Bilderrätsel

 

In ihrer Überfülle an Bildern und der komplizierten dramaturgischen Verschachtelung ist Johannes Eraths Neuinszenierung von Offenbachs Les Contes d’Hoffmann an der Semperoper so faszinierend wie verwirrend. Die ohnehin skurril-surreale Geschichte macht der Regisseur noch rätselhafter durch die Einführung von Doubles für die Hauptfiguren und Einbeziehung anderer Kunstgattungen für Hoffmanns Geliebte. Da ist Olympia eine Ballerina des romantischen Balletts, Antonia ein Filmidol à la Marilyn Monroe und Giulietta eine Jazzsängerin mit dem Vorbild Mahalia Jackson. Heike Scheele hat den Zuschauerraum des Hauses auf der Bühne gespiegelt und in diese Projektion einen kastenartigen Raum gehängt, der sich bald stufenförmig verdreifacht. Und so sieht man die Handlungsvorgänge in entsprechend dreifacher Version, was zusätzliche Verwirrungen ergibt. Hoffmanns größte Liebe gehört wohl doch dem klassischen Tanz, denn er selbst hält immer wieder vor seinen Körper ein weißes Tutu (Kostüme: Henrike Bromber) und alle seine Geliebten wie auch die Muse und Antonias Mutter tragen dieses Kostüm, das man aus vielen berühmten Balletten kennt. Olympia in Gestalt von Tuuli Takala bedient diese Vorgabe besonders imposant, imitiert die Posen des Sterbenden Schwans und ergeht sich in schwierigen tänzerischen Figuren auf Spitze. Gesanglich ist der Eindruck eher zwiespältig, denn die Extremtöne klingen gequietscht und die Legato-Koloraturen sind intonationsgetrübt.

Die Welt Antonias illustriert ein gekippter schwarzer Konzertflügel, unter dem bald die Muse als Tänzerin hervor kriecht. Aber Hoffmann in seiner Besessenheit kleidet die Sängerin Antonia, die in der Erscheinung der Monroe gleicht und durch das Foyer der Semperoper wandelt (Video: Alexander Scherpink), schnell in ein weißes Tutu ein. Sarah-Jane Brandon singt die Partie mit sehr persönlich timbriertem lyrischem Sopran, der in den innigen, zarten Tönen betört, auch die Wehmut und den fiebrigen Ausdruck der Figur plastisch vermittelt, in der Höhe aber forciert klingt. Die Erscheinung der Mutter (Christa Mayer mit aufgerauter, heulender Stimme) ist eine Hommage an jene große Operndiva, die vor dem Vorhang mit Blumengebinden den Applaus der Menge entgegen nimmt. Mit sonorem, wohllautendem Bass überzeugt Tilmann Rönnebeck als Crespel.

Mit wüster blonder Frisur ist Measha Brueggergosman ein optischer Blickfang als Giulietta und auch stimmlich bietet die Kanadierin eine unorthodoxe Interpretation mit sinnlich getöntem Sopran von negroidem Vibrato, der zuweilen an die legendäre Jessye Norman erinnert. Mit jazzigem Feeling und gurrenden Lauten in der Tiefe, aber schrillen Spitzentönen macht sie aus ihrem Couplet „L’ amour lui dit“ auf dem illuminierten Podium einen spektakulären Revue-Auftritt, garniert von den Choristinnen in nunmehr farbigen Tutus. In diesem Venedig-Akt stellt der Regisseur gar ein Gruppenbild à la Les Sylphides mit Hoffmanns Frauen, Antonias Mutter und der Muse als Ballerinen. Nach dem (selten zu hörenden) Septett „Hélas! mon coeur“ wird der Konzertflügel wie eine Totenbahre herein getragen, umsäumt von einer schwarz gekleideten Menge und den Tänzerinnen. Es ist die Grablegung Hoffmanns, der am Ende noch Giulietta tötet und sich dann mit der Muse in einem langen Kuss vereint. Auf ihrem nackten Rücken, den Man Rays berühmtes Foto der Dame mit dem Cello ziert, schreibt er – einsam – seine Geschichte nieder.

„Les contes d´Hoffmann“ an der Dresdner Semperoper/ Szene/ Foto Jochen Quast

Eric Cutler ist das Ereignis der Aufführung. Der im Belcanto-Repertoire renommierte amerikanische Tenor imponiert in der strapaziösen Titelrolle mit kraftvoller, substanzreicher Stimme und lässt keinerlei Ermüdungs-Erscheinungen hören. Das Couplet vom „Kleinzach“ gibt er pointiert und mit grimmigem Beiklang. Geschickt werden Kopftöne in die Gesangslinie eingebunden, was seinem Vortrag den französischen Charakter verleiht. Emphatisch und in romantischer Schwärmerei verströmt sich seine Stimme im Duett mit Antonia „C’est une chanson d’amour“, mit hitziger Gebärde flammt sie im Giulietta-Akt auf. Christina Bock als Muse und Nicklausse ist ein weiterer Trumpf der Besetzung. Sie hat alle drei Couplets zu singen – „Une poupée aux yeux d’émail“, „Vois sous l’archet frémissant“, „Des cendres de ton coeur“ – und absolviert diese mit individuell getöntem, in der oberen Lage etwas herbem Mezzo, dessen dunkel grundierte Tiefe besonders klangvoll ist. Hoffmanns vier Gegenspieler finden in Peter Rose einen eindrucksvollen Interpreten mit diabolischer Aura und schillerndem Bass, den nur die Tessitura des Docteur Miracle in Bedrängnis bringt, der aber Dapertuttos Chanson „Scintille, diamant“ in schönem Fluss sehr wirkungsvoll wiedergibt. Aaron Pegram verleiht den Buffo-Figuren viel Charakter und prägnante Töne. Als Frantz, Crespels Diener, singt er in seinem Couplet „Jour et nuit“ eigentlich davon, wie schwer das Singen ist, was in der Übertitelung dieser Inszenierung (Anne Gerber) einfach in Tanzen verändert wird, um bei der Inszenierungskonzeption zu bleiben.

Am Pult der Sächsischen Staatskapelle Dresden steht mit  Frédéric Chaslin ein Kenner des französischen Repertoires, der dem Orchester den gebührend delikaten Duft und all die schillernden Valeurs dieser Musik entlockt. Das Publikum am 16. 12. 2016 feierte Solisten, das Orchester und den Chor der Sächsischen Staatsoper Dresden (Einstudierung: Jörn Hinnerk Andresen) sehr herzlich (Foto oben: „Les contes d´Hoffmann“ an der Dresdner Semperoper/ Szene/ Foto Jochen Quast). Bernd Hoppe.