»Vor allem war er nicht von seiner Zeit!«

 

Unter den allgemeinen Klagen über den Zustand der Welt gegenwärtig vergisst man auch gerne, wie beglückend ein Opernabend sein kann, zumal wenn er so rundherum professionell und hochqualitativ ausgeführt wird wie der beim Münchner Rundfunkorchester am 31. Januar 2016 im schönen Prinzregententheater. Dort hatte sich eine absolut erste Equipe an Sängern, Chor und natürlich Orchestermusikern unter Ulf Schirmer versammelt, um Benjamin Godards spätromantische Oper Dante von 1890 zu einer modernen Wiedergeburt zu verhelfen – es hätte erfolgreicher nicht sein können! Zeitgleich gab es die konzertante Aufführung im Radio und als stream-video in ganz exzellenter Wiedergabe im BR-Netz (dto). Das ist ein unglaublicher Service und lässt einen vorübergehend freudiger an die Zwangs-Rundfunkabgabe denken. Hier waren die Gebühren hervorragend angewandt.

Godards Oper „Dante“ bei den Ediciones Singulares/ ISBN: 978-84-697-4879-4

Die Oper wurde im Januar 2016 im Prinzregententheater München konzertant aufgeführt und mitgeschnitten. Die Aufnahme ist unter Mitwirkung des Chores des Bayerischen Rundfunks, des Münchner Rundfunkorchesters unter der Leitung von Ulf Schirmer sowie hochkarätiger Gesangssolisten wie Véronique Gens, Edgaras Montvidas, Jean-François Lapointe, Rachel Frenkel u.a. entstanden. Das CD-Buch ist der 16. Band in der Reihe „Opéra français“, die mehrfach den Preis der deutschen Schallplattenkritik und den ECHO Klassik erhielt. Darüber hinaus wurde die Reihe dieses Jahr im Rahmen des Festivals des Palazzetto Bru Zane in Paris mit dem Ehrenpreis der deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet. Das Ganze ist nun bei den Ediciones Singulares, der Plattenfirma des Palazetto Bru Zane, als CD-Buch in bewährter Qualität herausgekommen – viele Aufsätze (auch in Englisch), sowie das zweisprachige Libretto. Sammler werden sich freuen  (Ediciones Singulares ISBN: 978-84-697-4879-4).

 

Godard: "Dante"/ Ulf Schirmer dirigierte das Münchner Rundfunkorchester/ Still aus der Stream-Übertragung des BR

Godard: „Dante“/ Ulf Schirmer dirigierte das Münchner Rundfunkorchester/ Still aus der Stream-Übertragung des BR

Die Handlung von Edouard Blau ist dünn und befrachtet mit dem erwartungsgemäß alles beherrschenden Besuch im Inferno und dem Parnass im 3. Akt, wo Virgil Dante die bekannten Schrecken und Heroisierungen zeigt. Vorher gibt es jede Menge politische Verwicklungen im mittelalterlichen Florenz, eine unerfüllte Liebesgeschichte zwischen – jaja – Dante und Béatrice, die vor dem 3. Akt mit der Verbannung Dantes aus Florenz beinahe schließt und danach im 4. mit der kurzfristigen Vereinigung der Sterbenden mit dem Dichter und dem voraussehbar-plakativen Entschluss endet, seine unerfüllt Geliebte mit seiner Dichtung zu verewigen. Was ihm ja auch gelungen ist. Aber das Sujet, so merkt man, macht sich einfach selbstständig und trägt nicht zum leichten, Spannung haltenden Konsum bei. Kein Wunder, dass die Oper 1890 an der Opéra-Comique kein Hit wurde. Sie ist zu bodenlastig.

 

Godard: "Dante"/ Ulf Edgaras Montviidas sang die Titelpartie Still aus der Stream-Übertragung des BR

Godard: „Dante“/ Edgaras Montvidas sang die Titelpartie Still aus der Stream-Übertragung des BR

Gesungen wurde im Münchner  Konzert einfach umwerfend! In der Titelrolle strahlte der attraktive lettische Tenor Edgaras Montvidas mit schönster Spintostimme, exzellentem Französisch und einer charismatischen Rollendarstellung selbst im Konzert, was für ein toller Tenor! Die umworbene Béatrice fand in Véronique Gens glaubhafte und eher (zu) dunkle Konturen für die (angeblich) Sechzehnjährige (im Gegensatz zum Tenor ließ sie Wortdeutlichkeit vermissen), Rachel Frenkel war die stimmstarke, interessant timbrierte Freundin Gemma mit tragendem Aplomb. Mit Jean-Francois Lapointe stand erneut einer der wirklich bedeutenden Sänger Frankreichs vor uns, stimmstark und sonor und von textausdeutender Spielfreudigkeit. In den kleineren Partien hörte man zudem  Diana Axentii, Lepri Meyer und sehr kompetent Andrew Foster-Williams. Dazu kamen der fabelhafte Chor des Bayerischen Rundfunks unter Stellario Fagone sowie das oben so gelobte Münchner Rundfunkorchester unter dem vielseitigen Ulf Schirmer. Chapeau pour tous.

Ulf Schirmer sprach im Pausenfeature der Radiosendung, dass man bei Godard nie wüsste, was im nächsten Moment käme, und dass sich hier die bekannten Formen auflösten und sich Überraschendes unangemeldet zeigte. Das ist vielleicht der Schlüssel zum Zugang zu diesem bemerkenswerten Werk eines heute unbekannten Komponisten der französischen Spätromantik, der uns – wenn überhaupt – nur aus einigen  Kammermusiken, einem Klavierkonzert und aus sentimentalen Liedern auf den Schellacks historischer Sänger in Erinnerung ist (darunter wohl am häufigsten die JocelynBerceuse). Die Oper Dante jedenfalls wartet mit einem kompakten Orchesterapparat auf, stellt unglaubliche Anforderungen an die Solisten (namentlich den Titeltenor) und bietet keine Hits, nichts zum Füße Wippen, nichts zum Mitpfeifen. Aber das hatte Cinq-Mars von Gounod vor einem Jahr am selben Ort auch nicht (die CD-Aufnahme kommt in diesem Jahr bei Ediciones Singolares heraus). Die französischen Opern der Jahrhundertwende „suppen“ Rembrandt-gleich im orchestralen Chiaroscuro vor sich hin, und ihre Höhepunkte sind selten sehr melodiös, sondern eher kraftvoll-laute Chorabschlüsse oder sentimental-schmachtendes Geigengewimmer. So auch hier. Aber darin sehr effektvoll. Da die Aufnahme des Konzertes auch beim Palazetto Bru Zane, in dessen Kooperation dieses Konzert stattfand und in gleicher Besetzung am 2. Februar 2016 nach Versailles geht, bei Ediciones Singolares erscheinen wird, erübrigt sich eine musikalische Analyse.

Das besorgt zudem weitgehend der nachfolgende Artikel von Florian Heurich über den Komponisten und sein Werk. Diesen Beitrag übernahmen wir dem Programmheft zur konzertanten Aufführung der Oper im Münchner Prinzregenten Theater mit sehr freundlicher Genehmigung der Pressestelle des Münchner Rundfunkorchesters (Frau Doris Sennefelder) und vor allem des Autors Florian Heurich und danken dafür sehr! G. H.

 

Godard: "Dante"/ Mlle Simonnet als Béatrice im zweiten Akt der Uraufführung/ Mucha/ Gallica

Godard: „Dante“/ Mlle Simonnet als Béatrice im zweiten Akt der Uraufführung/ Mucha/ Gallica

Und nun der Artikel von Florian Heurich: Romantische Träumer – Benjamin Godard und sein Dante.  Der Komponist: Seine Mitmenschen beschrieben ihn als unverbesserlichen Romantiker, als einen Träumer, der nicht so recht in seine Zeit zu passen schien und der in seinen Werken und seiner künstlerischen Gesinnung den Geist einer vergangenen Epoche weitertrug und neu aufleben ließ. Während in den 1880er und 1890er Jahren in ganz Europa und nicht zuletzt in Frankreich die Wagner-Mode um sich griff und die ästhetischen Errungenschaften des Bayreuther Meisters die Kunst und die Musik revolutionierten, waren Benjamin Godards musikalische Vorbilder Beethoven, Schumann und Mendelssohn. Zu einer Zeit, als sich die Kunst von Historismus, Renaissance- und Antikenverklärung oder hochromantischem Pathos abzuwenden begann und in Sujet und Geisteshaltung mehr und mehr zu einem Spiegel der Gegenwart wurde, hießen Godards Bühnenerlebnisse etwa Jeanne d’Arc, Ruy Blas, Les Guelfes oder Dante – allesamt historische Stoffe. In einer Dramatischen Symphonie ging es um das Leben Torquato Tassos, des Weiteren schrieb er eine Symphonie gothique, eine Symphonie orientale und eine Symphonie légendaire. Godards Inspirationsquellen lagen also größtenteils mehrere Jahrhunderte zurück. Auch in der Wahl seiner literarischen Vorlagen spiegelt sich ein Hang zu Dichtern der Vergangenheit wider: Victor Hugo, Pedro Calderón de la Barca, Alphonse de Lamartine. Godard, der sich den aktuellen Tendenzen des ausgehenden 19. Jahrhunderts fast vollkommen verschloss, soll sich gerühmt haben, niemals eine Partitur »dieses guten Herrn Wagner« geöffnet zu haben. So will es der Komponist und Kritiker Alfred Bruneau selbst von Godard gehört haben, der nicht nur Wagners Musik- und Theaterästhetik ablehnte, sondern als Jude auch dessen Antisemitismus und politische Haltung.

Godard: "Dante"/ Der Tenor Gilbert im 2. Akt der Uraufführung/ Mucha/ Gallica

Godard: „Dante“/ der Tenor Gilbert im 2. Akt der Uraufführung/ Mucha/ Gallica

»Vor allem war Godard nicht von seiner Zeit«, schrieb der Musikwissenschaftler und Publizist Eugène de Solenière in seinen 1902 erschienenen Notules et impressions musicales. »Er war ein Träumer, ein verspäteter Romantiker, ein nach innen gekehrter Emotioneller mit ausdrucksstarker Arglosigkeit und dem, was man Zurückhaltung in der Kompositionsweise nennen könnte.«  Auch wenn er von seinen den musikalischen Neuerungen verpflichteten Künstlerkollegen nicht selten belächelt wurde, so war Godard doch ein äußerst produktiver Komponist, dessen Werken ein ganz eigener Charme innewohnt, oftmals voller Melancholie und immer reich an melodischer Finesse und kompositorischer Klarheit. Jules Massenet immerhin, mit dem Godard vor allem in den Bühnenwerken ein subtiler Lyrismus verbindet, wusste dies zu schätzen. An einen »lieben, großen Musiker« erinnerte er sich in seinen Memoiren, »der seit seiner Kindheit, seit den ersten Takten, die er schrieb, ein wahrer Poet war«. Vor allem die Dramatische Symphonie Le Tasse für Soli, Chor und Orchester, die 1878 mit dem Prix de la Ville de Paris ausgezeichnet wurde und deren Uraufführung Massenet neben Charles Gounod, Ambroise Thomas und Camille Saint-Saëns beigewohnt hatte, pries er als Meisterwerk. Daneben spricht vor allem aus Godards Miniaturen für Soloklavier, Solovioline und verschiedene Kammermusikbesetzungen, die zu seinen Lebzeiten oftmals als Salonmusik abgelehnt wurden, ein großes Gespür für den romantischen Gestus im Kleinen.

 

Benjamin Louis Paul Godard wurde am 18. August 1849 in Paris als Sohn einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie geboren. Noch bevor er sich dem Komponieren zuwandte, galt er als Wunderkind auf der Violine. Er besuchte die Geigenklasse von Henri Vieuxtemps und die Kompositions- und Harmonielehreklasse von Napoléon Henri Reber am Pariser Konservatorium. Trotz des ihm attestierten außergewöhnlichen Talents misslangen seine zweimaligen Anläufe, den begehrten Rom-Preis und das damit verbundene Stipendium in der Villa Medici zu gewinnen. Schon früh sah Godard sich gezwungen, seinen Lebensunterhalt allein durch seine Musik zu bestreiten, da er wegen der schlecht laufenden Geschäfte seines Vaters nicht mehr auf die Unterstützung seiner Familie hoffen konnte. Die Folge war eine zunehmend schnellere Arbeitsweise, die sich trotz seines relativ kurzen Lebens in einem umfangreichen Œuvre, bestehend aus acht Opern, fünf Symphonien, zwei Violin- und zwei Klavierkonzerten sowie unzähligen kammermusikalischen Werken und mehr als einhundert Liedern, niederschlug. Mit nur 45 Jahren starb Godard in Cannes, wohin er sich zurückgezogen hatte, an Tuberkulose.

 

Godard: "Dante"/ Szene aus der Uraufführung/ ". Akt/ Gallica

Godard: „Dante“/ Szene aus der Uraufführung/ 2. Akt/ Gallica

Der Stoff: In seiner am 13. Mai 1890 an der Pariser Opéra-Comique uraufgeführten Oper Dante macht der romantische Träumer Godard einen anderen Fantasten der Weltgeschichte zum Protagonisten. Genauer gesagt formten er und der Librettist Édouard Blau aus dem florentinischen Dichter des ausgehenden 13. und beginnenden 14. Jahrhunderts eine Figur ganz im Sinne der Romantik und vermischten dabei reale Fakten aus Dantes Leben, wie sie etwa aus dessen literarischen Werken herauszulesen sind oder durch den Dante-Biografen Giovanni Boccaccio überliefert wurden, mit einem guten Stück Fiktion.

Die Liebesbeziehung zwischen Dante und Béatrice, die jedoch Siméone Bardi zur Frau bestimmt ist, bildet als klassischer Dreieckskonflikt das Zentrum der Handlung. Dazu kommt eine politische Ebene, die Auseinandersetzungen zwischen Ghibellinen und Guelfen in Florenz. Dabei wird Dante, in der Realität ein Parteigänger der Guelfen, im 1. Akt der Oper in einer patriotischen Ensembleszene vom Volk zum Stadtoberhaupt bestimmt, von dem man sich eine Schlichtung erhofft. Aus der politischen Figur Dante, als die er anfänglich erscheint, wird indessen mehr und mehr Dante der Liebende. Während die leidenschaftlich ausgelebten Gefühle zwischen Dante und Béatrice und die daraus erwachsenden Konflikte zum theatralischen Mittelpunkt der Oper werden, war das Verhältnis zwischen dem Poeten Dante Alighieri und der historischen Bice Portinari in Wirklichkeit vor allem überhöhte dichterische Fiktion. Diese Frau, die als engelsgleiches, unerreichbares Wesen geschildert wird, bestimmt Dantes literarische Werke von der Vita nova bis zur Divina commedia. Inwieweit dieses ganz im Sinne mittelalterlicher Ideale stilisierte Liebesverhältnis reale Grundlagen hat oder nur der Imagination des Künstlers entsprungen war, ist bis heute nicht ganz klar.

Godard: "Dante"/ Tombeau de Béatrice im letzten Bild/ Zeichnung von Mucha/ Gallica

Godard: „Dante“/ Tombeau de Virgil im 3. Akt/ Zeichnung von Mucha/ Gallica

Zur künstlerischen Inspirationsquelle wird Béatrice auch in Godards Oper, wenn sie der Titelfigur in einer breit angelegten Traumsequenz erscheint und Dante eine Vereinigung im Himmel verheißt. Durch diese Vision im 3. Akt, in der neben Béatrice noch weitere Figuren der Divina commedia auftreten, machen Godard und sein Librettist aus ihrer Oper eine Art Ursprungslegende zum literarischen Hauptwerk des Dichters. Vergil, Dantes Führer auf seiner Jenseitsreise in der Divina commedia, erscheint ihm hier, außerdem der Conte Ugolino und das Liebespaar Paolo Malatesta und Francesca da Rimini, allesamt zentrale Figuren in Dante Alighieris Werk und der darin geschilderten Reise durch Hölle, Purgatorium und Paradies. Dante ist somit bei Godard nicht nur Liebender und öffentliche Person, sondern auch Künstler. Die Oper macht aus der mit politischen Elementen angereicherten Liebesgeschichte ein Künstlerdrama. »Oui! Je dois vivre encore; je dois chanter pour elle! Dieu l’a faite mortelle, moi, je veux l’immortaliser!« (»Ja, ich muss noch leben, singen für sie. Gott hat sie sterblich gemacht. Ich will sie unsterblich machen!«)

Godard: "Dante"/ Szene/ Paris, Bibliotheque national de Paris/ Wiki

Godard: „Dante“/ Szene/ Paris, Bibliotheque national de Paris/ Wiki

Dies sind Dantes letzte Worte, nachdem Béatrices Tod in einem sentimental-romantischen Opernfinale zelebriert worden ist. Das Durchlebte wird also zur Inspirationsquelle für seine Kunst. Gerade durch die verschiedenen Ebenen, die hier ineinander verwoben sind, und durch die zahlreichen Anspielungen auf das Leben und Wirken Dante Alighieris, die einiges Vorwissen voraussetzen, um zwischen literatur-geschichtlicher Wahrheit (die wohlgemerkt noch nicht einmal mit der historischen Wahrheit übereinstimmt) und Theaterfiktion zu unterscheiden, wird die Oper allerdings auch zu einem dramaturgisch schwer zu fassenden Werk.

 

Der Aufbau der Oper: Der 1. Akt schildert vor allem die politische Seite der Handlung und exponiert das Dreiecksverhältnis Dante – Béatrice – Bardi vor dem Hintergrund florentinischer Adelsstreitigkeiten. Er gliedert sich in einen Einleitungschor, ein Duett von Dante und Bardi, eine Arie Dantes, in der er sich entschließt, seine geliebte Béatrice zurückzugewinnen, und ein Duett Béatrices und ihrer Vertrauten Gemma (in der Realität war Gemma Donati Dantes Ehefrau, woraus sich für die Oper nicht nur ein Dreiecksverhältnis, sondern sogar ein Vierecksverhältnis ergibt). Darauf folgt ein Ensemblefinale, in dem Dante zum ersten und einzigen Mal als Liebender, Politiker und Künstler zugleich erscheint.

Die unterschiedlichen persönlichen Gefühlszustände der Figuren bestimmen den 2. Akt: Bardis nagende Eifersucht und Verzweiflung in seiner den Akt eröffnenden Arie, Gemmas unterdrückte Gefühle für Dante in ihrem Duett mit Bardi, Béatrices Schmerz in ihrer Romanze, schließlich die Leidenschaft der beiden Geliebten im Duett von Dante und Béatrice. Im Aktfinale prallen dann alle Beteiligten aufeinander.

Der 3. Akt schließlich gilt Dante, dem Künstler, dem romantischen Träumer, in dem sich auch ein Stück von Godards eigenem Charakter widerspiegelt. Man sieht den Dichter in einer bukolischen Landschaft, in der Hirten eine Tarantella tanzen, am Grab Vergils, des verehrten Meisters. Dante ruft Vergil um Inspiration an. Der antike Dichterkollege erscheint ihm in einer Traumvision und führt ihm in der Hölle, dem »Inferno« aus der Divina commedia, die Erscheinungen Ugolinos sowie Paolos und Francescas vor Augen. Daraufhin geleitet er ihn in den Himmel, das »Paradiso«, wo Béatrice auf ihn wartet. Musikalisch charakterisiert Godard die unterschiedlichen Situationen dieses rätselhaften Aktes, der die Dimensionen einer regulären Opernhandlung sprengt, genau. Flöten und Harfen schildern das antike Idyll, düstere Chromatik die Qualen der in der Hölle Verdammten, sich weitende, helle Klänge den sich öffnenden Himmel. Es ist vor allem dieser 3. Akt, der Godards Zeitgenossen vor den Kopf stieß und dem Werk harsche Kritik eintrug.

Godard: "Dante"/ Büste Godards von Jean-Baptiste Champeil, 1904 Square Lamartine Paris/dailyphotostream.blogspot.com

Godard: „Dante“/ Büste Godards von Jean-Baptiste Champeil, 1904, Square Lamartine Paris/dailyphotostream.blogspot.com

Ein Zwischenspiel über ein Motiv, das zuvor schon mehrfach Béatrice zugeordnet war, leitet in den 4. Akt und damit zu Dantes Erwachen aus seinem Traum und zu Bardis Verzicht auf seine Braut über. Auf dieses kurze erste Bild folgt in bewährter Theatermanier eine effektvolle Klosterszene als Schlussbild. Hier finden sich auch einige Höhepunkte der Partitur: eine breit angelegte Szene von Béatrice, die sich mittlerweile in ein Konvent zurückgezogen hat und sich dem Tode nahe in einer großen Arie Gott anbefiehlt; dann ein Quartett der vier Protagonisten, das in ein Duett Dantes und Béatrices übergeht. Die Ekstase der sich wiederfindenden Liebenden wird jedoch durch Béatrices plötzlichen Schwächeanfall gebremst, und ihre Todesszene beschließt diesen letzten Akt, über dem auch musikalisch eine gewisse religiöse Verklärung liegt.

Godard: "Dante"/ Godard am Klavier/ www.Godard.com

Godard: „Dante“/ Godard am Klavier/ www.Godard.com

Benjamin Godard, dieser aus seiner Zeit gefallene Träumer und Romantiker wider Willen schuf mit Dante ein Werk, das gerade im Schlussakt ein eigentlich die Operngepflogenheiten sprengendes Sujet mit viel Gespür für musikdramatische Wirksamkeit in die Opernkonvention einpasst. Aus Dante Alighieri, dem mittelalterlichen Dichter, wird so ein romantischer Opernheld – Künstler und Politiker, vor allem aber ein zum Träumen fähiger Liebender. Florian Heurich

 

Die umjubelten Aufführungen von Charles Gounods Oper Cinq-Mars in München sowie am Theater an der Wien und an der Opéra Royal in Versailles bildeten 2015 den Auftakt zu einer längerfristigen Kooperation zwischen Palazzetto Bru Zane und dem Münchner Rundfunkorchester. So werden – nach Benjamin Godards Oper Dante – in den folgenden Spielzeiten Camille Saint-Saëns’ Proserpine und Charles Gounods Le tribut de Zamora auf dem Programm stehen und auch veröffentlicht werden (Gounods Cinq Mars folgt als CD dieses Jahr). Neben den Aufführungen im Rahmen der Münchner Sonntagskonzerte sind wiederum Folgekonzerte auch in Versailles geplant. Das von Palazzetto Bru Zane neu herausgegebene Noten- und Informationsmaterial bildet jeweils die Grundlage für die Einstudierung dieser Wiederentdeckungen.(Quelle: Programmheft des Münchner Rundfunkorchesters)

Der Musikwissenschaftler Alexandre Dratwicki ist der wissenschaftliche Leiter beim Projekt Palazetto Bru Zane/ PBZ

Der Musikwissenschaftler Alexandre Dratwicki ist der wissenschaftliche Leiter beim Projekt Palazetto Bru Zane/ PBZ

Der »Palazzetto Bru Zane – Centre de musique romantique française« (Zentrum für französische Musik der Romantik) hat es sich zur Aufgabe gemacht, französischen Musikschätzen des Jahrhunderts bzw. aus dem Zeitraum von 1780 bis 1920 wieder zu gebührender Ausstrahlung zu verhelfen. Sein Sitz ist in Venedig in einem von der Stiftung Bru für seine Zwecke restarierten barocken Palast (Casino Zane) aus dem Jahr 1695. Palazzetto Bru Zane vereint künstlerischen Ehrgeiz mit wissenschaftlichem Anspruch – ganz im humanistischen Geist der dahinterstehenden Stiftung Bru, welche von der französischen Medizinerin, Wissenschaftlerin und Unternehmerin Nicole Bru gegründet wurde und in der Schweiz angesiedelt ist. Im Zentrum der Arbeit von Palazzetto Bru Zane stehen in Kooperation mit internationalen Institutionen somit Forschungsarbeit, Herausgabe von Partituren und Büchern, Organisation internationaler Konzerte sowie die Förderung von pädagogischen Projekten und CD-Produktionen unter der Leitung von Christoph Dratwicki. (Website: bru-zane.com)

Foto oben: Delacroix: „Dante et Virgil dans l´Enfer“, 1822/ Wiki