Wasserspiele

 

Nicht weniger als die österreichische Erstaufführung der erhaltenen Fragmente von Undina, der zweiten Oper von Peter Iljitsch Tschaikowski von 1869, fand am 6. und 7. März 2017 im Goldenen Musikvereinssaal zu Wien statt. Die Originalpartitur wurde 1875 oder 1876 durch Tschaikowskis eigenes Zutun ein Raub der Flammen, wie der Komponist seiner Gönnerin Nadeschda von Meck in einem Brief, darüber keinesfalls unglücklich, offenbarte. Zu einer geplanten öffentlichen Aufführung am Mariinski-Theater in Sankt Petersburg war es nie gekommen; immerhin erklangen 1870 einige wenige Auszüge — die Einleitung, Undinas Arie und das Chorfinale des ersten Aktes – am Moskauer Bolschoi-Theater. Dieser konzertanten Aufführung ist es zu verdanken, dass heute überhaupt noch etwas von diesem Werk erhalten ist. In minutiöser Kleinarbeit rekonstruierte der sowjetische Komponist Wissarion Schebalin 1958 das Schlussduett zwischen der Nixe Undina und dem Ritter Huldbrand, deren unglückliche Liebe im Zentrum der Oper steht. Dieses Duett und der ebenfalls wiederhergestellte Hochzeitsmarsch stammen aus dem dritten Akt; Musik aus dem zweiten Aufzug ist bedauerlicherweise gar nicht überliefert. Die hieraus resultierenden eklatanten Handlungslücken zwischen diesen Fragmenten – Undina wies ursprünglich eine beträchtliche Gesamtlänge auf – ließ der russische Dirigent Wladimir Fedossejew, Mitinitiator der neuen kritischen Tschaikowski-Gesamtausgabe und ehemaliger Orchesterleiter der Wiener Symphoniker (1997-2004), mittels verbindender Texten aus den beiden literarischen Vorlagen von de la Motte Fouqué und Schukowski schließen.

Diese wurden mit dem dafür notwendigen Gespür vom Wiener Schauspieler und Synchronsprecher Peter Matić gestaltet. Mit dem Tschaikowski-Symphonieorchester Moskau (dem ehemaligen Rundfunk-Symphonieorchester der UdSSR), dem er bereits seit dem Jahre 1974 (!) als Chefdirigent vorsteht, zauberte der mittlerweile 84-jährige Fedossejew einen prachtvollen Rahmen für diese konzertante Aufführung der etwa 45-minütigen Opernüberbleibsel. Die Introduktion wie auch Undinas Arie an den Wasserfall und an den Bach verwendete Tschaikowski in seiner Schauspielmusik zu Snegurotschka (Schneeflöckchen) wieder. Die Einleitung blieb dabei gänzlich unverändert, während aus dem Lied Undinas der erste Gesang des Hirten Lel wurde. Bereits der ouvertürenartige Auftakt wirft die Frage auf, weswegen diese Musik so lange unter Verschluss blieb. Obwohl Tschaikowski seine Undina später verdammte, hielt er Snegurotschka doch für eines seiner besten Werke, so dass hier ein gewisser Widerspruch vorliegt. Mit anmutigem Tonfall gestaltete Anna Aglatowa sehr feinfühlig den ersten Auftritt der Undina und empfahl sich dem Zuhörer als lyrischer Sopran mit Zukunft. Die den Akt beschließende Chorszene symbolisierte ein fürchterliches Unwetter, in welchem die tosenden Wellen die beiden Liebenden mit sich rissen. Großartig dieses dramatische erste Duett, in das nun auch Sergei Radtschenko einstimmte, dessen heroischer und zugleich doch jugendlicher Tonfall restlos überzeugte. Die größte Aufmerksamkeit zog bei diesem Finale indes der glänzend aufgelegte Wiener Singverein auf sich.

Der Dirigent gilt als exzellenter Kenner der russischen Musik. Davon zeugt auch dieses Buch, das in der Edition Steinbauer erschienen ist (ISBN 978-3902494641).

Die monumental zu nennende Steigerung zeigte Tschaikowski bereits auf der Höhe seines Könnens. Der nachfolgende Hochzeitsmarsch lockerte die Situation wiederum auf. Im tragischen Schlussduett sollte sich jedoch erweisen, dass die Seejungfrau und der Edelmann lediglich im Tode miteinander vereint sein könnten. Die Gesangssolisten trugen ganz erheblich zu einem rundum überzeugenden Abschluss bei und wurden vom gut gefüllten Saal entsprechend gefeiert. Die sich nach der Pause anschließende, von Fedossejew selbst zusammengestellte Suite aus dem Ballett Schwanensee erwies sich als in einem deutlichen Zusammenhang zur ersten Hälfte des Konzerts stehend, waren Anklänge an diese Ballettmusik doch bereits in der Schlussszene der Undina-Fragmente hörbar. Die klug arrangierte, acht Teile umfassende Suite wusste durch einen gekonnten Wechsel zwischen großorchestralen und intimen Szenen zu gefallen. Das Tschaikowski-Symphonieorchester wurde seinem Namen mehr als gerecht und lieferte eine spektakuläre Darbietung, die in ihrer Brillanz keine Vergleiche zu scheuen brauchte und aufgrund des idiomatisch russischen Tonfalls an Authentizität kaum zu überbieten war. Hat man diese Musik seit Jewgeni Swetlanow besser gehört?

Besonders herausragend agierten die Orchestersolisten, namentlich Michail Schestakow an der Solovioline, Fjodor Semlerub am Solocello und insbesondere Emilia Moskwitina an der Harfe, die eine geradezu kammermusikalische Stimmung zu erzeugen wusste. In der finalen Apotheose trumpften Fedossejew und seine Moskauer Kräfte noch einmal in Form einer beinahe orgiastischen Klimax mit genial zu nennender Temporücknahme und infernalen Paukenschlägen in den letzten Takten auf. Dies versetzte den Goldenen Saal in eine Gänsehautstimmung und animierte zu überbordendem Beifall mit ungezählten Bravorufen, wie man es in Konzerten nicht so oft erlebt. Das Orchester befand sich hörbar vollkommen in seinem Element und verschmolz mit seinem Chefdirigenten, der teilweise mit minimalster Gestik agierte, zu einer organischen Einheit. Der Streicherklangteppich, den Fedossejew im Finale erzielte, war von solcher Opulenz, wie man sie selbst in den heiligen Hallen des Musikvereins nur selten vernimmt. Der rundum beglückende Abend der russischen Musik wurde nach nicht enden wollendem Applaus mit zwei Zugaben – selbstredend von Tschaikowski – beschlossen (7.März 2017).

In moderner Zeit hat sich Renée Fleming der Arie der Undina auf ihrem russischen Recital bei Decca (0019033-02) angenommen.  Auf youtube gibt es einen von Tamara Milashkina gesungenen Ausschnitt (Melodya 1988). Es wäre wünschenswert, käme es zu einer vollständigen Einspielung der Undina-Fragmente, liegt doch bis zum heutigen Tage lediglich eine einzige, von Jewgeni Akulow verantwortete und lange vergriffene sowjetische Aufnahme aus dem fernen Jahr 1963 vor (ebenfalls Milaschkina; Melodya). Wladimir Fedossejew und die Seinigen hielten ein flammendes Plädoyer für die Sinnhaftigkeit eines solchen Vorhabens. Daniel Hauser

Das Bild oben zeigt im Ausschnitt eine Undine-Darstellung des englischen Malers John William Waterhouse von 1872. Etwa zur selben Zeit arbeitete Tschaikowski an seiner Oper über die mythische  Wassernixe. Foto: Wikipedia