Auf bedrohlicher, leerer Bühne

 

„Tu che le vanità“ – was für eine wunderbare Wunschkonzert-Arie, auch oder gerade wenn sie en français gesungen wird! In der Stuttgarter Neuinszenierung von Verdis Don Carlos gestaltet  Olga Busuioc die an Karl  V. gerichtete Klage der Elisabeth de Valois im fünften Akt der Oper so ungemein packend und eindringlich, dass sie dem Besucher der Premiere am 27.10. noch lange in Erinnerung bleiben wird. Die bedrohlich leere Bühne füllt die Sängerin  mit beeindruckender persönlicher Ausstrahlung und agiert  stimmlich wie darstellerisch souverän. Was für einschmeichelnde Pianissimo-Kantilenen, was für gefühlsstarke Eruptionen in der Stimme! Den verdienten Beifall für diese vokale Meisterleistung kann sie sich jedoch erst am Schluss der Oper abholen, da die Arie nonstop in die Ankunft von Carlos übergeht.

Gefeiert wird dann nach knapp fünf Stunden „Grand Opéra“ nicht nur Olga Busuioc, sondern das ganze  Ensemble, das mit neun fesselnden Rollendebüts aufwarten kann. Goran Juric singt sonor und ergreifend Philipp II., Massimo Giordano muss einen, wie Regisseurin Lotte de Beer es formuliert, „ein bisschen geisteskranken“ Don Carlos mimen, was ihm sichtlich schwer fällt, seinem frischen Belcanto-Tenor aber zum Glück nicht schadet. Björn Bürger ist ein locker agierender Posa mit eleganten Bariton-Tönen, Falk Struckmanns Großinquisitor sieht ein bisschen wie eine Karikatur aus, beweist mit Bassesgewalt aber das Gegenteil, und   Ksenia Dudnikova steigert sich mit Leidenschaft und voluminösem Mezzo in die Eboli-Rolle hinein. Mitglieder des Internationalen Opernstudios (Carina Schmieger, Claudia Muschio und Christopher Sokolowski) holen sich ihre ersten Meriten auf der Bühne.

Verdis „Don Carlos“ an der Staatsoper Stuttgart/ Szene/ Foto wie auch oben: Matthias Baus

Rundum überzeugend wie immer der von Manuel Pujol perfekt einstudierte Staatsopernchor und natürlich GMD Cornelius Meister, der Verdis Musik mit dem exzellent besetzten  Staatsorchester klangfarbenreich mit viel Power und Energie ausreizt. Meister hat sich  für die fünfaktige französische Fassung der Oper entschieden und beginnt die Aufführung mit einer wenig gespielten Szene aus der Pariser Urfassung des Werks. Die wurde, wie es heißt, vor der Uraufführung aufgrund des Fahrplans der Pariser Vorortzüge gestrichen. Nur so konnten die Besucher noch rechtzeitig die letzten Vorortzüge nach Hause erreichen. Schade drum, denn die Fontainebleau-Szene zeigt noch vor dem schicksalhaften Zusammentreffen mit Carlos eindrucksvoll den Charakter Elisabeths und ihre Beziehung zum geknechteten Volk. Meister nimmt auch die, wie er sagt, „großartige“ Ballettmusik im dritten Akt auf. Hier wird allerdings nicht getanzt, sondern die folgende Inquisitions-Szene im Spiel von „unschuldigen“ Kindern vorweggenommen. Dabei wirkt die Verbrennung einer Puppe paradoxerweise weitaus eindrucksvoller als der anschließende etwas hohle und oberflächliche Fest-Aufmarsch beim großen öffentlichen Autodafé. Das hat sicher auch damit zu tun, dass im Finale der Ballettmusik Gerhard E.Winklers „Pussy-(r)-Polka“ mit Trillerpfeifen und Eisenketten provoziert.

Lotte de Beer sieht die Handlung der Oper in einem düsteren Gottesstaat in naher Zukunft und vermeidet so eine krampfhafte Aktualisierung, interessiert sich  allerdings mehr für die emotional berührenden Beziehungen der Protagonisten untereinander als für gesellschaftskritische Analysen. Auf Christof Hetzers leerer, von Alex Brok durchgehend in nebulöses Licht getauchter Bühne werden die Sänger echt herausgefordert. Ab und zu dürfen sie sich vor eine schwarze keilförmige Wand zurückziehen, die sich immer wieder auf der Drehbühne bedrohlich in den Vordergrund drängt.  Da reichen dann  zur vagen Ortsbestimmung, alles in schlichtem Weiß gehalten,  frei stehende Treppenstufen, ein  Schreibtisch oder auch ein schick gemachtes Ehebett. Das steht nicht nur für Elisabeth und Carlos gleich zu Beginn im Fontainebleau-Akt zur Verfügung, sondern auch drei Akte später für Philipp, der hier, gerade mit Eboli fremd gegangen, die Bilanz seiner Ehe mit Elisabeth zieht: „Sie hat mich nie geliebt.“

So richtig geliebt haben wohl auch nicht alle Premierenbesucher diese bildarme Inszenierung. Für das Regieteam gibt es deshalb kräftige Buhs,  frenetischen Jubel mit vielen Bravos natürlich für Solisten, Chor, Orchester und Maestro Meister. Hanns-Horst Bauer