Aufruhr im Kaffeehaus

 

Die Damen ziehen blank. Zumindest drei der sittsam Zugeschnürten entblößen ihre Busen, auf denen ein Fragezeichen prangt. Mit diesem Aperçu, dazu der Schwangeren, die ihrem Verführer eine Ohrfeige klatscht, einer zweiten, die ihrem Auserkoren zeigt, wer künftig die Hosen an bzw. den Hut aufhat, und einer dritten, die sich offenbar ins traditionelle Rollenverhalten fügt, endet der Faschingstaumel, den Mariame Clément an der Opéra National du Rhin in Strasbourg drei Stunden am Laufen hielt. Das Liebesverbot ist neben seiner Auflehnung gegen Heuchelei auch ein Stück über Emanzipation. Dabei sollte der Fasching, geht es nach dem Statthalter in Palermo, gar nicht mehr stattfinden. Friedrich, der aus dem kalten Norden nach Sizilien entsandt wurde, will den ungehemmten Freudentaumel ein Ende bereiten. Mit Krachledernen und rot karierten Hemden brechen seine Schergen herein und setzen den amourösen Vergnügungen und dem Alkoholgenuss ein Ende. Sie pinnen Plakate mit sämtlichen Verboten an die Wände und sichern den Spirituosen-Schrank mit rot-weißen Absperrbändern; sogar die süßen Verlockungen in der Tortenvitrine werden entsorgt.

"Das Liebesverbot" in Strasbourg/ Foto Klara Beck Szene

„Das Liebesverbot“ in Strasbourg/ Foto Klara Beck Szene

Clément ist für ihre erste Wagner-Inszenierung so viel eingefallen, dass das Treiben bereits während des präludierenden Wagner-Geklimperes auf dem Klavier und der Ouvertüre in vollem Gang ist. Gemütlich hocken alle in diesem Kaffeehaus zusammen, die alten Damen und Karnevalisten, der Pfarrer und die leichten Damen, und keinen interessiert es, dass einer mit einer Dame kurz verschwindet und sich zuvor im Automaten ein Präservativ sichert. Sogar die Häuslfrau schaut desinteressiert zur Seite. Damit ist es jetzt vorbei. Das Liebesverbot beendet alle unsittlichen Ausschweifungen während des Karnevals. Das Verbot Friedrich trifft zuerst Claudio, dessen Geliebte von ihm schwanger ist. Obwohl der junge Edelmann bereit ist, sie zu heiraten, wird er zum Tode verurteilt. Claudios Schwester Isabella, eine junge Novizin, versucht ihn zu retten, doch als sie erkennt, dass Friedrich eine Liebesnacht fordert, schickt sie an ihrer Stelle ihre Freundin, die heimlich mit Friedrich vermählte, doch von ihm verschmähte Mariana zum Rendezvous, und enthüllt schließlich sein Tun. Das Volk befreit Claudio, fordert die Absetzung des Karnevalsverbots und strömt dem auf Sizilien gelandeten König entgegen.

„Verbrennt zu Asche die Gesetze! Herbei, herbei, ihr Masken all, gejubelt sei aus voller Brust, wir halten dreifach Karneval, und niemals ende seine Lust!“. Weiß man, dass es sich bei der „Großen komischen Oper in zwei Akten“ mit dem Titel Das Liebesverbot um Wagners zweite Oper handelt, der Shakespeares Maß für Maß von Wien nach Palermo verlegte, erkennt man in der Auflehnung gegen die Einschränkungen der Liebe zentrale Motive seiner späteren Opern; und bemerkt nebenbei die musikalischen Urbilder mehrerer späteren Figuren. In dem freizügigen Stück folgte Wagner den Ideen des Jungen Deutschland und begehrte gegen Heuchelei auf. Musikalisch geht Das Liebesverbot häufig nicht über die Vorbilder der italienischen und französischen komischen Oper bei Auber, Donizetti und Rossini hinaus. Eben ein Zweitaufguss.

Für Wagnerianer hinreichend reizvoll, für Nicht-Wagnerianer nicht ganz so. Wagner tat seine Oper, die nicht mehr zu seinem Konzept des Gesamtkunstwerks passte, später als Jugendsünde ab. 180 Jahre nach der erfolglosen Uraufführung 1836 in Magdeburg, wo er einen Kapellmeisterposten innehatte, erfolgte nun die französische Erstaufführung, für die Intendant Marc Clémeur eine Wagner-Novizin auswählte: Mariame Clément.  Clément bringt das Stück so augenzwinkernd und beziehungsreich auf die Bühne, dass man sich auf der Stelle von ihr die Meistersinger wünscht. Clément spart nicht mit ironischen Anspielungen und szenischen Bonmots, spannt mühelos einen Bogen von Wagners Zeit in die Gegenwart, entlarvt deutschen Kulturimperialismus und lässt am Ende Wagners späteres Personal am Maskenumzug teilnehmen, die Walküren und den Drachen, Riesen und Götter: Die Sagenwelt als Folge eines halb gelungenen Versuchs mit der italienischen komischen Oper.

"Das Liebesverbot" in Strasbourg/ Foto Klara Beck Szene

„Das Liebesverbot“ in Strasbourg/ Foto Klara Beck Szene

Auch wenn sie nicht die Erinnerung an Sawallischs und Ponnelles Münchner-Rehabilitation auslöschen kann (auf Orfeo nachzuhören), war die Aufführung ziemlich gut. Neben der feingliedrigen und detailpuzzeligen Mise-en-scène mit der bis in die Bestückung der Torten-Auslage ausgetüftelten Ausstattung von Julia Hansen gilt dies auch für die musikalische Seite. Zusammen mit dem Orchestre philharmonique de Strasbourg fing Constantin Trinks Wagners jugendlichen Elan, die Emphase und das rhythmische Draufgängertum ein (17. Mai). Die Finali waren gut organisiert, wo es an instrumentaler Finesse fehlte, wurde das Manko durch komödiantischen Zugriff ausgeglichen. Die größte Szene, eine Cavatine mit Cabaletta, fällt Friedrich zu (bei Shakespeare Angelo), dessen Herzens- und Gewissensnöte Robert Bork wenig nuanciert wiedergab. Der Rest der Besetzung war untadelig: Marion Ammann gab die Isabella, „Die Novizin von Palermo“, so der Untertitel, mit unerschöpflichen Reserven und sicheren Höhen, während die Mariana von Agnieszka Slawinska mit beseelter Anmut gesungen wurde. Hanne Roos verlieh der Dorella darstellerisches Profil, Wolfgang Bankl verwies als Polizeichef Brighella mit einem wendigen Bass auf das Erbe Lortzings und Rossinis, als die Tenorfreunde Claudio und Luzio überzeugten Thomas Blondelle und Benjamin Hurlett im Lauf der Aufführung immer stärker und Andreas Jaeggi war mit seinem kauzig eigenwilligen Charaktertenor ganz der Richtige für den Pontio Pilato (Foto oben: „Das Liebesverbot“ in Strasbourg/ Foto Alain Kaiser/Szene). Rolf Fath