Barocke Pracht

 

Lange gab es in Hildesheim keine barocke Oper mehr, was den neuen GMD Florian Ziemen veranlasst hatte, alle Akteure des Hauses dazu zu bringen, sich auf die Aufführung von Telemanns Orpheus in historischer Manier auf allen Ebenen, im Orchestergraben sowie auf und hinter der Bühne, einzulassen. Der große Erfolg der umjubelten Premiere gab ihm Recht, allen war ein besonderes, hochinteressantes Projekt gelungen (Premiere am 2. Dezember 2017).

Die Geschichte um den Sänger Orpheus hat die Komponisten seit der Renaissance immer wieder fasziniert. Auch Georg Philipp Telemann hat in einer seiner rund 50 Opern diesen mythologischen Stoff aufgegriffen. Das Handlungstableau ist neben anderen um Orpheus‘ Freund Eurimedes und die Figur der thrakischen Königin Orasia erweitert, die ebenfalls in den Sänger verliebt ist und Eurydikes Tod durch einen Schlangenbiss einfädelt. In Hildesheim, wo Telemann von 1697 bis 1701 das Gymnasium Andreanum besucht hat, hatte Orpheus nun passend zum 250. Todestag des früher von manchen als „Vielschreiber“ denunzierten Komponisten Premiere. Die 1726 in Hamburg uraufgeführte Komposition überrascht zunächst durch eine für die Barockzeit ungewöhnliche Lockerheit, indem Rezitative, Arien, Tanz- und Chorstücke nahtlos ineinander übergehen. Außerdem führt Telemann verschiedene nationale Musikstile zusammen, wenn er bei innerer Verzweiflung eine französische Air, bei Rache-Gedanken eine italienische Aria oder, wenn es um die Liebe geht, eine deutsche Arie singen lässt. In der Person der hinzugefügten Orasia kulminiert dies auf besondere Weise: Voller Emphase singt sie von ihrer Liebe zu Orpheus („Lieben und nicht geliebet seyn“) und beschließt in einer rasanten Rache-Arie Eurydikes Tod („Sù, mio core, à la vendetta“). Zu den fremdsprachigen Arien gab es augenunfreundliche deutsche Übertitel, die jedenfalls bei den Sängerinnen durchgängig nötig gewesen wären.

Telemanns „Orpheus“ am TfN Hildesheim/ Szene/ © Falk von Traubenberg

Mit der belgischen Regisseurin und Choreografin Sigrid T’Hooft hatte das Theater für Niedersachsen (TfN) eine ausgewiesene Barock-Spezialistin engagiert, die für historische Aufführungspraxis bekannt ist, die in Hildesheim überaus deutlich wurde. Ausstatter Stephan Dietrich hatte einen typisch barocken Bühnenraum geschaffen, in dem die prächtig kostümierten Sägerinnen und Sänger mit heute nicht mehr gebräuchlichem Gestus agierten, wobei der Text detailliert auf dazu gehörende Gesten umgelegt wurde. Das geschah so konsequent, dass jeder Realismus entsprechend der barocken Aufführungspraxis vermieden wurde, um alles sehr künstlich und „schön“ wirken zu lassen. Die Kostüm- und Maskenabteilung des TfN hatte ganze Arbeit geleistet: So waren die Kleidung sowie die Hochfrisuren und Kopfaufbauten der Königin Orasia und des Pluto schöne Beispiele ausladender Üppigkeit und barocker Prachtentfaltung. Vor allem in der Unterwelt schlug die Fantasie des Kostümbildners Purzelbäume, indem die Furien als Traumfiguren und abenteuerlich maskierte Fabeltiere auftraten.

Auch aus dem hochgefahrenen Orchestergraben hörte man Historisches: Für die Streicher waren extra Barockbögen angeschafft worden, und mit Hilfe von spezialisierten Gästen (Flöten, Laute und Cembalo) gelang unter der inspirierenden Leitung von Florian Ziemen ein jederzeit gut durchhörbarer Klang. Dabei wurden mit nie nachlassendem Vorwärtsdrängen die dramatischen Effekte ebenso wirksam herausgearbeitet wie schönes Innehalten bei den nicht wenigen lyrischen Passagen. Mit der barocken Singweise kam das Opernensemble weitgehend gut zurecht. Die Titelfigur war Peter Kubik anvertraut, der mit seinem in allen Lagen durchgebildeten lyrischen Bariton besonders in den vielen genüsslich ausgesungenen Kantilenen positiven Eindruck hinterließ. Für die virtuose Partie der Orasia war die englisch-norwegische Sopranistin Siri Karoline Thornhill engagiert, die ihre Bravour-Arien mit gestochen klaren Koloraturen und genau getroffenen schwierigen Intervallen gut bewältigte.

Levente György gefiel mit den Herrscher der Unterwelt Pluto ironisierender Bühnenpräsenz, wenn auch der barocke Ziergesang mit seinem voluminösen Bass nicht seine Sache war. Als Eurydike fiel Meike Hartmann durch schlanken, blitzsauberen Sopran auf. Den Freund des Orpheus Eurimedes gab Konstantinos Klironomos mit frischem, charaktervollem Tenor. Witzig war das Outfit von Neele Kramer als schuppiger Höllenhund Ascalax, eigentlich Diener des Pluto, die erneut mit ihrem farbenreichen Mezzo gefiel, während der kultivierte Sopran von Antonia Radneva gut zur Hofdame Ismene passte.
Neben den eleganten Tänzerinnen Annika Dickel und Sabrina Hauser erwiesen sich Steffi Fischer (Cephise), Karin Schibli (Priesterin), Daniel Käsmann (Ein Geist) und Stephan Freiberger (Echo) als tüchtige Chorsolisten. Die sechs Choristinnen nahmen durch ausgewogenen Klang für sich ein, während der Gesamtchor (Achim Falkenhausen) diesmal allzu männerstimmenlastig war.

Lang anhaltender, jubelnder Applaus und „standing ovations“ des begeisterten Premierenpublikums belohnten das mutige Projekt (Foto oben: Telemanns „Orpheus“ am TfN Hildesheim/ Szene/ © Falk von Traubenberg). Gerhard Eckels