Algernon Blackwood als Opernstoff

 

Uraufführungen waren nicht gerade die Stärke der Wiener  Staatsoper seit 1955. Gerade einmal acht Werke, davon sechs im großen Haus, erlebten hier ihre Geburtsstunde. Zuletzt war es Aribert Reimanns Medea im Jahr 2010. Die Ursache dafür liegt wahrscheinlich in einer gewissen Ambivalenz eines großen Teils des Wiener Publikums zu Neuem, denn auch wenn die Premieren oft ein durchaus respektabler Erfolg waren, der Besuch der Folgevorstellungen war dann meist endenwollend.

Nachdem sich unser Direktor in den letzten Jahren durchaus ambitioniert gezeigt hat, was die Aufnahme sogenannter zeitgenössischer Opern in den Spielplan betraf, so ging er nun einen Schritt weiter und erteilte dem österreichischen Komponisten Johannes Maria Staud (geb. 1974 in Innsbruck) einen Kompositionsauftrag. Dieser kontaktierte daraufhin „seinen“ Librettisten, den deutschen Lyriker und Büchnerpreisträger Durs Grünbein, und man entschloss sich ein Stück zu schreiben, das sich mit Ereignissen der Gegenwart beschäftigt. Das ist zweifelsohne legitim und in jedem Fall akzeptabler, als „klassische“ Opern mit Gewalt in unsere Zeit zu zerren und ihnen aktuelle Probleme aufzupfropfen.

Als Grundlage für das Libretto einigte man sich auf eine Horrorgeschichte aus dem frühen 20. Jahrhundert, nämlich Die Weiden (Uraufführung Staatsoper am 8. Dezember 2018) dem Band „The Listener and Other Stories“ von Algemon Blackwood. Im Original spielt die Geschichte in Amerika. Staud und Grünbein verlegen das Stück in die Gegenwart und in das Europa von heute. Die Handlung ist rasch erzählt: Es geht um zwei Menschen, die trotz einer Warnung des Vaters der Frau vor dem Land, in das sie reisen möchten, im Kanu den Fluss Dorma – damit kann durchaus auch die Donau gemeint sein – entlangfahren, wobei sie dabei einige episodenhafte Erlebnisse haben. Auf Grund eines Hochwassers landen sie im Auenschwemmland auf einer Insel. Der Mann verschwindet, ohne dass man wirklich weiß wohin, während die Frau allein auf der Insel zurückbleibt. In einer Vision sieht sie einen Zug von Deportierten, in dem sie auch ihre Ahnen erkennt und findet so zu sich selbst.

Hier ziehen Staud und Grünbein auch die Parallele zu unser Zeit. Sie wollen zeigen, wie sich eine Gesellschaft durch Hass von innen verändern kann und dass die Hemmschwelle der Menschen sinkt. In einem Interview in der Wiener Zeitung antwortet Staud auf die Suggestivfrage, ob damit Österreich gemeint sei, dass das durchaus der Fall sein könnte, wobei er sich aber in erster Linie auf die Entwicklung in Ungarn, Italien und Polen bezieht. Gleichzeitig möchte man aber auch auf die Vorgeschichte verweisen, also auf alles, was sich in den letzten 80 Jahren entlang des Flusses ereignet hat. Es ist – auch wegen der Mitteilsamkeit des Komponisten – in den letzten Wochen viel über dieses Werk geschrieben worden und es wurde immer wieder speziell die Rolle des Demagogen erwähnt, der allerdings nur eine kleine Episode ist. Im übrigen ist das nicht wirklich originell, denn Demagogen hat es zu jeder Zeit der Menscheitrsgeschichte gegeben und wird es sie leider auch in Zukunft immer wieder geben. Das Stück ist meinem Empfinden nach nicht schlecht gebaut, auch wenn die Durchführung in den Dialogen viele Schwächen zeigt. Es ist im Grunde – sieht man von der einen oder anderen Textstelle ab – viel zu harmlos um einen Skandal, den man sich offenbar so gewünscht hat, heraufzubeschwören.

Kommen wir nun zur Musik. Auffallend ist gleich zu Beginn die riesige Orchesterbesetzung. Der Orchestergraben ist fast übervoll und auch außerhalb sind noch Instrumente untergebracht. Die Musik mutet aber trotzdem über weite Strecken minimalistisch an, nur in den sogenannten Passagen und im Vor- und Zwischenspiel kann man teilweise den vollen Orchesterklang hören. An sich ist die Musik größtenteils melodiös und in den erwähnten Passagen hat man manchmal den Eindruck, eine hochwertige Filmmusik zu hören. Der Komponist greift aber auch auf schon Bewährtes zurück. Neben drei kurzen Zitaten aus Meistersinger und Tristan hört man auch öfter Jazz-Melodien, bzw. Big-Band-Sound der fünfziger Jahre. Die Singstimmen sind – vielleicht mit Ausnahme der Kitty – durchaus sangbar ausgeführt und mit Dialogen durchsetzt. Es ist also ein Werk entstanden, das wahrscheinlich nicht der große Wurf ist, aber akzeptiert werden kann. Es hätte also die PR-Tour, die Herrn Staud in seinen unsäglichen Interviews durch fast alle Medien führte, wirklich nicht gebraucht.

Dass die Produktion zumindest ein Achtungserfolg – mehr war es beim besten Willen nicht – wurde, lag aber in erster Linie an der Inszenierung. Die Regisseurin Andrea Moses war von Anfang in die Entstehung des Werkes eingebunden und erzählte die Geschichte mit gekonnter Hand. Die detaillierte Personenführung ist zwar ihre Sache nicht, aber sie versteht es, wirkungsvolle Bilder auf die Bühne zu bringen. Dabei wird sie vom Bühnenbildner Jan Pappelbaum, der, wenn ich mich richtig erinnere, als erster seit 1982 (Macbeth) wieder die Drehbühne verwendet, großartig unterstützt. Im Vordergrund befinden sich die notwendigen Versatzstücke, während der eigentliche Ort der Handlung auf den Prospekt im Hintergrund projiziert wird. Bei den reinen Orchesterstellen wird immer wieder der Fluss eingeblendet, sodass der Eindruck der Filmmusik (siehe oben) verstärkt wird. Die Kostüme von Kathrin Plath waren akzeptabel.

Musikalisch war das Werk bei Ingo Metzmacher, einem ausgewiesenen Fachmann für zeitgenössische Musik, in besten Händen. Er hat das Orchester hervorragend einstudiert und dieses gab alles her, was es an Klang zu bieten hat. Der von Thomas Lang einstudierte Chor entledigte sich seiner nicht allzu großen Aufgabe tadellos. Besonders berührend war der Gesang der Deportierten am Ende.

Uraufführung „Die Weiden“ an der Wiener Staatsoper/ Szene/ Foto wie auch oben  Pöhn

Doch nun zu den Sängern. Rachel Frenkel, die Darstellerin der zentralen Rolle der Lea, ließ sich zwar als indisponiert entschuldigen, sang aber trotzdem mehr als zufriedenstellend. Darstellerisch blieb sie eher blass. Ihren Mann Peter sang Tomasz Konieczny zwar mit gut geführter Stimme aber leider mit wenig Ausdruck. Auch darstellerisch kam er kaum zur Geltung. Andrea Carroll als Kitty war wahrscheinlich die beste Sängerin des Abends. Sie sang besonders die Spitzentöne blitzsauber und war auch sonst sehr präsent. Thomas Ebenstein als Edgar hatte mit den hohen Tönen so manches Problem und war auch darstellerisch nicht wirklich überzeugend. Monika Bohinec und Herbert Lippert – er war auch der Angler am Ufer – gestalteten Leas Eltern routiniert. Wolfgang Bankl strahlte als Demagoge kaum Gefährlichkeit aus. Es gibt auch zwei Sprechrollen:  Sylvie Rohrer war als Fersehreporterin unauffällig. Udo Samel, für mich einer der besten Schauspieler unserer Zeit, den man aus für mich nicht nachvollziehbaren Gründen 2014 am Burgtheater gekündigt hat, verlieh dem Komponisten Krachmeyer seine ganze Persönlichkeit hatte aber merkwürdigerweise Probleme, sprachlich über die Rampe zu kommen. Die übrigen Mitwirkenden – sieht man vielleicht vom sehr raustimmig singenden Alexander Moisiuc als Vater Peters ab – sei ein Pauschallob gegeben.

Am Ende freundlicher mit einzelnen Bravos durchsetzter Applaus für die Darsteller und das Regieteam, gemäßigter Jubel für den Dirigenten und Applaus mit vereinzelten Buhs für die Herren Staud und Grünbein. Der größte Teil des Wiener Publikums hat sich damit diesmal intelligent gezeigt und ist dem Herrn Staud nicht auf den Leim gegangen – das hätte er als ehemaliger Stehplatzbesucher aber ahnen können.

Wie gesagt, ein durchaus achtbares Werk, das aber das Schicksal der meisten zeitgenössischen Werke der letzten 70-80 Jahren teilen wird. Man wird es wahrscheinlich in den nächsten Jahren da und dort nachspielen, aber in fünf Jahren wird es außer ein paar Aficionados kaum mehr jemand kennen. Heinrich Schramm-Schiessl  (Mit freundlicher Genehmigung des Online-Merker)