Troja am Main

 

Berlioz´ grandioses opus summum, Les Troyens an der Oper Frankfurt – zum zweiten Male möchte man sagen, hat man doch noch die kontroverse Produktion von Ruth Berghaus im Kopf. Unter dem eminenten Berlioz-Dirigenten John Nelson (dessen Genfer und Londoner Leitung des Werkes legendär ist) wagte sich das Opernhaus nun in der Regie von EvaMaria Höckmayr erneut an die großformatige Grand opéra.

Zugegeben, ich bin immer ganz euphorisch, wenn irgendwo Les Troyes auf einem Spielplan stehen. Zugegeben, das mag neben Berlioz’ großartiger Musik auch daran liegen, dass ich Latinist bin und eine enge Beziehung zu Vergil und dem römischen Mythos habe. Zugegeben, ich war dennoch etwas skeptisch nach Frankfurt gereist – denn ich hatte bisher erst eine Regiearbeit von Eva-Maria Höckmayr gesehen, mit der ich so rein gar nichts hatte anfangen können. Um es aber kurz zu machen: Diese Inszenierung an der Oper Frankfurt ist ein höchst gelungener Wurf, höchst klug, pausenlos spannend, wunderbar anzuschauen, und keine Nummer, keine Szene ist beliebig, selbst jede Ballettnummer mit der Handlung und der Thematik des Ganzen verknüpft, sodass einem die ungestrichene Fassung, die hier gespielt wird, als völlig und einzig richtig vorkommt.

„Les Troyens“ an der Oper Frankfurt/ Szene/ Foto Barbara Aumüller

Herzstück der riesigen Drehbühne ist ein eleganter, sich nach hinten verjüngender und am Ende in eine Treppe und eine erhöhte Flügeltür mündender eleganter Saal mit antikisierenden Friesen und Säulen, die wie die Wände mit edlem Holz verkleidet sind. Mobiliar und Zustand (Kriegsschäden im 2. Akt) sind variierbar. Die restliche Bühne dient als diverse Außenschauplätze und bietet selbst Raum für das riesige hölzerne Pferd. Das alles hat so sinnreich wie schön Jens Kilian entworfen. Die Regie folgt dem Libretto weitgehend sehr detailgetreu (während der „Königlichen Jagd und Sturm“ toben selbst die von Berlioz beschriebenen Satyrn und Nymphen durchs Geschehen, wenn auch im Festsaal, nicht im Gebüsch), allerdings ohne je ins rein Dekorative zu verfallen. Auch geht sie oft über die in Partitur und Libretto notierten Elemente hinaus; Höckmayr kennt den Mythos und die Aeneis offensichtlich sehr genau und setzt bei Berlioz wenig markante Elemente und Personen wieder in ihr Recht ein. So sehen wir in der trojanischen Königsfamilie auch, ganz in Schwarz, Helena, die zu all dem Geschehen – nichts zu sagen hat. Die Familie ist übrigens auch während Cassandres Untergangsvision, ihrer Arie zu Beginn des 1. Aktes, anwesend, glaubt, Apollos Fluch erfüllend, der etwas peinlichen bis lästigen Verwandten ihre Prophezeihungen nicht. Auch Andromaques Melodram gehört weitgehend Cassandre, die dabei Astyanax‘ trauriges Schicksal vorhersieht, abermals zum Ärger der Familie.

Mit Tanja Ariane Baumgartner und Cassandre haben eine Rolle und eine Interpretin einander gefunden. Natürlich ist sie das Herz der beiden ersten Akte, in Entschlossenheit wie Verzweiflung, in visionären wie tatkräftigen Momenten von beklemmender Präsenz. Dabei ist diese Cassandre keine statuarische Tragödin, sondern auch eine zutiefst menschliche, vom Geschehen gebeutelte und sich immer wieder Haltung abringende Frau; neben der Trance der Visionen steht die große Zuneigung und Anziehung, die sie mit Chorèbe verbinden. Die Partie könnte für diesen klangschönen dramatischen Mezzo mit müheloser, elektrisierender Höhe geschrieben sein, so sehr „sitzt“ das und vermittelt im Ausdruck (und mit dem komplett verinnerlichten Text) das lodernde und sich verzehrende Feuer Cassandres. Schon mit „Les grecs ont disparu…“ reiht sie sich unter den großen Interpretinnen ein. Ihre Visionen sind konsequent inszeniert, teils als Filmeinspielungen (Bert Zander), die Götter aber sind konkret anwesend, ganz in Schwarz und mit goldenen Masken spazieren (und tanzen) sie fast schon höhnisch durch Priams Palast, wo einzig Cassandre sie sehen kann. Apollo zwingt sie gar zu einem (von Baumgartner ebenfalls souverän mitgemachten) Tanz, mit dem quasi die Vorgeschichte gezeigt wird: Nach der sexuellen Nötigung durch den Gott erhält sie die Gabe der Prophetie und den Fluch des Unglaubens ihrer Umgebung – ein erstes Beispiel für die überaus gelungenen, sinnstiftenden Beiträge des Choreographen Martin Dvorák zu der Inszenierung (der nach Apollo gleich noch eine ganze Reihe weiterer wichtiger getanzter Rollen selbst übernimmt).

Damit Chorèbe neben Cassandre nicht blass bleibt, braucht es mindestens einen erstklassigen Sänger, und ein solcher ist mit Gordon Bintner auch aufgeboten, dessen Bariton in allen Lagen warm und mit Glanz strömt; zudem mit anrührendem Spiel (und etwas eigenwilliger Rastamähne) ein würdiger Partner, den man dafür mögen muss, dass er einer so willensstarken Frau treu bleibt. Hectors Geist (wie alle auftretenden Verstorbenen ganz in Weiß) ist mit hoheitsvoller Haltung und schlankem, aber substanzreichem, gut fokussiertem Bass Thomas Faulkner. Während seiner Ansprache an Énée ist einleuchtend dessen Mutter Aphrodite als Vermittlerin anwesend. Des weiteren wird die königliche Familie gebildet von Dietrich Volle als großspurig-patriarchalem Priam mit durchaus nicht greisenhaftem Bass, Britta Stallmeister als auf die Fassade bedachte Hécube, die die Ensembles dominiert (aber leider dabei gelegentlich vorprescht), den szenisch wie vokal ungewöhnlich präsenten Hélénus (Michael Porter) und Polyxène (Alison King) sowie der stummen Andromaque (Irene Bauer), deren letzter Auftritt mit dem toten Astyanax in den Armen die Trojanerinnen endgültig teils in den Selbstmord, teils in griechische Gefangenschaft treibt. Und auch hier bleibt die Regie dem Mythos noch etwas treuer als la version Berlioz: Cassandre wird von den Griechen (markant angeführt von Brandon Cedel) verschleppt, ehe sie sich umbringen kann. Man weiß, welch tragisches Ende sie in Mykene erwartet.

„Les Troyens“ an der Oper Frankfurt/ Szene/ Foto Barbara Aumüller

Und dann nach der Pause Karthago. Eine modernere Gesellschaft – hatten in Troja die Frauen lange Gewänder (nicht rein antik, nicht rein heutig) und die Männer Anzüge, aber die antiken Chitone evozierende kurze Hosen getragen, trägt die karthagische Oberschicht nicht zu konkret einzuordnende Gegenwart in Pastelltönen – all dies treffend und kleidsam erdacht von Saskia Rettig. Didon im Hosenanzug wird zu Beginn des 3. Aktes natürlich gefeiert (eine unleugbare Typähnlichkeit der Sängerin mit der deutschen Kanzlerin wird nicht unnötig betont), fühlt sich aber offenbar nicht recht wohl in ihrer Haut und geht (gewiss kein Zufall) optisch in der Menge zwischenzeitlich fast unter. Bei ihrer Ansprache/Arie fallen die Gäste schlafend in Freeze, und nun wird auch Didon von schwarzgekleideten Gestalten heimgesucht, die nur sie sehen kann – keine Götter, sondern die Angstgestalten des Königs Jarbas und seines Heeres, die Karthago bedrohen, ein starker Moment.

Die Karthager werden von Höckmayr nicht idealisiert: Die Baumeister und Landarbeiter, die zum Ballett bejubelt werden, da sie Karthagos Blüte erarbeitet haben, sind Kinder – die Fortsetzung der fürs historische Karthago belegten Kinderopfer mit den Mitteln einer modernen Konsumnation, wenn ich recht verstanden habe. Und nach dem Sieg über Jarbas (mit Hilfe der Trojaner) müssen „Afrikanerinnen“ die Sieger bedienen (die vor Kurzem als Flüchtlinge nach Nordafrika gekommen waren…), werden von den Karthagerinnen verspottet (die Phantasieworte der Ballettnummer singen einige karthagische Choristinnen nachäffend folgerichtig mit ordinärer Naturstimme) und von den Karthagern belästigt.

Claudia Mahnke ist eine für mich wunderbare Didon, gerade auch neben Baumgartners Cassandre, ebenfalls eine starke Frau, der man die beliebte und tüchtige Königin sofort abnimmt, doch die Privatfrau nicht minder, die sich nach Liebe sehnt und schon dafür ihrem ermordeten Sychaeus gegenüber (auch er als weiß gewandete tanzende Erinnerung oder Vision präsent) ein schlechtes Gewissen hat. Sie weiß, wo sie sich mit Autorität. wo mit Diplomatie, Ironie oder Charme durchsetzen kann, flirtet gar mit Iopas, um Énée aus dem Busch zu locken. Auch vokal bleiben keine Wünsche offen, die Stimme besitzt die Leuchtkraft für die amtliche Ansprache, kann die Melancholie des Duetts mit Anna verströmen und das ganz andere Leuchten des Liebesduetts. Erwähnen wir noch die gute Diktion, die schöne Linie und die Ebenmäßigkeit des Timbres im ganzen Stimmumfang, nicht dass der Hörgenuss ob dem packenden Geschehen vergessen gehe. Das Liebesduett ist recht keusch inszeniert, besteht ja aber auch größtenteils aus einem Metaphernaustausch als Vorspiel  zwischen den beiden.

Énée ist der auf dem europäischen Festland noch wenig bekannte Amerikaner Bryan Register, und er kann die Partie singen. Sein heller, robuster und durchschlagskräftiger Tenor fühlt sich in den dramatischen Passagen wie der Laokoon-Erzählung am wohlsten, besitzt aber auch die Wendigkeit für die Arie im 5. Akt, und in den lyrischen Nummern (v.a. „Nuit d’ivresse“) ist er hörbar um weichere Farben und leise Töne bemüht, was ihm beachtlich gelingt. Bei schnellem, aber nicht ausgeprägtem Vibrato und v.a. Kopf- und wenig Körperresonanz sowie eher Metall als Schmelz besitzt sein Gesang eine durchaus ansprechende Frische. Nicht wirklich meine Stimme, aber gewiss eine sehr passable Leistung. Während er in der Arie mit sich ringt, ob er Didon oder dem göttlichen Auftrag treu bleiben soll, ist sie (zunächst noch von ihm unbemerkt) anwesend, was ihre Auseinandersetzung noch heftiger macht. Hier wächst Register auch über die (wenn das Klischee geduldet ist) etwas cowboyhaft stoische Attitüde seines Énée hinaus, der kein intellektueller Grübler ist, in seiner hemdsärmligen Gradlinigkeit aber auch etwas Authentisches besitzt – diese Trennung geht schon unter die Haut wie Didons folgender Weg in den Selbstmord, den Mahnke so expressiv und zwischen Raserei und Resignation schwankend gestaltet, wie man es sich nur wünschen kann.

An Didons Hof begegnen wir auch Ascagne wieder (Elizabeth Reiter, der nichts von der am 26.3. 2017 angesagten Indisposition anzumerken war, als knuffiger Frühpubertierender) und dem treuen Panthée (Daniel Miroslav mit edlem Bass, der nur gegen die blechlastige Orchestrierung seiner Alarmrufe in Troja nicht gut ankommt, sonst sehr erfreulich), der Ascagne während der Rokokokostümsiegesparty in Karthago lehrt, mit einer Frau zu tanzen (wobei man den Eindruck gewinnt, er wäre gern an Stelle der Letzteren). Unter den Karthagern brilliert neben Didon vor allem Martin Mitterrutzner als Hofdichter Iopas in Mauve (und mit modetörichtem Vollbart); bei seiner mit Schmelz und Freude gesungenen Cérès-Hymne schmolz der ganze Saal dahin, und das enthusiastische, aber bisher respektvoll zurückhaltende Publikum brach erstmals in (wohlverdienten) Szenenapplaus aus. Auch der andere Tenor, der „unbekannte Trojaner“ Hylas, singt im Festsaal, allerdings in Katerstimmung im verlassenen – bis auf Énée, für den Hylas‘ Lied vom Heimweh (die Sphragis für die Heimatlosigkeit eigentlich aller Personen der ganzen Oper) so zu einem Anstoß für den Entschluss zum Aufbruch wird; Michael Porter vermittelt höhensicher und lyrisch die Melancholie, gestaltet das Stück durch die besondere Situation teils aber auch wacher, absichtsreicher als gewohnt. Die gegenteilige Meinung („Bloß nicht nach Italien“) vermitteln sonor und deftig die beiden trojanischen Soldaten Brandon Cedel und Thesele Kemane ebenfalls direkt an Énée.

Den bärbeißigen, etwas fremdenfeindlichen, in seinen pragmatischen Zukunftsvisionen aber letztlich recht behaltenden Narbal gibt Alfred Reiter szenisch prägnant und mit prachtvollem Bass; nur die Ausflüge ins hohe Register bereiten ihm Mühe, die bei der Rolle besonders geforderte Tiefe entfaltet sich prächtig. Für Anna würde ich mir eine größere und dunklere Stimme als jene von Judita Nagyová wünschen (schon für den Farbkontrast), aber das sind schon Luxuswünsche; als liebevoll besorgte Schwester, die einen zwar vielleicht verhängnisvollen, aber dennoch nicht zwingend falschen Rat gibt, überzeugt sie allemal. Als Merkur resp. Hektors Geist waltet abermals Thomas Faulkner volltönend des Spielverderberamtes.

Ebenfalls einen wichtigen Beitrag leistet die Lichtgestaltung von Olaf Winter; unvergesslich z.B. der Moment, wenn der Festsaal sich bei der Nachricht von Jarbas‘ Heranrücken verdunkelt, bis nur noch die oben auf den Stufen stehende Didon in den letzten abendlichen Sonnenstrahlen steht.

Der von Tilman Michael geleitete Chor wird den vielfältigen Aufgaben zum Entzücken des Publikums weitgehend bravourös gerecht; einige Wackler in Koordination und Intonation schienen mir von den z.T. schwierigen Verhältnissen des Singens auf der sich drehenden Bühne oder hinter den Kulissen verursacht zu sein. Differenziertes darstellerisches Engagement sei ihnen zudem kollektiv dankend attestiert.

Am Pult des Frankfurter Opern- und Museumsorchesters steht mit John Nelson ein langjähriger, erfahrener und ausgesprochener Berlioz-Spezialist, und daran kann vom ersten Takt an kein Zweifel bestehen; die musikalische Dramaturgie und Vielfalt der Stimmungen korrespondieren mit jenen auf der Bühne und schaffen mit ihr zusammen die bereits gelobte lückenlose Spannung voller Farben und souveräner Stimmungswechsel; wie üblich bevorzugt er flüssige, aber keineswegs hastige Tempi – so hat z.B. auch der Jubelchor für Didon nichts Behäbig-Pompöses, sondern strahlt eine ansteckende Freude aus. Den Sängerinnen und Sängern ist er ein sorgfältiger Begleiter, nein, vielmehr Partner; unter der idyllischen ersten Hälfte der „Königlichen Jagd“ lauert schon angespannt der „Sturm“, und dies kann als exemplarisch für die großräumige Gestaltung dienen, die Nelson mit der Detailpflege verbindet.

Während des kurzen Orchesternachspiels nach dem energisch gesungenen Hasschor der Karthager gegen die Trojaner dreht sich die Bühne noch einmal zum Festsaal, wo von allen verlassen und vergessen die tote Didon liegt, mit dem Rücken zum Publikum, antiheroisch und darin umso erschütternder, mächtiges letztes Bild einer exemplarischen Interpretation des alles andere als eindeutigen Werks. Ich warte nun gespannt auf die Wiederaufnahmedaten – und das sollten Sie auch! Samuel Zinsli (Foto oben: „Les Troyens“ an der Oper Frankfurt/ Szene/ Foto Barbara Aumüller).