ALLES GEMÜSE

 

Immer noch zählt Jacques Offenbach, zu oft „nur“ der „leichten Muse“ zugeordnet, zu den unterschätzten und letztlich auch wenig geführten Komponisten. Wenngleich beim Publikum nach wie vor (besonders in der Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr) unvermindert beliebt, finden mittlerweile immer nur dieselben  (Orpheus in der Unterwelt, Die schöne Helena, Hoffmanns Erzählungen etc.) seiner gezählten 103 Werke den Weg auf die Bühne.

Offenbachs "Roi Carotte" in Lyon/ Szene/ Foto © Stofleth

Offenbachs „Roi Carotte“ in Lyon/ Szene/ Foto © Stofleth

Umso großartiger und verdienstvoller ist es von der Opéra National de Lyon, den Roi Carotte, der seit einer erfolgreichen Serie von 37(!) Vorstellungen am Theater an der Wien im Dezember 1876 kaum  aufgeführt worden war, am 22. Dezember 2015 wiederbelebt zu haben (eine deutschprachige Kurzfassung gab es beim Hessischen Rundfunk in den 50ern, und die Opéra l´Éclat in Paris führte den Karottenkönig 2008 am Théâtre Montfort unter Dominique Trottein auf –  eine orginalsprachige Aufnahme gibt es nicht bislang/ G. H.).

Der Karottenkönig ist ein Monstrum – in jeder Hinsicht: Die Premiere 1876 soll 6 Stunden gedauert haben, mit 24 Bühnenbildern, 250 Mitwirkenden und 1500 Kostümen. Aber er war ein Riesenerfolg: Er wurde 195mal en suite gegeben. So etwas kann man heutzutage doch niemanden mehr zumuten, meinen manche Opernfreunde (die meistens diejenigen sind, die sich schon 150x durch die etwa gleichlange Götterdämmerung hindurch gesessen haben). Diesen weit verbreiteten Bedenken Rechnung tragend, dauerte die Lyoner Produktion nur knappe drei Stunden. Regisseur Laurent Pelly und seine Dramaturgin Agathe Mélinand konnten sich darauf berufen, dass bereits Offenbach selbst seine XXL-Karotte auf die Hälfte gekürzt hatte, um Folgeaufführungen in Europa und Amerika zu erleichtern. Diese Edition der Lyoneser Kürzungen wurde nun wiederum von den Gralshütern der soeben bei Boosey & Hawkes erschienenen, von Jean-Christophe Keck editierten Kritischen Ausgabe, in Grund und Boden verdammt, weil sie selbstverständlich auf der ungestrichenen Originalfassung bestanden. Und die Akte mit dem Zauberer Quiribiri, den Bienen und dem Affenkönig schmerzlich vermissten… Jaja. Sei’s drum! Natürlich würde man sich in weiterer Folge eine Begegnung mit der „Composer’s Cut“- Version wünschen, aber wer von der Vorgeschichte und all diesen Querelen nichts weiß, konnte  in Lyon eine in sich schlüssige, von Anfang bis zum Ende überzeugende und absolut begeisternde Produktion erleben, Zauberer, Bienen und Affenkönig hin oder her…

Offenbachs "Roi Carotte" in Lyon/ Szene/ Foto © Stofleth

Offenbachs „Roi Carotte“ in Lyon/ Szene/ Foto © Stofleth

Die Gattungsbezeichnung des Roi Carotte lautet ursprünglich „grand opéra-bouffe-féerie“, und das drückt sehr gut seinen hybriden und aus den gängigen Kategorien fallenden Charakter aus. Das Libretto stammt von niemand Geringerem als Victorien Sardou (dem Schöpfer der originalen Tosca, die Puccinis Oper zugrunde liegt), und man kann es nicht anders als genial bezeichnen. Ganz kurz der absurde Inhalt: Fridolin XXIV.(allein schon dieser Name!),der Erbe des Königreichs Krokodyne, ist zwar den schönen Künsten zugetan, aber ein ziemlicher Hallodri. Um Budgetlöcher zu stopfen, verkauft er die Rüstungen seiner Vorfahren(die ihn darauf verfluchen). Und der Mitgift wegen will er die Prinzessin Cunégonde heiraten, eine kecke Göre, die in einer langen Arie ihre éducation sentimentale von der Klosterschülerin zur femme fatale besingt. Zur Verhinderung dieser mesalliance verbünden sich der „Genius“ Robin-Luron (eine Puck-artige Figur) und die Hexe Coloquinte, um den Jungspund zur Vernunft und auf den rechten Weg zurückzubringen. Coloquinte erweckt mit ihrem Zauber das Gemüse im Schlossgarten zum Leben. Und so ergreifen der Karottenkönig und seine Kumpane (Radieschen, Kohl, rote Rüben und andere) die Macht. Der vierundzwanzigste Fridolin muss fliehen und verbringt den Rest des Abends auf einer Art Initiations- und Zeitreise. Zuerst wird er mithilfe einer Taschenlampe in das Pompei zuerst nach, dann vor dem Vulkanausbruch zurückgebeamt, um sich den von einem römischen Soldaten entwendeten Zauberring König Salomons zu beschaffen. Dem Aschenregen gerade noch entkommen, wird er in einer gulliverhaften Wendung in die Welt der Ameisen versetzt. Die Bienenkönigin rettet ihn und bringt ihn nach Krokodyne zurück, wo aufgrund der in der Zwischenzeit enorm gestiegenen Gemüsepreise (!) der Volkszorn bereits am Kochen ist. Fridolin und seine wieder zu ihm überlaufenen Ex-Minister entfachen mittels der Wutbürger eine Gegen-Revolution, in deren Verlauf der Karottenkönig abgesetzt (bzw. in dieser Inszenierung durch eine riesige Presse zu Purée verarbeitet) wird.

Genial ist klarerweise auch Offenbachs Musik. Auf halbem Weg zwischen der Belle Hélène und den Contes d´Hoffmann angesiedelt, verströmt sie unendlichen Einfallsreichtum, gespickt mit „gelahrten“ Zitaten und Parodien auf seine „seriöseren“ Komponisten-Zeitgenossen. Und das alles in jener subtilen Mischung aus Melancholie und Heiterkeit, die im deutschen Sprachraum so schwer verstanden wird. Was dazu führt, dass dieser Schüler Mozarts, Rossinis und Cherubinis hierzulande meistens zum Faschings-oder Karnevalsclown degradiert wird.

Nicht anders als genial zu nennen war auch Laurent Pellys Inszenierung. Dank seiner eigenen Kostümentwürfe und der einfallsreichen Bühnenbildern von Chantal Thomas bewahrte er in jedem Moment eben jene heikle ironische Balance, die für Offenbach so entscheidend ist. Der Rahmen des Ganzen erinnerte ein wenig an den Film „Eine Nacht im Museum“, und hier so wie dort lösten sich aus dem musealen Kontakt die verschiedenen Zeit- Wirklichkeits-Ebenen langsam heraus. Besonders entzückten die mit viel Liebe gestalteten Details: wie z.B. die Ahnenbilder von Fridolins Rittervorfahren, die nach der Machtergreifung der Karotte von Gemüseportraits ersetzt werden, oder die wetterwendischen Höflinge, die sich plötzlich die Haare orange färben, oder die verräterische Prinzessin, die sich dem unterirdisch-phallischen Gespons mit einem ebenso orangen Ballkleid anpasst…einfach köstlich.

Und die Bewegungsregie, die individuelle Führung der Chormassen macht Pelly derzeit ohnehin kaum jemand nach. Ohne Abstriche großartig ebenfalls die musikalische Seite: Unter dem jungen und energetischen Dirigenten Victor Aviat glänzten die mitwirkenden  Sänger/innen, aber besonders der souveräne Yann Beuron (Fridolin), die erfrischende Julie Boulianne (Robin-Luron), die bezaubernde Chloé Briot (als „gute“ Prinzessin) und die quirlige Antoinette Dennefeld (als ihr „böser“ Counterpart), dazu kamen Christophe Mortagne, Boris Grappe, Jean Christian Bou (köstlich sein Pipertrunck) und Lydie PruvotLe Roi Carotte – also ein reines Vergnügen, in Lyon noch bis 1.1.zu sehen.

 

Offenbachs "Mesdames de la Halle" in Lyon/ Szene/ Foto © Jaime Roque de la Cruz

Offenbachs „Mesdames de la Halle“ in Lyon/ Szene/ Foto © Jaime Roque de la Cruz

Äußerst vergnüglich auch ein zweiter Offenbach – eine opéra bouffe, die im Rahmen eines intelligent programmierten Schwerpunkts in Lyon im selben Zeitraum gezeigt wird. Mesdames de la Halle (bekannter durch die ältere EMI-Einspielung mit Mady Mesplé) ist des Meisters letzter großer Einakter vor dem großen Durchbruch mit Orphée aux Enfers, was man ihm durchaus auch anhört. Das Sujet ist ausgesprochen originell: Die Handlung spielt im Milieu der Marktweiber in den frisch erbauten Baltardschen Hallen und macht sich mit ihrer larmoyanten Geschichte vom wiedergefundenen Findelkind zutiefst über ähnlich melodramatische zeitgenössische Werke lustig.

Regisseur Jean Lacornerie hatte einen Prolog hinzugefügt, in dem ein sehr fescher Conférencier und seine Kollegin mithilfe von Texten von Zola, Ducamp, Boutet und anderen ein wenig über die Geschichte der Hallen erzählten und dabei auch recht  anzügliche Chansons (zum Beispiel über den „göttlichen Spargel“)  vortrugen. Dieses Showpärchen war aber auch schon das einzige „normale“ Element in dieser Aufführung. Der Clou der „Mesdames“ ist nämlich, dass die Marktweiber alle von Männern dargestellt werden, der Küchenjunge hingegen von einer Frau. Und das ist nicht etwa auf angestrengte Aktualisierungsversuche schwuler Dramaturgen zurückzuführen, sondern ist von Offenbach genau so erfunden. Travestie eben. Das Ergebnis dieses Cross-Playings und Cross-Singings war, dass sich beim Happy End zwei Paare (Ciboulette und Croûte-au-Pot sowie Raflafla und Madame Poiretapée) zusammenfanden, die dem Anschein nach (auf der Bühne) gegengeschlechtlich sind, in Wahrheit (im wirklichen Leben also) aber gleichgeschlechtlich.

In einem äußerst kargen, fast nur aus Obst-und Gemüsekisten bestehenden Bühnenbild gelang es dem Produktionsteam, eine äußerst phantasievolle und unterhaltsame Music-Hall-artige Revue auf die Beine zu stellen. Höhepunkt des kurzweiligen Abends war  eine grotesk-karnevaleske Modeschau der „Damen“ mit Engelsflügeln aus Eierbehältern, Boas aus Lauchblättern statt aus Federn, riesigen Hüten aus Fischen und Krustentieren etc. etc. Hervorragend waren auch die Sänger, besonders Anne-Marine Suire als Waise und Yete Queiroz als Küchenjunge. Dazu kamen, nicht minder hinreißend, Pierre Héritier, Jérémie Schütz, Florian Cafiero, Mathieu Grodon und Catalina Skinner-Moreno (am 11. Dezember 2015, in einer Wiederaufnahme einer Produktion von vor 2 Jahren). Und als Schlussgag gibt es noch eine „Cross-Promotion“: Der Conférencier trat in einem Karotten-Röckchen auf. Also alles Gemüse, oder was? Robert Quitta

 

Foto oben: Offenbachs Roi Carotte in Lyon/ Szene/ Foto © Stofleth