Aus der Asche

 

Als Rückblende erzählt Barrie Kosky das Schicksal der Semele, das Händel in seinem Oratorium von 1744 in Musik gesetzt hat. Die Komische Oper bringt es in einer Inszenierung des Intendanten, der diese kurzfristig von der erkrankten Regisseurin Laura Scozzi übernommen hatte. Die Einheitsbühne von Natacha Le Guen de Kerneizon zeigt einen vormals herrschaftlichen, doch nun ausgebrannten Salon mit Säulen, Kamin, Spiegeln, ornamentierter Tapete und verkohlten Möbeln. Nebelschwaden durchziehen die fahl ausgeleuchtete Stätte der Verwüstung (Licht: Alessandro Carletti). Einem rauchenden Aschehaufen im Zentrum entsteigt Semele – wie ein Gespenst barfuß und im Unterrock (Kostüme: Carla Teti), denn das hybride Verlangen, ihren Geliebten Jupiter in seiner wahren Götterpracht sehen zu wollen, um Unsterblichkeit zu erlangen, muss sie mit ihrem Leben bezahlen. Unter den sengenden Strahlen des Gottes verglüht sie zu Staub.

Nicole Chevalier verleiht der Figur faszinierendes Profil, ist darstellerisch von hinreißender Agilität, im Ausdruck schillernd mit einer Vielzahl von Facetten und gesanglich gleichermaßen bravourös in der Bewältigung des virtuosen Zierwerks wie der expressiven Gestaltung aller emotionalen Situationen. Packend vermittelt sie zu Beginn den klaustrophobischen  Zustand, wenn die Türen des Raumes verschlossen sind. Semeles heftigen Schreie werden noch übertroffen von den eingespielten, die Ohren peinigenden Detonationen, mit denen die Regie Jupiters Blitze und Donnergrollen untermalt. Die angekündigte Indisposition hindert die Sängerin nicht, schon das erste Rezitativ mit vollem stimmlichem Einsatz zu absolvieren. Die Arie „Endless pleasure“ am Ende des 1. Aktes, ein showpiece der Partie, singt sie mit koketten Koloraturen. Aus einem Kamin kriechen die Chorsolisten der Komischen Oper (Einstudierung; David Cavelius) hervor und nehmen den munteren Gesang mit ausgelassener Fröhlichkeit auf. Aber sie verfügen auch über die Attacke für die Passagen von dramatischer Wucht. Semeles„O sleep“ im 2. Akt hat reichen lyrischen Klang. Für das selbstverliebte und körperlich besonders lebendig umgesetzte „Myself I shall adore“ im letzten Akt trägt sie ein glitzerndes Abendkleid, beim folgenden „I ever am granting“ wandelt sich ihr Zustand in unbändige Raserei, begleitet von veristischen Schreien und pathologischen Zuckungen. Chevalier vermag dies im letzten Air („No, no! I’ll take no less“) mit schier endlosen, furiosen Koloraturläufen und einem der Salome vergleichbaren Trancezustand noch zu steigern. Vielleicht war da nicht jede Note perfekt fokussiert, aber dieses totale Engagement und der Mut zum Risiko hatten überwältigende Wirkung. Am Ende erscheint sie wieder in ihrem Unterkleid wie zu Beginn, taumelnd, mit Brandverletzungen an Armen und Beinen, bis die Stimme stockt und verstummt. Wie ihr eigenes Denkmal sitzt sie danach auf dem Kamin mit ihrer Urne in den Armen – ein berührendes Bild von Einsamkeit und Trauer.

Neben ihr gibt Allan Clayton einen Jupiter von üppiger Statur in violetten Socken und bar jeder göttlichen Aura. Vor allem bei dieser Figur offenbart sich Koskys Hang zum Slapstick. Er nimmt dem Gott Pathos und grandeur, lässt ihn herumhampeln und kriechen wie einen Hund, gestattet ihm aber auch handfeste erotische Szenen. Aber der Tenor singt exzellent mit klangvoller, sicherer Höhe und bei seiner berühmten Arie „Where’er you walk“ besonders schmeichelnd. Wenn er sich Semeles Verlangen zu widersetzen sucht (Ah, take heed“), kann auch er mit vehementen Koloraturgirlanden imponieren.

Händels „Semele“ an der Komischen Oper Berlin/ Szene/ Foto wie auch oben Monika Rittershaus

Hysterisch überdreht und exaltiert ist auch seine eifersüchtige Gattin Juno gezeichnet, durch deren Einflüsterungen Semele den fatalen Wunsch äußert, Jupiter in seiner wahren Gestalt zu erblicken. Ezgi Kutlu in eleganter violetter Seidenrobe punktet mit schwarzer, satter Tiefe und weiß vor allem ihre furiose Szene „Hence, Iris hence away“ zu gebührender Wirkung zu bringen. Semeles Schwester Ino, die am Ende den Prinzen Athamas, einst Semeles Bräutigam, heiraten wird, ist in der Verkörperung durch Katarina Bradic eine attraktive Salondame mit resolutem, klangvollem Mezzo. Dagegen ist die Götterbotin Iris in dieser Inszenierung eine typische Kosky-Figur in hellblonder 1930er-Jahre-Frisur – kreischend, zwitschernd wie in einem Musical – und Nora Friedrichs setzt das mit munterem Koloratursopran und flotter Körperlichkeit perfekt um.

Die tiefen Töne im Solistenoktett bringen Philipp Meierhöfer als König Cadmus im Nadelstreifenanzug mit resolutem, durchschlagendem Bass und Evan Hughes als Gott des Schlafes Somnus im androgyn schillernden Outfit mit anfangs brummiger, dann vehementer Stimme ein.

Schwachpunkt der Besetzung ist der Athamas von Eric Jurenas, dessen  Countertenor zwar nicht unangenehm klingt, aber in der Durchschlagskraft absolut unterbelichtet bleibt. Vor allem die Tiefe ist quasi inexistent, bei den Koloraturen in der Höhe gibt es heulende und bellende Töne. Und leider fällt ihm mit „Despair no more“ auch das letzte Solo des Werkes zu, das ihn gänzlich überfordert zeigt und das gesangliche Gefälle des Abends abstürzen lässt.

Musikalisch jedoch hat die Premiere am 12. 5. 2018 glänzendes Niveau, denn mit Konrad Junghänel steht ein versierter Kenner des Barockrepertoires am Pult des Orchesters der Komischen Oper Berlin. Er hat an diesem Hause bereits einige Opern von Gluck und Händel betreut und beweist auch bei dieser Produktion sein Gespür dramatische Affekte und Klangfarben. Von der energischen Ouvertüre bis zum letzten Chor „Happy, happy shall we be“ spannt er den Bogen, begleitet die Arien der Sänger einfühlsam und malt die dramatischen Episoden der Handlung plastisch aus. Der lange Abend endet mit  enthusiastischem Beifall und fügt der Erfolgschronik des Hauses ein weiteres Kapitel zu. Bernd Hoppe