Armer amputierter Meyerbeer

 

Seit seiner Skandal auslösenden Csárdásfürstin von 1999 hat Peter Konwitschny nicht mehr in der Elbmetropole gearbeitet. Nun kehrte er für eine Neuproduktion von Meyerbeers Grand opéra Les Huguenots an die Semperoper zurück. Diese war eigentlich 2017 für die Pariser Opéra Bastille geplant, doch konnte sich der deutsche Regisseur damals nicht über die von ihm beabsichtigten Kürzungen mit dem Dirigenten Michele Mariotti einigen. Der Dirigent in Dresden, Stefan Soltez, war schon bei der Kálmán-Operette der Partner des Regisseurs und hat auch danach mit ihm zusammen gearbeitet. Er fügte sich offenbar widerspruchslos dem Regiekonzept, welches das musikalische Gefüge der Grand opéra durch Kürzungen und Umstellungen beschädigte. Dass heutige Regisseure die in diesem Genre üblichen Ballette streichen, nimmt man mittlerweile fast gelassen zur Kenntnis, nicht aber kann man akzeptieren, dass der protestantische Edelmann Raoul de Nangis, eine der Hauptfiguren des Werkes, um sein zweites Solo, die Arie „Aux armes, mes amis“ im 5. Akt, gebracht wurde. Auch im Grand Duo zwischen ihm und Valentine, Tochter des katholischen Comte de Saint-Bris, findet sich ein empfindlicher Strich – dabei gehört dieses Duett doch zu den grandiosesten Eingebungen des Komponisten.

Und erst recht kann man diese Entscheidung nicht nachvollziehen, wenn für die fordernde, 1836 von dem legendären Tenor Adolphe Nourrit an der Pariser Grand Opéra kreierte Partie ein Interpret wie John Osborn zur Verfügung steht. Der amerikanische Tenor, spezialisiert auf Rollen des Belcanto und französischen Repertoires mit exponierter Tessitura, begann in der Aufführung am 10. 7. 2019 allerdings enttäuschend. In seiner Romanze „Plus blanche“, in der er erzählt, wie er des Nachts einer Edeldame, eben Valentine, zu Hilfe kam, klang die Stimme in der oberen Lage gequält. Erst in der Begegnung mit Königin Marguerite de Valois im 2. Akt ließ der Sänger die von ihm bekannte Brillanz in der Höhe hören. Hatte John Dew diese Szene bei seiner Inszenierung an der Deutschen Oper Berlin 1987 an einem Swimmingpool verortet, stellen Konwitschny und sein Ausstatter Johannes Leiacker eine weiße Badewanne ins Zentrum, in welcher sich das Paar vergnügt, nachdem Raoul von der Königin entkleidet wurde – einer der lächerlichsten Einfälle der Inszenierung. Die russische Sopranistin Venera Gimadieva, am Haus überaus erfolgreich als Lucia, bewies mit melancholisch umflortem Sopran, angemessener Koloraturgeläufigkeit und koketter Aura ihre Eignung für das französische Fach. Allerdings musste man in der Extremhöhe auch grelle, fast gequietschte Töne in Kauf nehmen. Ihr Page Urbain machte in Gestalt von Stepanka Pucalkova gute Figur, sang die Kavatine „Une dame, noble et sage“ beherzt und agil, wenn auch mit herb getöntem Mezzo und strengen Spitzentönen. Leider wurde sie vom Produktionsteam um das wirkungsvolle „Non, non, non, vous n’avez jamais“ gebracht. Die andere große Sopranpartie, Valentine, von der Gesangslegende Marie Cornélie Falcon kreiert, wurde von der Amerikanerin Jennifer Rowley wahrgenommen, die sich mit enormem Engagement und stupender Verve in die Rolle warf. Die leistungsfähige Stimme entbehrt freilich eines noblen Timbres, das man sich für diese Figur wünschte, klang oft unruhig, spröde und in der exponierten Region schrill. Darunter litt trotz aller Expressivität im Vortrag auch das Gran Duo, in welchem Osborn zu großer Form auflief. Das Produktionsteam lässt bei diesem Liebesduett den Raum in Dunkelheit versinken, den Gesang wie in einem Mausoleum ertönen.

Die Bühnengestaltung hat eine besondere Dramaturgie, zeigt zunächst einen Raum wie aus da Vincis berühmtem Gemälde Das letzte Abendmahl, welches auch den Stückvorhang ziert und im Laufe der Aufführung immer kleiner dargestellt wird. Man sieht die lange Tafel mit dem weißen Tischtuch, die seitlichen Ausgänge und hinteren Fenster, welche den Ausblick auf eine idyllische Landschaft freigeben. Der Comte de Nevers (Christoph Pohl mit markantem Bariton), anfangs Valentines Verlobter, bricht wie Jesus das Brot und verteilt es an die in historischen roten Samtkostümen gekleideten Katholiken. Einige von ihnen schunkeln, spielen Golf mit dem Baguette, trampeln auf dem Tisch – ein zügelloses Treiben in Konwitschny-Manier, welches der Sächsische Staatsopernchor Dresden (Einstudierung: Jörn Hinnerk Andresen) mit großem darstellerischem Einsatz und prächtigem Gesang umsetzte. Zu diesem Fest stoßen Raoul und sein Diener Marcel, beide ganz in Schwarz gekleidet. Der kanadische Bass John Relyea stimmt mit profunder, uriger Stimme den Luther-Choral „Ein feste Burg“ an, der bereits in der Ouvertüre anklingt und sich durch das gesamte Werk zieht. Der Sänger imponierte gleichermaßen mit seiner stattlichen Erscheinung wie der Urgewalt der Stimme und dem grimmigen Ausdruck in Méphistophèlés-Nähe. Er war das vokale Ereignis der Aufführung.

„Les Huguenots“ in Dresden/ Szene/ (c)Semperoper Dresden/Foto wie auch oben: Ludwig Olah

Zunehmend verändert sich der Raum, weist schon ab dem 3. Akt, wo zur Linken hugenottische Soldaten den aggressiven „Rataplan“-Chor grölen und rechts junge katholische Frauen den Choral „Vierge Marie“ anstimmen, eine strenge Schwarz/Weiß-Teilung auf. Im nächsten Akt ist er schließlich ganz in Schwarz getaucht. Hier überrascht Konwitschny mit dem Auftritt der Regentin von Frankreich, Catherine de Médicis, die die Ausrottung der Hugenotten befiehlt. Für ihre Anordnung wird eigens ein Rednerpult aufgestellt, Sabine Brohm im schäbigen Strickkleid und extravagantem Hut wie aus dem Bestand der Queen gibt den Befehl mit keifender Stimme und hysterischem Lachen. In Meyerbeers Original wurde er – wohl auf Anweisung der Zensur – dem Comte de Saint-Bris zugeordnet. Diesen sang Tilmann Rönnebeck mit durchschlagendem Bass und hätte dem unheilvollen Geheiß gewiss mehr Gewicht verliehen, als diese eher parodistische Einlage es vermochte. Seltsamerweise wird der Comte de Nevers vom Comte de Saint-Bris hinterrücks erstochen, dem Mord folgt eine Prozession von Mönchen und Bischöfen mit Kreuzen und Weihrauchgefäßen sowie ein Tableau vivant der fanatischen Eiferer an der Rampe, die von der „heiligen Sache“ singen. Das eindrucksvollste Bild bietet der Schlussakt, wenn die hintere Wand verschwindet und den Blick auf einen Hügel mit Fackeln freigibt, die weißen Linien an den schwarzen Wänden sich krümmen und die gesamte Welt in Auflösung zu sein scheint. In Panik und schon mit blutigen Wunden gezeichnet, stürmen Menschen herein und werden brutal von Maschinengewehrsalven aus dem Off niedergemäht. Meyerbeers fast muntere Musik ist ein makabrer Kontrast zu diesem grausamen Geschehen. Am Ende erschießt Saint-Bris mit der Pistole Raoul, Valentine und Marcel, erkennt zu spät, dass er seine eigene Tochter getötet hat. Dann wartet der Regisseur noch mit einem seiner bekannten Einfälle auf, nämlich das Finale eines Werkes neu zu formen, indem er die Grand opéra nicht mit dem martialischen Chor der Soldaten“Par le fer“ enden lässt, sondern mit dem einsamen Auftritt des Bassklarinettisten, der auf der Bühne einen traurigen Abgesang anstimmt.

Die Sächsische Staatskapelle Dresden ließ schon in der Ouvertüre seidigen Glanz der Streicher hören, fand dann unter der Leitung von Soltész zu packend gesteigerten Ensembles und Szenen von aufgepeitschter Dramatik. Das Publikum nahm die Aufführung, welche trotz aller Eigenwilligkeiten nicht den Stachel einstiger Konwitschny-Inszenierungen aufwies, mit großem Beifall auf. Bernd Hoppe (Foto oben: Giacomo Meyerbeer/ Wiki))