Passionen

 

Ein ganzes Dorf spielt den letzten Abschnitt im Leben von Jesu von Nazareth. Wir befinden uns nicht bei den Passionsspielen in Oberammergau, sondern in den 1920er Jahren in dem aus der kleinasiatischen Seite gelegenen griechischen Dorf Lykovrissi, wo die Bauern sich auf die Aufführung der Passion vorbereiten, die gemäß eines alten Brauchs alle sieben Jahre aufgeführt wird. Beim Osterfest werden die Darsteller durch den Popen Grigoris und die Ältesten ausgewählt: beispielsweise die Magdalena, „For Mary Magdalena we’ve just the thing, Katerina! She has everythink required“. Mehr Worte braucht es nicht. Ein kleiner Zwist entflammt um die Besetzung des Christus. Grigoris bestimmt den armen Hirten Manolios, „He ist like am lamb and pious“. Es gibt einen kurzen Einwand, „He’s wee bit crazy. He sees phantoms“. Alles bleibt wie bestimmt. Manolios stürzt sich mit den Aposteln ins Bibelstudium. Von den Heiratsgedanken seiner Verlobten Lenio (etwas nett klein und scharf Tatjana Miyus) will er nichts mehr hören. Sie wird später Nikolios heiraten, während Manolios und Katerina trotz ihrer Zuneigung fleischlichem Verlangen entsagen.

The Greek Passion ist ein besonderes Werk, die englischsprachige Oper eines böhmischen Komponisten, der 1923 zum Studium nach Paris kam – und blieb. Und von dort 1940 nach Amerika floh. Die ihm nach dem Krieg angetragene Professur an der Prager Musikakademie konnte er aus gesundheitlichen Gründen nicht annehmen, bald darauf war er den kommunistischen Machthabern ohnehin nicht mehr angenehm. Er kehrte nicht mehr in die Tschechoslowakei zurück, starb als Amerikaner in der Schweiz. Ähnlich weit, möchte man fast sagen, ist sein Weg von den dadaistischen, expressionistischen, durch den Film und Jazz inspirierten Fingerübungen der späten 20er Jahre, von denen ich die Die drei Wünsche schätze, über die Commedia-dell ’arte-Adaptionen bis zur surrealen Julietta und der großen dramatischen Oper The Greek Passion nach dem Roman des Alexis Sorbas-Autors Nikos Kasantzakis, die, wiederum ein Schicksalsschlag, nicht, wie versprochen, 1957 an Covent Garden aufgeführt werden konnte. Bohuslav Martinů arbeite sie für die Uraufführung 1961 in Basel um. In der rekonstruierten Londoner Urgestalt von 1957 gelangte sie erst in 1999 in Bregenz auf die Bühne (dann auch in London und andernorts). Die Aufführung erschien seinerzeit bei Koch Schwann. Nun erleben wir sie von der Oper Graz neuerlich in einer Ausnahme aus Österreich (2 CD Oehms Classics OC 967). Nach einer Jenufa ist es bereits die zweite Aufnahme, seit die Schweizerin Nora Schmid vor zwei Jahren die Intendanz übernommen hat. Im stillen Winkel gelegen, war die Grazer Oper immer ein besonders Haus. Legendär natürlich die österreichische Erstaufführung der Salome, die nicht an der Wiener Hofoper, sondern hier stattfand. Das zieht sich fort bis zur dreiaktigen Lulu, an die ich mich erinnere, oder die szenische Uraufführung von Prokofjews Maddalena, aber auch Goldmarks Königin von Saba, bereits zu einer Zeit, bevor man sich hierzulande wieder langsam ihrer erinnerte.

Doch zunächst bringt ein Ereignis alle Passions-Vorbereitungen im griechischen Dorf ins Stocken. Unter den Gesängen „God save us! Have mercy on us“ zieht, angeführt von dem mit seiner Stola angetanen Priester Fotis, eine Prozession ins Dorf. Die Flüchtlinge tragen die Bibel vor sich her, eine Kirchenfahne mit dem Heiligen Georg, Symbole und Bildzeichen. Sie wurden von den Türken aus ihrem Dorf vertrieben und erbitten Nahrung und Land, werden aber von Grigoris vertrieben, der mit der Cholera droht. Katerina hat Mitleid mit den Flüchtlingen. Zusammen mit dem Judas-Darsteller Panait führen Katerina und Manolios die Flüchtlinge zum Berg Sarakina, wo sie in der Nacht ruhen sollen. Heilsgeschichte und Gegenwart vermischen sich, geistliche Führer, Fotis und Grigoris, mischen das Volk auf. Letztlich hetzen die Dörfler gegen Manolios, der sich immer stärker mit seiner Rolle als Prediger identifiziert. Manolios wird getötet. Geführt von Fotis, „Today Christ has come down on earth. Christ is born“, ziehen die Flüchtlinge weiter. Ihr „Kyrie eleison“ vermischt sich mit dem Weihnachtsgesang der Dorfbewohner. Den Leichnam des Manolios tragen die Flüchtlinge mit sich. Hier ist die Urfassung auch szenisch radikaler als die Zürcher Uraufführung.

Es muss wohl an Dirk Kaftan liegen, dass man sofort von der Großartigkeit der Griechischen Passion und der Atmosphäre zwischen Kirchenmusik und archaischer Idylle gefangengenommen ist – wenngleich hier auch eine DVD Sinn gemacht hätte, denn Lorenzo Fioronis oberammergauischtümelnde Inszenierung war, wie die Bilder im Beiheft zeigen, sicher nicht ohne Reiz. Wir sind, trotz des chorischen Aufwands, gleich mitten in der Auseinandersetzung der Dörfler, die sich gut voneinander abzeichnen mit dem Grigoris des Wilfried Zelinka, den man sich gewichtiger vorstellen könnte, dem Schulmeister von Falk Witurke, dem Captain des Dietmar Hirberger, dem Archon von Ivan Orescanin, die das leicht fassliche Englisch plastisch wiedergeben. Später tritt der flammende Fotis von Markus Butter hinzu. Im Mittelpunkt stehen die Katerina der sinnlich strahlenden, höhenstarken Mezzosopranistin Dshamilja Kaiser und der eher lyrisch traumverlorene und charaktertenoral angehauchte denn heldisch predigende Manolios des Schweizers Rolf Romei. Doch vor allem entwirft Kaftan mit dem Grazer Philharmonischen Orchester und den Chören der Oper und der Kunstuniversität ein kraftvolles Panorama zwischen sakralem, psalmodierendem Rezitativ, orthodoxer Liturgie, griechischen Folklorismen und ariosen Einsprengseln, wie dem Trinklied des Yannakos zu Beginn des 2. Aktes (Manuel von Senden macht das ganz ausgezeichnet), pastoralen Flöten-Idyllen und böhmischen Reminiszenzen. Ein leidenschaftlicher Duktus, der bis hin zum Finale mit dem Kyrie der Refugees, die heterogenen Einflüsse und Stile wie in einem byzantinischen Mosaik bildhaft zusammenfügt und dem humanistischen Anliegen Martinůs auf überragende Weise gerecht wird.

 

Und noch eine spannende Aufnahme: Es braucht nicht viel auf dem Cover. Die Grafiken gehen, obwohl durchaus markant, fast unter. Seit fast fünfzig Jahren hat sich die Optik der ECM New Series eigentlich nicht verändert. Ein Name, ein Titel. Sie stehen auch diesmal für sich: Tigran Mansurian. Requiem (ECM New Series 2505 4814101). Der 1939 in Beirut geborene Mansurian, der selbst einen Teil seiner Familie während des Ersten Weltkriegs verlor, widmete sein im Auftrag des Münchner Kammerorchesters und des RIAS Kammchors entstandenes Requiem for soprano, baritone, mixed chorus and string orchestra den Opfern des Genozids an den Armeniern zwischen 1915 und 1917. Bei der Komposition des 45minütigen Werkes musste sich Mansurian mit der den unterschiedlichen spirituellen Ausdeutung des katholischen Requiem-Textes beschäftigen, „Während ich daran arbeitete, stets unter dem starken Einfluss der altarmenischen monodischen Musik, kam es mir manchmal so vor, als verwandelten sich die lateinischen Worte phonetisch in armenische. In einem mystischen Augenblick wurde das Lateinische zu Armenisch“. Mansurian, der langjährige Direktor des Konservatoriums in Eriwan war und als einer der bedeutendsten lebenden Komponisten Armeniens gilt, hat einen eigenen, eigenwilligen, manchmal auch befremdlich platten Zugang gefunden, wobei er westliche und östliche Traditionen verbindet, östlich-orientalische Melismen mit spätromantisch-impressionistischen Schwingungen aufrüstet und die Gesänge der armenischen orthodoxen Kirche mit pathetischen Klanggesten auflädt. Dirigent Alexander Liebreich, der RIAS Kammerchor und das Münchner Kammerorchester haben sich dem Werk nach der UA 2011 in Berlin neuerlich zugewandt und es mit den Solisten Anja Petersen und Andrew Redmond im Januar 2016 in Berlin für die CD aufgenommen. Sie musizieren mit strenger Zurückhaltung und Dezenz, ebenen aber auch die klangliche Pracht des Requiems etwas ein. Rolf Fath