Bewundernswerte Helene Schneiderman

 

Leidenschaftlich und laut ging es zu bei der Pique Dame-Neuinszenierung in der Stuttgarter Oper. Sylvain Cambreling setzte mit dem Staatsorchester auf einen kraftvoll dynamisch aufgefächerten, manchmal aber doch etwas  zu plakativen Pathétique-Tschaikowski. Da ging dann wirklich die musikalische Post ab, wenn auch noch der von Johannes Knecht präzis einstudierte und mächtig auftrumpfende Staatsopernchor (inklusive Kinderchor) ins Spiel kam. In der Titelpartie war Stuttgarts Publikumsliebling Helene Schneiderman, auf dem Aufführungsplakat der Oper im Spielkartenmuster zu bewundern,  mit den gewohnt sehr schönen Mezzotönen zu hören (ganz wunderbar ihr „Je crains de lui parler la nuit“), hier aber vielleicht doch eine Spur zu schön, da Gräfin/Großmutter so  etwas zu jung, zu brav, zu wenig dämonisch rüberkamen, zumal sie auch noch, trotz grauer Perücke, von der äußeren Erscheinung her äußerst attraktiv wirkte.  Womit sie dann natürlich den vor allem mit viel Kraft und Power singenden German (Hermann) von Erin Claves nicht nur wegen der heiß begehrten geheimnisvollen „tri karte“ faszinieren und erregen konnte. Und das ganz sicher mehr noch als die Lisa von Rebecca Lipinski, die sich auch stimmlich anfangs etwas spröde und zurückhaltend gab, weshalb der äußerst distinguiert und souverän auftretende Shigeo Ishino (Jeletzki) letztlich die geplatzte Verlobung mit ihr wohl gut verschmerzen konnte. Im Ensemble warteten mit vollem stimmlichen Einsatz neben dem ungemein präsenten Vladislav Sulimsky (Tomski) durchweg überzeugende Rollendebütanten auf: Torsten Hofmann (Tschekalinski), David Steffens (Surin), Gergely Németi (Tschaplitzki), Michael Nagl (Narumov) sowie Stine Marie Fischer (Polina), Maria Theresa Ullrich (Gouvernante) und Yuko Kakuta (Mascha).

Das Regie-Duo Jossi Wieler (Intendant) und Sergio Morabito (Chefdramaturg) sowie die Bühnen- und Kostümbildnerin Anna Viebrock hatten von einer Vorab-Reise nach St. Petersburg jede Menge Eindrücke aus dem dortigen Hinterhof-Milieu mitgebracht. So sind in der Inszenierung, weit entfernt vom originalen St.Petersburger „Sommergarten“, laut Morabito, „alle Figuren nach einer katastrophischen Erschütterung aus ihren sozialen Zusammenhängen gestürzt; die Wege der Heimatlosen kreuzen sich im zeitlosen Raum eines Petersburger Elendsviertels“. Und diese Tristesse optisch aufregend auf die (Dreh-)Bühne  zu bringen, versteht nun wirklich keine besser als Anna Viebrock. Da blättert der Stuck von den Wänden, laden plüschige alte Kinosessel zum Herumlungern ein, bieten diverse Leitern und Treppen an Sperrholzwänden Gelegenheit nicht nur zum waghalsigen Klettern und Entfliehen, sondern auch zum tragischen Suizid von Lisa, von wegen Newa…

„Pique Dame“ an der Stuttgarter Oper/ Szene/ Foto A. T. Schaefer

Und die Akteure sind, passend zum heruntergekommenen Ambiente, in bunte Alltagsgewänder gekleidet, mit Ausnahme vom vornehmen Fürst Jeletzki und der Gräfin, vormals ja als „Moskowitische Venus“ gepriesen, die nicht nur viel Haut, sondern auch locker übergeworfene glamouröse Gewänder zeigen darf, ganz im Gegensatz zu Katharina der Großen, die sich bei ihrem Auftritt beim neckischen Schäferspiel  im Bikini zur Schau stellen muss. Um doch noch ein wenig Dämonisches ins Spiel zu bringen, schwebt die Pique Dame  in einer Art Windfang über die Bühne, der in diesem Umfeld Assoziationen an eine Sänfte oder einen barocken Beichtstuhl aus frommen Jahrhunderten hervorruft. Wieler & Morabito machen aus der ursprünglich hochromantischen Geschichte ein aktuelles sozialkritisches Problemstück und zeigen bis ins kleinste Detail die gesellschaftlichen Umstände und die fragwürdige Rolle der Geschlechter im zaristischen (?)  Russland auf. Der Außenseiter German, eher eine Dostojewski- denn eine Puschkin-Figur,    ist all dem, trotz Kapuzenshirt mit dem Konterfei von Peter dem Großen, nicht gewachsen, hat weder Glück in der Liebe noch Glück im Spiel. Das Premierenpublikum (11.6.) war restlos begeistert, durfte sich allerdings auch über einen ordinären Bravo-Schreier in den oberen Rängen aufregen. Hanns-Horst Bauer

 

Summer in the City: Pausenblick auf die Stuttgarter Oper/ Foto Hanns-Horst Bauer

Nachlese und Ausblick: Absolutes Highlight der zu Ende gehenden Saison war zweifellos Frank Castorfs brillante Inszenierung von Gounods Faust gleich zu Beginn, für den traurigen Tiefpunkt zeichnete Stuttgarts demnächst scheidender Schauspielchef Armin Petras verantwortlich, der aus Offenbachs Orphée aux enfers eine un(v)erträgliche Klamotte machte. Benjamin Brittens Death in Venice faszinierte mit Matthias Klink in der Rolle des Gustav von Aschenbach, und die Hausherren Jossi Wieler & Sergio Morabito waren nicht nur gerade eben bei Pique Dame, sondern auch mit Händels Ariodante sozialkritisch und tiefenpsychologisch am Schürfen. Die nächste Saison beginnt mit einem märchenhaften Paukenschlag: Kirill Serebrennnikov, in Stuttgart zuletzt mit einer sensationellen Salome erfolgreich,  wird Humperdincks Hänsel und Gretel auf die Bühne bringen (Foto oben: „Pique Dame“ an der Stuttgarter Oper/ Szene mit Helene Schneiderman/ Foto A. T. Schaefer). hhb