Barocker Spektakelwert

Heribert Germeshausen wechselt im kommenden Sommer als Opernintendant von Heidelberg nach Dortmund. Seitdem er 2011 das Barockfestival Winter in Schwetzingen übernahm, gab es dort in sieben Jahren einen bemerkenswerten und spannenden historischen Opernquerschnitt von Komponisten der neapolitanischen Schule, einige davon als deutsche Erstaufführung: Marco Attilio Regolo von Alessandro Scarlatti, Polifemo von Antonio Porpora, Ifigenia in Tauride von Tommaso Traetta, Fetonte von Niccolo Jommelli, Didone abbandonata von Leonardo Vinci in einer Bearbeitung von Händel, Giulietta e Romeo von Niccolò Antonio Zingarelli und nun im siebten und letzten Jahr dieser Reihe erneut Nicola Antonio Porpora (1686–1768) anläßlich seines 250. Todesjahrs. Mitridate entpuppte sich als Oper mit Spektakelwert. Es geht in dieser Oper um konkurrierende Liebe und Macht in kriegerischen Zeiten. Mitridate, der König von Pontos am Schwarzen Meer, liegt zwar im Krieg mit Rom, beschäftigt sich aber vielmehr mit seinen Herzensangelegenheiten. Er ist mit Ismene verlobt, in die auch sein Sohn Farnace verliebt ist, entscheidet sich aber dann aufgrund eines durch ihn gefälschten Orakelspruchs für Semandra, die Geliebte seines Sohns Sifare und Tochter des Generals Archelao. Mitridate entledigt sich seines konkurrierenden Sohnes und schickt Sifare in eine Schlacht gegen die Römer, aus der er jedoch siegreich zurückkehrt. Semandra ist Sifare treu geblieben, nach einigen Diskussionen erkennen sie trotz Intrigen ihre ungeteilte Liebe zueinander wieder. Farnace hat inzwischen einen Aufstand gegen den Vater angezettelt, um die Krone und Ismene zu erringen, wird aber von Ismene verraten. Die Situation eskaliert. Mitridate wird in der Schlacht tödlich verwundet, Sifare schlägt den Aufstand nieder und wird zum neuen Herrscher. (Mozarts Vertonung seines 1770 aufgeführten Mitridate folgte einer anderen Textquelle). Die letzten Tage im Leben des Mitridate sind also vom Konflikt zwischen Vater und Söhnen geprägt. Bühnenbildnerin Madeleine Boyd zeigt ein Palastzimmer mit unübersehbaren Kriegsschäden und eine Gesellschaft zwischen Archaik und Moderne. Die Kostüme von Sarah Rolke verknüpfen Orient und Okzident mit fließenden Gewändern und Kopfbedeckungen, Anzügen, Hemden und Uniformen, wie man sie vielleicht in Assads Syrien oder auch bei Libyens früheren Diktator Gaddafi antreffen könnte. Zu Beginn wird auf einem Opferstein eine Jungfrau im weißen Gewand mit einem Messer altertümlich geopfert, später sieht man Kalaschnikows. Die Unterscheidung in Gut und Böse kommt nicht den Kriegsparteien zu, sondern den Familienmitgliedern: Mitridate (mit goldener Maschinenpistole) und Farnace sind die zwielichtigen Figuren, Sifare der aufrechte, geradlinige Typ. Letztendlich gewinnt das Gute unter Opfern und Verlusten. Die zwischenmenschlichen Verwicklungen werden von Regisseur Jacopo Spirei anschaulich und nah am Libretto auf die Bühne gebracht. Es handelt sich um eine szenische Umsetzung, die zwar nicht aufregend ist, über die man sich aber auch nicht aufregen kann und die die Aufmerksamkeit nie von den Sängern und Musikern abzieht.

„Mitridate“ bei den Schwetzinger Winterfestspielen 2017/ Foto Sebastian Bühler

Mitridate liegt in zwei komplett unterschiedlichen Kompositionen von Porpora vor. Die erste  Fassung entstand für Rom (1730, Librettist: Filippo Vanstriper), die im Schwetzinger Rokokotheater präsentierte zweite Version (1736, Librettist: Colley Cibber) stammt aus London, wo von 1733 bis 1737 zwei Unternehmen mit italienischen Opern konkurrierten. Nicola Porpora stand in in direkter Konkurrenz zu Händel, fünf eigene Opern präsentierte er: Arianna in Nasso (die 1733/34 24 Aufführungen erlebte), Enea nel Lazio (1733/34 – 7), Polifemo (1734/35 – 14, 1735/1736 – 3), Ifigenia nel Aulide (1734/35 -5) und Mitridate, der 1735/36 nur vier mal gespielt und dann durch Veracinis Adriano in Siria und ein Pasticcio (Orfeo) ersetzt wurde. Das ist heutzutage kaum vorstellbar, wenn man weiß, mit welchem Starensemble Porpora aufwarten konnte: es sangen neben Farinelli (Sifare) auch die früheren Händel-Sänger Senesino (Mitridate), Francesca Cuzzoni (Semandra), Francesca Bertolli (Farnace) sowie Bassist Antonio Montagnana (Arcelao), der bereits in Rom 1730 als Arbate dabei war. 1737 erklärte Porporas Opera of the nobility den Bankrott. Händel komponierte in dieser Zeit Arianna in Creta (1733/34 – 12 Aufführungen, 1734/35 – 5), Ariodante (1734/35 – 11) und Alcina (1734/35 – 18), Atalanta (1735/36 – 8, 1736/37 – 2 ) sowie Arminio (1736/37 – 6), Giustino (1736/37 – 9) und Berenice (1736/37 – 4). Im Frühjahr 1737 erlitt Händel einen Zusammenbruch, sein Opernunternehmen im Theatre Royal, Covent Garden scheiterte ebenfalls.  Porpora verließ England, Händel ging im Sommer 1737 zur Kur nach Aachen und kehrte 1738 mit Faramondo zurück auf die Londoner Bühne.

„Mitridate“ bei den Schwetzinger Winterfestspielen 2017/ Foto Sebastian Bühler

Doch zurück. Viel kann man über Porpoaras Mitridate nicht ohne weiteres herausfinden und auch das Programmheft der Heidelberger Oper gibt nur wenig Auskunft. Mitridate soll 35 Szenen enthalten, 24  Arien (Mitridate, Sifare und Semandra haben je fünf Arien, Farnace, Ismene, Arcelao je drei) und sechs Duette sowie Ouvertüre, Ariettas und ein ungewöhnlich umfangreicher Schlusschor, der sich über 87 Takte zieht. Die Heidelberger Fassung scheint einige Arien gekürzt und wenige Arien gestrichen zu haben, darüber erfährt man allerdings nichts im Beiheft. Dramaturgisch erfüllen die Striche ihren Zweck: die Oper wirkt bei einer reinen Spieldauer von ca. 150 Minuten nie zu lang und konzentriert sich auf die Haupthandlung um die drei zentralen Figuren Mitridate, Sifare und Semandra. Zwei Duette pro Akt – das ist für die damalige Zeit ungewöhnlich und eventuell dem englischen Librettisten geschuldet, der weniger an Konventionen und mehr am Drama interessiert war. Auffällig sind auch die vielen Accompagnato-Rezitative, die man der herausragenden Besetzung der Premiere zu verdanken scheint. Orchestral war man in London oft sehr gut besetzt, neben Streicher und Continuo sind je zwei Hörner, Oboen, Fagotte und Flöten zu hören, die vielfältige Stimmungen und Affekte begleiten und der Oper sowohl einen militärischen als auch einen pastoralen Charakter verleihen. Den Spektakelwert dieser Oper verdankt man allerdings den Sängern. Bei den Arien für Farinelli hört man noch heute, wie dieser Starkastrat sein Publikum begeistern und hinreißen konnte. Die kleine Heidelberger Oper hat dafür sehr gute Besetzungsmöglichkeiten gefunden. Countertenor Ray Chenez stürzt sich unerschrocken auf Farinellis Rolle, seine Stimme mag nicht immer ganz frei klingen, sein Koloraturen sind nicht von unüberbietbarer Eleganz – als Sifare gelingt es ihm dennoch, das Publikum zu spontanen Bravo-Rufen nach seinen Arien hinzureißen und erlebbar zu machen, was der Gesangslehrer Porpora für seinen Schüler Farinelli beabsichtigte, um die unterschiedlichen Affekte unwiderstehlich zum Ausdruck zu bringen. Mit Sifares Schlussarie „Cessa Roma superb, ed altera“ ist dann der barocke Helden-Pomp auf dem Höhepunkt. Die bemerkenswerteste Stimme des Abends hatte ein Ensemblemitglied der Heidelberger Oper: Sopran Yasmin Özkan glänzt als Semandra mit auffallender und sicherer Stimme sowie einem warmen und farbigen Timbre. Sie singt die schönsten Arien der Oper mit Hingabe und Intensität, bspw. im 2. Akt mit „Augelletti, che cantando“ oder im 3. Akt „Vieni cara amica morte“. In den Duetten ergänzen sich Özkan und Chenez sehr gut. Auch die Rolle des Mitridate ist mit Countertenor David DQ Lee sehr gut besetzt. Er setzt nicht immer auf Schönklang, sondern typisiert seine zwielichtige Figur auch stimmlich durch Ausdruck und hat die stärkste Bühnenpräsenz dieser Inszenierung. Die kleineren Rollen, die in Schwetzingen auch zusätzlich gekürzt scheinen, bieten weniger Profilierungsmöglichkeiten. Die Mezzosopranistin Shahar Lavi blieb als Farnace zu blass, die schöne Stimme von Katja Stuber hat als Ismene wenig zu singen, Zachary Wilson in der Rolle des Archelao ließ sich als erkältet ansagen. In den kleinen Rollen ohne Arien sind Tenor Seung Kwon Yang (Arcante, Farnaces Freund) und Bass Xiangnan Yao (Oraculo) zu hören. Die Opern beim Winter in Schwetzingen sind nichts für Originalklang-Puristen. Das Philharmonische Orchester Heidelberg ist kein auf Barockmusik spezialisiertes Orchester wie man es bspw. bei den Händel-Festspielen im benachbarten Karlsruhe präsentiert. In der Vergangenheit musste man Abstriche in Kauf nehmen, der Klang war nicht immer auf der Höhe der Zeit – eine Einschränkung, die sich in den letzten Jahren hörbar gebessert hat, man hat an Farbe hinzugewonnen, musikalisch hält man die Spannung aufrecht. Der an der Frankfurter Oper tätige Dirigent Felice Venanzoni dirigierte in Schwetzingen bereits Jommelli und Zingarelli. Er wählt forsche Tempi, das Ergebnis ist kurzweilig, aber auch manchmal ein wenig pauschal. Venanzoni kostet den Klang nicht aus und lässt die Musik nicht immer atmen, da stecken noch mehr Farb- und Differenzierungsmöglichkeiten drin.
Fazit: Diese Porpora-Oper ist eine Entdeckung, die Lust auf mehr macht. Eine schöne Produktion zum Abschluss der neapolitanischen Reihe und man darf gespannt sein, wie die Heidelberger Oper den Winter in Schwetzingen weiterführen wird („Mitridate“ bei den Schwetzinger Winterfestspielen 2017/ Foto Sebastian Bühler). Marcus Budwitius