Alagna & Gattin

 

Verdis Oper Luisa Miller, sein melodramma tragico in drei Akten nach einem Werk von F. von Schiller „Luisa Miller“, das in sechs Wochen komponiert und am 8. Dezember 1849 am Teatro San Carlo Neapel uraufgeführt wurde – Österreich hat dieses von Mailand und Venedig „übernommen“ –  und das am Samstag, dem 15. Dezember 2018 im Auditorium Rainier III als konzertante Version vorgestellt wurde, stellt eine echte Wende im Werk von Giuseppe Verdi dar. Der Komponist gibt darin das „kriegerische Feuer, die lauten Manifestationen von patriotischer Glut, die Spannung, die von seinen vorhergehenden Opern ausging“ auf für eine Liebesgeschichte, die das Grandiose durch das Intime ersetzt (Pierre Milza, Verdi und seine Zeit, Coll. « Tempus », Perrin, 2001, S. 183). „Luisa Miller“ markiert zusätzlich einen Bruch in der Art Verdis, die Beziehung zwischen dem Librettisten und dem Komponisten zu behandeln: Zum ersten Mal fühlt Verdi die „Notwendigkeit einer völligen Übereinstimmung zwischen Musik und Text, was implizierte, das diese nicht nur nach dem Ton der Worte, sondern nach ihrem Sinn geschrieben wurde.“ (Ibid., S.184). Reduzierte Rezitative, fortlaufende Musik: ein Weg zum künftigen „Otello“.Die zurecht bejubelte musikalische Leitung von Maurizio Benini, der zum monegassischen Nationalfeiertag im November 2017 eine opulente Adriana Lecouvreur“ dirigiert hat und auf dem Felsen als Saisonabschluss im April 2013 einen unvergesslichen „Stiffelio“ war in jeder Hinsicht meisterhaft: Unter der nervösen Stabführung und den lebhaften Gesten des Maestro eröffnet uns das Orchestre philharmonique de Monte-Carlo brillante Klangfarben ebenso wie einen subtilen Dialog zwischen den Pulten und der Klarinette von Véronique Audard. Sehr aufmerksam den Sängern gegenüber leitet der Dirigent mit bloßer Hand und mit einer einzigartigen Genauigkeit das A Capella-Quartett im 2. Akt „Presentarti all Duchessa“ zwischen Luisa, Federica, Walter und Wurm. Brillant.

Ein Foto unserer tapferen und stets arbeitswilligen Übersetzerin aus dem Französischen Ingrid Englitsch aus Wien – Danke!

Die Besetzung ist von außerordentlicher Qualität. Verstärkt durch die Schüler der FIPAC-Monaco (eine internationale professionelle Chorsängerausbildung), beeindrucken uns die Chöre der Opéra de Monte-Carlo (Stefano Visconti) von ihrem „Ti desta, Luisa“ an durch ihr Talent. Das Paar Roberto Alagna (Rodolfo) und Aleksandra Kurzak (Luisa Miller) sind eindeutig die Stars. Nach einer legitimen stimmlichen Aufwärmphase – ihr „Lo vidi, e ‘l primo palpito“ am Beginn des 1. Akts klingt sehr leicht metallisch – überrascht und bewegt uns Aleksandra Kurzak immer wieder  durch ihre zahllosen strahlenden und raffiniert verhaltenen Höhen. Die Sopranistin findet mit Eleganz und Sicherheit die Intonation, die dem Ausdruck ihrer Liebe, ihrem Zorn bis zum Ausbruch im Moment, als sie den schicksalshaften Brief im 2. Akt schreibt „E segnar questa mano“ entspricht oder  ihrer dem Wahnsinn nahen todessehnsüchtigen Resignation im 3. Akt „La tomba è un letto sparso di fiori“. Trotz der unvermeidlichen Inflexionen seiner Stimme zeugt Roberto Alagna eine außerordentliche Leidenschaft: Seine große Arie, genährt von zahlreichen forte in der letzten Szene des 2. Akts über den vermeintlichen Verrat Luisas „Quando le sere al placido“ ist ein einziger Genuss und bringt ihm einen immensen Applaus. Die große und wunderbare Entdeckung dieser monegassischen „Luisa Miller“ ist aber Artur Rucinski (Miller), über dessen einfrucksvolle Leistung in einem Pariser „Falstaff“ unser Kollege Frédéric Norac schon berichtet hat. Dieser authentische Verdi-Bariton mit dem beeindruckenden Timbre erhält Ovationen über Ovationen vom Beginn des Werks „Sacra la scelta è d’un consorte“ an über „Ah! fu giusto il mio sospetto!“ bis zum 3. Akt in seinen Duett mit seiner Tochter „Andrem, raminghi e poveri“.  Wir hoffen ihn bald wieder an der Oper von Monte-Carlo zu hören. Eine andere großartige Leistung, die aber dem Publikum von Monte-Carlo schon von ihrer großartigen Olga in „Eugen Onegin“ bei der Saisoneröffnung 2010 bekannt ist und von ihrer Blanche in Prokofievs „Der Spieler“, war die Mezzosopranistin Ekaterina Sergueïeva in der Rolle der Federica. Der erkrankte rumänische Bass Sâmpetrean (Leporello an der Berliner Staatsoper im November 2013 und Dulcamara auf dem Felsen im Februar 2014) wurde als Graf Walter ohne Probe  – und dennoch mit einem impostanten „Il mio sangue, la vita darei“ im 3. Akt – durch Vitalij Kowaljow, den schon für seine Interpretation des Hohepriesters Zaccaria im monegassischen „Nabucco“ im November 2016 geschätzten ukrainisch-schweizerischen Bass ersetzt. Der Bass InSung Sim (Wurm und Gualtiero in „I puritani“ in Monte-Carlo) und die Mezzosopranistin Antonella Colaianni (Laura) klomplettieren diese exzellente Besetzung. Jean-Luc Vannier/ Übersetzung Ingrid Englitsch (Dank an den Autor, dessen Artikel wir dem Blog http://www.musicologie.org/ entnahmen.