Auf der Flucht

 

Berlioz´ grandioses opus summum, Les Troyens an der Oper Frankfurt – zum zweiten Male möchte man sagen, hat man doch noch die kontroverse Produktion von Ruth Berghaus im Kopf. Unter dem eminenten Berlioz-Dirigenten John Nelson (dessen Genfer Leitung des Werkes legendär ist) wagt sich das Opernhaus nun in der Regie von Eva-Maria Höckmayr erneut an die großformatige Grand Opéra. Eine Rezension folgt mit Verspätung, aber doch. Einstweilen der Pressetext des Hauses und ein paar optische Eindrücke von Barbara Aumüller. G. H.

 

„Les Troyens“ an der Oper Frankfurt/ Szene/ Foto Barbara Aumüller

Menschen flüchten, vom erbarmungslosen Krieg in ihrer Heimat aufs Äußerste traumatisiert, über das Mittelmeer in ein reiches Land, das sie am Ende wieder verlassen, um die Utopie eines eigenen Staates wirklich werden zu lassen. Ein trauriges Geschehen, mit dem die Weltgeschichte in Variationen immer wieder auf den Plan tritt.

Hector Berlioz erblickte seine Epoche mit den Augen eines von Zukunftsvisionen getriebenen Fremden. Des Komponisten und Poeten halbherzige Versuche, dem auf Fortschritt, Expansion und imperiale Weltmachtansprüche eingeschworenen Zeitgeist mit seinem engstirnigen und verschlagenen Repräsentanten Louis-Napoleon bisweilen einen devoten Tribut zu entrichten, um seine Werke überhaupt zur Aufführung zu bringen, waren nur von kurzer Dauer. Seine Passion für antike Sujets, und insbesondere für das schon in der Kindheit entdeckte Werk Vergils, war das Resultat dieses Leidens an der eigenen Zeit. Deren Vorliebe für das große historische Genre indessen teilte er. Nichts konnte ihm in seinem Metier, dem Musiktheater, großformatig genug erscheinen, und am liebsten wollte er »ein Schiff ausrüsten und ein Orchester einschiffen, um am Fuß des Ida-Gebirges einen klingenden Tempel zu errichten«. Als ein solcherart klingendes Schiff präsentiert sich die fünfaktige Grand opéra von der Flucht der überlebenden Trojaner ins blühende Karthago, das sie am tragischen Ende wieder verlassen, um ihren geschichtlichen Auftrag, die Gründung des römischen Weltreichs, zu erfüllen.

„Les Troyens“ an der Oper Frankfurt/ Szene/ Foto Barbara Aumüller

Parallel, in einem dialektischen Wechselbezug zu dieser Historie, vollziehen sich die traurigen und tödlich endenden Schicksale der beiden weiblichen Hauptgestalten. Die zur Zukunftsschau verdammte Trojanerin Cassandre und die von ihrem Geliebten Énée verlassene Königin Didon. Sie zeigen uns, wie die grausame Historie sich in den Seelen ihrer Opfer spiegelt. Les Troyens nimmt sich aus wie das musikalische Pendant zu Tolstois Krieg und Frieden.

Dass das gut vierstündige Werk sich nicht eben häufig auf den Spielplänen zeigt, ist vor allem seinem komplexen Ausmaß zu verdanken: Der gewaltige Orchesterapparat, der nicht minder umfangreiche Chor, nicht zuletzt aber die exorbitanten gesanglichen Herausforderungen der Solisten verhinderten die Aufnahme der Oper in das gängige Repertoire. Berlioz selbst war es aus diesem Grunde nie vergönnt, das Werk vollständig auf der Bühne zu erleben (Quelle: Oper Frankfurt; Foto oben: „Les Troyens“ an der Oper Frankfurt/ Szene/ Foto Barbara Aumüller).