Apfel halbszenisch

 

In Hannover hatte man sich gegenüber der 4-aktigen Erstfassung von Gioachino Rossinis letzter und einziger in Paris geschriebener Oper Guillaume Tell (1829) für die von ihm selbst auf 3 Akte gekürzte Fassung von 1831 entschieden, die man halbszenisch aufführte. Klare deutsche Übertitelung sorgte für bestes Verständnis der Handlung (Premiere am 31.10.2017).

Für Spielleitung und Schweizer Tracht andeutende Kostüme war Neil Barry Moss verantwortlich, der durch einen Zwischenvorhang den vorderen Bühnenteil mit Notenständern für die Sänger von dem hinteren Teil trennte, wo der Chor auf großer Treppe für die vielen Chorensembles unterschiedlich gruppiert wurde. Die Solisten wurden locker dazwischen und um die Notenständer herum geführt, je nach Bedarf mit dem Klavierauszug in der Hand. Bunte, stimmungsvolle Hintergrundprospekte gaben zusätzliche Hinweise auf die unterschiedlichen Spielorte der lose zusammenhängenden Szenen. Es war schon eindrucksvoll, als sich zum Rütli-Schwur der drei Protagonisten der Vorhang hob und der Chor in den Gesang einfiel. Das waren so Momente, in denen man sich fragte, warum es nicht ganz szenisch gemacht wurde; da hat eigentlich nicht viel gefehlt.

Rossinis „Guillaume Tell“ in Hannover/ Szene/ youtube trailer

Die musikalische Leitung hatte Alessandro De Marchi, der mit teilweise sehr flotten Tempi nicht nur das Staatsorchester an seine Grenzen führte, sondern auch den Chor zum Stolpern brachte. (Das lag allerdings auch daran, dass die Choristen sehr stark an den Noten klebten und so nicht alle Tempoveränderungen des Dirigenten rechtzeitig wahrnahmen.) Besonders gut gelang die bekannte Ouvertüre von zarten Cello-Passagen über Schweizer Melodien bis zu Fortissimo-Ausbrüchen der Unwetter. Trotz der akkuraten Zeichengebung ließen sich kleinere „Blechschäden“ nicht vermeiden; auch wurden die Sänger mehrfach von Orchesterfluten überrollt.

In der Titelrolle erlebte man Peter Schöne, der über einen durchschlagskräftigen Bariton verfügt, aber auch mit lyrischen Elementen vertraut ist. Häufigeres Räuspern, Husten und Wassertrinken deuteten auf eine Erkältung hin, die ihn aber nicht hinderte, sich immer wieder mit ganzer Kraft und Intensität der Rolle zu widmen, eine sängerisch souveräne Leistung! Als Arnold Melchtal überzeugte Sung-Keun Park nicht nur durch die glaubhafte Gestaltung der Zerrissenheit zwischen Liebe und Heimattreue, sondern auch vor allem mit höhensicheren Spitzentöne bis zum Cis. Weiche, liebevolle Phrasen gelangen ebenso gut wie die Dramatik, als er vom Tod des Vaters erfuhr. Dorothea Maria Marx, als Mathilde in edles Schwarz gewandet, bestach mit ihrem seidenweich geführten Sopran bereits von ersten Moment ihrer Auftritts-Romanze an („Sombre forêt“), für die sie gleich donnernden Szenenapplaus erhielt; diese Arie und das folgende Liebes-Duett („Oui, vous l’arrachez à mon âme“) mit Arnold waren musikalische Höhepunkte des Abends. Von Monika Walerowicz als Tells Frau Hedwig hätte man gern noch das gestrichene Gebet gehört; es gelang ihr in den kurzen Beiträgen, ihren schönen Mezzo ansprechend einzusetzen. Das gilt ebenso für Ania Vegry, die als Tells Sohn Jemmy mit hellem Sopran vor allem die Ensembles überstrahlte. Leider fehlte in Hannover das Terzett der drei Frauenstimmen Mathilde, Tells Frau Hedwig und Sohn Jemmy („Je rends à votre amour“) vor dem großen Finale.

Als Gouverneur Gessler präsentierte sich Shavleg Armasi mit entsprechend herrischem Bass und Unnachgiebigkeit. Sein Hauptmann Rudolph wurde von Edward Mout mit lockerem Tenor gut erfüllt, wie auch Pawel Brozek als Fischer Ruodi die hohe Tenor-Tessitura Rossinis sicher beherrschte. Der kräftige Bass von Tobias Schabel als Walter Fürst bildete mit Sung-Keun Park und Peter Schöne das ausgewogene Terzett zum Schwur. Michael Dries lieh seinen weich dahin strömenden Bass Arnolds Vater Melchtal; Daniel Eggert dagegen gab einen bassig rau timbrierten Schäfer Leuthold.

Ein Hauptakteur des Abends war der Chor (Einstudierung: Lorenzo Da Rio) der seine vielfältigen Aufgaben solide und ausgeglichen erfüllte. Kleinere Ungereimtheiten waren wohl darauf zurückzuführen, dass aus Noten gesungen wurde und der Text teilweise nicht beherrscht wurde. Begeisterter Applaus des Publikums im spärlich besetzten Haus war der Dank für eine insgesamt gelungene halbszenische Opern-Aufführung (Foto oben: Rossinis „Guillaume Tell“ in Hannover/ Szene/ youtube trailer)Marion Eckels