Alttestamentarischer Politkrimi

 

Leicht hat es der biblische Superheld Samson wahrlich nicht: nach geglückter revolutionärer Erhebung wird er von der teuflisch holden Philisterin Dalila nach allen Regeln der Opernkunst verführt, verliebt und verquatscht sich – das kennt man von Heldentenören – und geht so seiner siegbringenden Lockenpracht verlustig. Die Reaktion scheint gegen die Revolution zu siegen, doch in einem allerletzten Kraftakt schickt Samson die feindliche Übermacht im Alleingang über den Jordan. Ganz schön starker und allegorisch aufgeladener Plot, den der Komponist Camille Saint-Saëns und sein Librettist Ferdinand Lemaire aus dem alttestamentarischen Buch der Richter da rausdestilliert haben. Der große Spielplan-Hit ist der Samson nicht geworden, zu unentschlossen eiert das Werk zwischen Oper und Oratorium herum, zu weitschweifig erzählt und dramaturgisch umständlich die Handlung; immer, wenn etwas passieren müsste, kommt noch ein Chorsatz und der finale Knall-Effekt könnte wirkungsvoller gestaltet werden. Darüber kann auch die exotisch-sinnlich dampfende musikalische Textur kaum hinwegtäuschen, gipfelnd in Dalilas berühmter Arie und dem Bacchanal im dritten Akt von Samson et Dalila.

An der Rheinoper hatte man für diesen Ausflug ins mystische Zweistromland mit Joan Anton Rechi einen Regisseur verpflichtet, der mit seinen grandiosen Inszenierungen von Massenets Werther, Donizettis L’Elisir d’amore und Puccinis Madama Butterfly bereits in der Bestenliste des Hauses seinen Platz hat. Um es vorweg zu nehmen: an diese grandiosen Regiearbeiten reicht dieser Samson nicht ganz heran. Das mag daran gelegen haben, dass Rechi diesmal auf seinen angestammten kongenialen Bühnenbildner Alfons Flores verzichten mußte und die große, stücktragende und prägende Bildidee fehlte. Gabriel Insignares hat dafür eine zwar praktikable, aber relativ einfallslose Szenerie aus rechteckigen Wänden auf die Bühne gestellt, vom ersten zum zweiten Akt dreht sich die Ansicht von außen auf innen und im Hintergrund symbolisiert ein einsamer Baum vor blauem Hintergrund… Ja, was? So speist sich die Spannung allein aus dem intensiven Spiel der Sänger – die Besetzung ist ein einziger Glücksfall! – und aus Rechis präziser Personenführung und -zeichnung. Der Regisseur zeigt die Philister als aalglatte moderne Ausbeuterklasse mit Maßanzug und Knarre, die als einzigen Gott das Geld und den Reichtum verehren, die gefangenen Hebräer mit Helm und Spitzhacke im (Berg)bau schuften lassen und beim Bacchanal eine massenhysterische Sekten-Party mit bewußtseinsrelevanten Substanzen feiern… Stark aufgewertet hat Rechi die sonst eher statische Partie des Oberpriesters, der Bariton Simon Neal ist nicht nur gesanglich erste Sahne, er gestaltet den diabolischen Strippenzieher fast furchterregend; ein empathiefreier, zynischer Sadist in der Maske des aufgesetzt jovialen Entertainers; in Sachen Mimik und Körpersprache sichtlich inspiriert von Hollywoodstar Christoph Waltz. Wenn er dem gefangenen Samson genüßlich die Augen aussticht und dabei Dalilas „Mon coeur s’ouvre à ta voix“ pfeift, ist das beinahe ein Tarantino-Moment. Immer wieder trifft Rechi mit seinen Einfällen ins Zentrum, etwa wenn die siegreichen Hebräer von Dalila in ihrem Etablissement begrüßt werden und der namenlose Alte Hebräer seine Moralpredigt just abbricht, als Puffmutter Dalila ihm ein sehr junges Mädchen präsentiert und ihm der Sabber läuft. Lediglich das Finale wirkt wie eine Verlegenheitslösung, auf Samsons Gebet hin fährt die gesamte Mischpoke per Versenkung in den Hades. Die Musik kocht nochmal kurz hoch und dann ist gut. Ist es? Man weiß nicht recht.

„Samson et Dalila“ an der Düsseldorfer Rheinoper/ Szene/ Foto wie auch oben Landsberg

Um sich an Samson et Dalila zu wagen, braucht jedes Opernhaus neben einem richtig guten Chor ein herausragendes Protagonist-Dalilaenpaar. Samson himself etwa benötigt schon einen echten Rammbock-Tenor mit sandgestrahlter Höhe und ganz langem Atem. Michael Weinius besitzt vokales Siegfried-Format und prunkt mit schier unerschöpflichen Kraftreserven, einer baritonal grundierten Mittellage und trompetenhaften Spitzentönen, weiß aber auch, wo gefragt, mit kultiviertem Legato-Gesang zu berühren. Auch wenn ihm darstellerisch die Aura des charismatischen Anführers etwas abgehen mag, ist das eine Glanzleistung. In Sachen Farbenreichtum ist ihm Ramona Zaharia sogar noch überlegen, ihre Dalila verkörpert das Prinzip Sex und das Prinzip Macht geradezu beängstigend, ihr glutvoller Mezzo bringt die gesamte Affektpalette von schmeichelnder Verführung, herrischem Stolz, Verstellung und unerschütterlichem Sendungsbewusstsein zur Erscheinung, einen solch unverhohlen erotischen Stimmklang in Tateinheit mit elektrisierender Erscheinung und Bühnenpräsenz erlebt man nur ganz, ganz selten.

Der australische Bassbariton Luke Stoker, seit dieser Saison neu im Rheinopern-Ensemble, gibt in der eher undankbaren Partie des Aufsehers Abimélech eine klangvolle Visitenkarte ab und der altgediente Sami Luttinen ist als Alter Hebräer zu hören. In den Kleinstpartien der Boten und Soldaten fügen sich Luis Fernando PiedraDavid Fischer und vor allem der Tenor Luvuyo Mbundu bestens ins Ensemble ein.

Großes Lob gebührt diesmal auch dem konzentriert und kraftvoll singenden Rheinopernchor in der Einstudierung von Gerhard Michalski. Am Pult der Düsseldorfer Symphoniker hat Kapellmeisterin Marie Jacquot im Laufe der Serie die Leitung von GMD und Premierendirigent Axel Kober übernommen und führt die Kollektive sicher und patzerfrei durch das monumentale Epos, eine gewisse Kompaktheit und mäßige Transparenz des Klangs dürften noch auf Kobers Konto gehen.

Das Publikum im – leider eher spärlich besuchten – Düsseldorfer Opernhaus feierte die Solisten lautstark. Übrigens kommt demnächst die Berliner Staatsoper ebenfalls mit einer Neuinszenierung des Samson raus; ist das noch Zufall oder schon Renaissance? Der Kulturschock tippt auf ersteres. Fabian Stallknecht (aus dem Blog des Autors übernommen mit großem Dank wie stets: Fabiuskulturschockblog)