Beklemmende Umsetzung

 

Zu den bedeutendsten Schöpfungen der Filmkunst aller Zeiten gehört Fritz Langs Opus M – Eine Stadt sucht einen Mörder aus dem Jahre 1931, welches die Geschichte eines Serienmörders beschreibt, der in einer Stadt mehrere Kinder tötete. Nun hat die Komische Oper am 5. 5. 2019 eine einaktige Oper von Moritz Eggert mit dem gleichen Titel zur erfolgreichen Uraufführung gebracht. Das Libretto verfassten Ulrich Lenz und der Intendant des Hauses, Barrie Kosky, der auch die Inszenierung dieses Auftragswerkes besorgte. Beide verwendeten für den Text neben dem Film-Material auch Kinderlieder und Gedichte von Walter Mehring. So beginnt der Abend mit dem Lied „Warte, warte nur ein Weilchen“, das der Kinderchor der Komischen Oper (Einstudierung: Dagmar Fiebach) aus dem Off singt. Später hat er auch Gelegenheit für Auftritte auf der Szene und erweist sich darin als perfekt studiert und sicher.

Die Szene von Klaus Grünberg ist von nüchterner Sachlichkeit und bringt wenig Atmosphäre ins Geschehen. Auf der weiß ausgeschlagenen Bühne steht ein Stahlgerüst, auf dessen Podest eine Korridorflucht mit mehreren Türen zu sehen ist, gefaltet wie ein Leporello und in einigen Szenen geringfügig variiert. Im Polizeirevier sind die Wände mit Fingerabdrücken, Stadtplänen und Schriftproben versehen, später sieht man sie mit buntem Stoff ausgeschlagen, wo M., der Mörder, trotz der heiteren Umgebung klaustrophobische Beklemmungen erlebt. In der Kostümierung von Katrin Kath erscheint er in Jeans und Pulli wie der Nachbar von nebenan – unauffällig, harmlos, unscheinbar.

Moritz Eggerts Oper „M – eine Stadt sucht den Mörder“/ Uraufführung an der Komischen Oper Berlin/ Szene/ Foto wie auch oben Monika Rittershaus

Der texanische Bariton Scott Hendricks singt die zwischen Sprechgesang und größten vokalen Ausbrüchen pendelnde Partie mit Totaleinsatz, bewältigt deren immense Anforderungen bis hin zu Falsett-Tönen imponierend. Leider führt der Gebrauch des Mikroports zu einer unverhältnismäßig dröhnenden Verstärkung. Allerdings ist Eggerts exzessiv geballte Musik mit aufgetürmten Klangclustern, die als Surround-Effekt im gesamten Zuschauerraum ertönen, ohne technische Hilfe vokal wohl auch nicht zu realisieren. Kinder kündigen seine Soli an – „Jetzo, mein Püppelein“, die verhalten stockende „Romanze von der gestörten Nachtruhe“, das grimmige „Es tanzt ein Bi-Ba-Butzemann“. Die aus dem musikalischen Rahmen fallende „Selbstanzeige“, die – von Streichern umspielt – fast einer lyrischen Musicalnummer ähnelt, sagt er gar selbst an. Aber oft ist die Musik von nervöser Rhythmik und zumeist untermalt sie eingespielte, im Klang verfremdete Sprechstimmen, was dem Werk einen Hörspielcharakter verleiht. Da überschneiden sich Schlagzeilen aus Presse und Rundfunk mit angstvollen Schreien von Müttern, naiven Kinder-Stimmen und bedrohlichen Rufen der Hetzjagd. Der Berliner Dialekt sowie verwendete Instrumente wie Akkordeon oder  Leierkasten – und nicht zuletzt Anklänge an die Musik von Kurt Weill – sorgen für lokales Kolorit. Wenn M verlangt, vor ein ordentliches Gericht gestellt zu werden und dafür von der Meute ausgelacht und verhöhnt wird, findet der Komponist für ihn sogar zarte Töne des Mitgefühls. Überhaupt wird der Täter in diesem Stück eher als Außenseiter, als Opfer dargestellt, das vom vulgären Pöbel, darunter eine Bande von Bettlern, gejagt und gemobbt wird. Gezeichnet mit einem M auf dem Rücken, durchlebt er Visionen der Angst und Albträume des Schreckens. In einer Traumszene fühlt er sich von liebevollen Händen getröstet, während in Wirklichkeit Sprechchöre mit dem Ruf „Totschlagen!“ immer gellender ertönen. In einer anderen Sequenz, von giftig gelbem Licht beleuchtet (Klaus Grünberg), sieht er sich von unzähligen Kinderarmen körperlich bedrängt, läuft danach verwirrt mit bunten Luftballons in verschieden farbigen Kleidchen über das Podium. Während Langs Film eher die Realität schildert, wirft die Oper die Frage auf, ob möglicherweise alles nur der Phantasie des Mannes entsprungen sein könnte, er das Geschehen als traumatische Wiederspiegelung schrecklicher eigener Erlebnisse wahrnimmt.

Beherrschend für die Optik der Inszenierung ist die Idee des Regieteams, Kinder mit überlebensgroßen Köpfen die Erwachsenen darstellen zu lassen – ein Verfremdungseffekt von enormer Wirkung, zumal jede Figur individuell und plastisch geführt ist. Ihre fratzenhaften Gesichter sind beängstigend, bedrückend, erschütternd – eine Meisterleistung der Maskenabteilung. Inmitten all dieser skurriler Gestalten nimmt sich M wie der einzig „normale“ Mensch aus. Sein Ende zeigt die Inszenierung nicht. Die Aufführung endet mit dem Gesang des Kinderchores aus dem Off („Warte, warte nur ein Weilchen“). Dann hopst, wie schon zuvor, ein Kind über die Bühne und ruft den Abzählreim „Du bist raus“ ins Publikum – ein verstörendes letztes Bild.

Ebenso wie Barrie Kosky verantwortete der neue Generalmusikdirektor des Orchesters der Komischen Oper, Ainars Rubikis, erstmals eine Uraufführung und wurde am Ende mit allen Mitwirkenden vom Publikum anerkennend gefeiert. Bernd Hoppe