Ärger mit der Erbschaft

 

Die Sache Makropoulos ist bekanntlich ein verwickelter Erbschaftsprozess, der sich über mehrere Generationen hinzieht. Am Ende stellt sich heraus, dass die Operndiva Emilia Marty die Prozessgegner Albert Gregor und Jaroslav Prus beide manipuliert hat, weil sie sich brennend für einen Umschlag interessiert, der zu dem strittigen Erbgut gehört – denn der enthält ein Rezept für Unsterblichkeit, und sie ist in Wirklichkeit die 337jährige Elina Makropoulos und bräuchte einen Nachschlag des Wundermittels. Am Ziel ihrer Pläne erkennt sie aber, dass sie gar nicht mehr weiterleben will – und stirbt.

Dmitri Tcherniakov holt, wie er das meist tut, die phantastische Handlung in eine rationalistische Gegenwart – diesmal mit einem einzigen raffinierten Dreh. Da ist zur Ouvertüre eine alternde Schauspielerin, die eine fatale Krebsdiagnose erhält. Dann läuft in einem eleganten Empiresalon die Geschichte librettogetreue und mit profilierten Charakteren ab – die Augenweide von Bühnenbild stammt auch von Tcherniakov, die kleidsamen, jeder Figur eine markante Farbe zuordnenden Kostüme sind von Elena Zaytseva. Nachdem die Diva ihre Lebensgeschichte erzählt hat, fahren die Wände des Salons aber plötzlich zur Seite und geben den Blick auf ein modernes Publikum frei (sieht fast mehr nach TV-Studio als nach Theater aus), die Sängerinnen und Sänger verbeugen sich… und dann setzt sie (zur wachsenden Konsternation ihrer Bühnenkolleg/-innen) zum letzten Monolog an, zum Bekenntnis ihres Lebensüberdrusses – und stirbt.

Evelyn Herlitzius (Foto oben/ Rittershaus) macht die verdoppelte Diva zur dreifachen. Zudem ähnelt sie in den ersten beiden Akten mit der Perücke verblüffend Mireille Mathieu, im 3. mit dem eigenen offenen Haar erinnert sie mich ein wenig an Lauren Bacall. Ist aber mit der ureigenen Intensität eine facettenreiche Makropoulos; die charismatisch Unnahbare überrascht auch mit kapriziöser und heiterer Besessenheit. Von ihren Verführungskünsten ganz zu schweigen. Sie stirbt konvulsivisch zuckend und doch überzeugend unspektakulär. Wie sie die Bühne beherrscht, dominiert ihr vulkanischer Sopran die Musik; sie singt (!) hochexpressiv, mit rundem, vollem Klang. Einzig die Diktion lässt noch Wünsche offen; anwesende Muttersprachler*innen verstanden wenig. Daran, dass sie – pausenlos auf der Bühne anwesend – der Motor der knapp 2 Stunden ist, besteht kein Zweifel – ein Wurf.

Ob’s am Einfluss der Titelinterpretin liegt, an der Fieberhaftigkeit der Inszenierung, an einer stilistischen Entscheidung des Dirigenten oder an allen dreien – mir schien das ganze Stück unter musikalischem Hochdruck abzulaufen. Ich bin demgegenüber immer noch gespalten – durchaus angenehm überwältigt vom fabelhaft plastischen Orchesterklang und den jähen Umschlägen, mit denen Jakub Hrůša die Modernität des Werks erlebbar macht. Aber ob’s nicht doch etwas laut war (im rechten Parkett, wo man das Blech immer sehr gut und die Stimmen weniger hört, ist das nach meiner Erfahrung nicht sicher zu beurteilen)? Am meisten zum Forcieren verleiten ließ sich Sam Furness als Albert mit eher monochromem Tenor und angestrengten Höhen, szenisch sympathisch sehr jung und ohne Dr. Kolenatý chancenlos. E.M.s einzig würdiger Gegner war Scott Hendricks als locker siegesgewisser, ihrem Charme gegenüber immuner Prus (noch bei der Todesnachricht seines Sohnes – wenn auch qualvoll – beherrscht) – ihre Unterhaltung im 2. Akt, in der er souverän einen Trumpf nach dem andern ausspielt, war (neben dem Schluss) für mich der Höhepunkt. Darum herum versammeln sich lauter vorzüglich besetzte, gesungene und gespielte Typen: Tómas Tómasson als energischer Dr. Kolenatý (die bombigste Stimme nach der Diva), Kevin Conners als seine bewährte rechte Hand Vítek, Deniz Uzun mit großzügigem Mezzo als seine Wuschelkopf-Overall-Rebellentochter Krista, Spencer Lang als verbummelter Prus junior mit Strickmütze, Guy de Mey als köstlich grotesker Hauk-Šendorf im Rollstuhl (ein Zwilling von Onkel Fester Addams), Katja Ledoux als Kammerzofe und in einem besonderen Kabinettstückchen von kleiner Szene Irène Friedli als tratschsüchtige Putzfrau und Ruben Drole als Theatermaschinist (der einen Sonderpreis für wohlklingendes Mit-vollem-Mund-Singen verdient). Der Chor unter Ernst Raffelsberger bleibt bei seiner kleinen Aufgabe am Schluss im positiven Sinne unauffällig – die Erfüllung des selbstgewählten «Moi, je veux mourir sur scène» gehört ganz der Protagonistin. Samuel Zinsli