, heldische Durchhaltekraft beweist, dabei immer etwas belegt bleibt. Kein Sopran, sondern ein Mezzosopran als Adalgisa. Die Jugendlichkeit muss Julia Faylenbogen dadurch unterstreichen, dass sie auf den Baum steigt und ihre Auftrittsszene auf einem weiten Ast stehend singt, doch die Ukrainerin, die der Partie kaum etwas schuldig bleibt, ist auch auf festem Boden ein scheues Reh (14. Oktober 2017). In späteren Aufführungen mag sie mehr aus sich herauskommen. Dagegen ist Miriam Clark eine geradezu routinierte Norma, hat sie das strapaziöse Konstrukt aus langen Melodien, Verzierungen, Kabaletten und gleißender Rezitativwucht doch bereits in Dortmund und Bonn gesungen, gleichwohl tastet sie sich bei „Sediziose voci“ noch vorsichtig an die Partie heran, „Casta Diva“ hat sie fast ebenmäßig poliert, doch erst in der – etwas überzuckerten – Kabaletta schwingt sich die Stimme immer freier, immer sicherer auf, bietet sie die hohen Cs mit geschmeidiger Weichheit. „In mia man“ könnte zwar etwas geheimnisvoll, gewichtiger sein, doch „Qual cor tradisti“ ist berückend intensiv und insgesamt durchmisst sie die Partie mit fulminanter Sicherheit. Berühmtere Kolleginnen haben das nicht so gut hinbekommen. Dass Alexandre Soumet, dessen Drama die Grundlage für Felice Romanis Libretto lieferte, eine Mischung aus Niobe, Medea, Lady Macbeth und Veleda vorschwebte, wird nicht deutlich. Als höchsten Ausdruck ihrer Raserei, Wut und Verzweiflung reißt Norma ein paar Bäumchen aus der Erde. Sung Ha erweist sich als Oroveso als unverzichtbare Stütze des Hauses; Pascal Herington (Flavio) und Iris Marie Sojer (Clothilde) werden im Opernstudio noch reifen. Aus der szenisch dezenten Aufführung machte Benjamin Reiners, der Erste Kapellmeister des Hauses, mit sicherem Gespür für diese Musik und ihre Dramatik, für die Wucht des „Guerra, Guerra“-Chores wie die gehämmerten Rezitative fast ein Ereignis (Foto oben: „Norma“ am Nationatheater Mannheim/ Szene/ Foto Jörg Michel). Rolf Fath