ACH ja, die Mafia …

 

Was haben Grand Opéra und Hollywood gemeinsam? Den Glamour, die Massenszenen, die (Melo-)Dramatik, den Hang zum tragischen Historiendrama? Das haben sich Jossi Wieler und Sergio Morabito vielleicht in der Vorbereitung auf Les Huguenots am Grand-Théâtre in Genf gesagt (gesehen: Dernière am 8.3.20). Anna Viebrock hat dazu eine sich bei beiden Sphären bedienende Ausstattung geschaffen – einen links und rechts mit Betontürmen begrenzten Filmstudioraum, der mit fahrbaren Stufen, Kirchenbänken, Balustraden, Säulen und Schminktischen bestückt ist. Gewiss, das geht nicht wirklich auf – der religiöse Konflikt entfällt und wird durch keinen analogen ideologischen Graben im gewählten Rahmen ersetzt. Saint-Bris als brutaler Mafia-Geldgeber funktioniert als einzelne Figur gut – aber die katholische Seite ganz mit der Mafia zu identifizieren geht nicht auf. Auch fragte ich mich, warum die Frau, die das Massaker anordnet (in einer stummen Rolle Rosale Bérenger), als Caterina di Medici kostümiert ist (und dabei an Queen Victoria erinnert…) – eine Schauspielerin kann sie im „modernen“ Setting ja wohl kaum sein. Und sind die Elendsgestalten in historischen Kostümteilen, die wir zur Ouvertüre kennenlernen, real? Und wenn ja, wer sind sie? Ja, am Ende die erschossenen „Hugenotten“ (da Raoul offenbar zu ihnen gehört) – Statisterie? Bettler vor den Toren der Traumfabrik? Aber zu genau sollte man wohl nicht nachdenken, denn die Charaktere sind plastisch gefasst, und die Originalhandlung behält ihre Würde und Dynamik (was ich bei diesen Regisseuren bisher oft nicht so wahrgenommen habe). Manches ist auch witzig – wenn etwa der 5. Akt mit einer Parade der frischverheirateten Marguerite und Henri de Navarre beginnt – aber als Filmdreh. Vielleicht teilt sich die Grand Opéra mit dem Stummfilm ja auch die schmale Gratwanderung zwischen Komik und Pathos.

Das größte Ereignis der Produktion ist John Osborn als Raoul. Wenn er sich die stimmlichen Kräfte einteilt (und davon ist ja auszugehen), fällt es nie auf. Auffällig hingegen, wie er in den letzten beiden Akten nach so viel dynamischem Gesang mit sicherer und strahlender Höhe wieder zu weicher, farbenreicher mezza voce wechseln kann. Kein Wunder, auch in dramatischen Momenten forciert er nie, sondern erzeugt Höhepunkte mit gesunden Mitteln. Die Phrasierung ist in jeder Dynamik geschmeidig und auf Linie, die Gestaltung zugleich immer auch vom Text her gedacht. Raoul ist hier eine Art Chaplin-Figur mit Danny-Kaye-Frisur, die in die Glamourfilmwelt aufgenommen wird, sie aber am Ende wieder verlässt, um mit den abgerissenen Gestalten zu sterben. Das funktioniert (auch dank Osborns dezentem, aber engagiertem Spiel) erstaunlich gut – kein kriegerischer Held, sondern ein liebenswürdiger, etwas naiver, aber tapferer „kleiner Mann“, der die Heldenpflichten verinnerlicht hat und nicht ans eigene Wohl denkt.

Wenn Ana Durlovski als Marguerite de Valois/Filmdiva mit Bacall-Mähne das Set betritt, besteht kein Zweifel daran, dass  die Welt sich um sie dreht – keine Zwitschersoubrette, die furchtlos und sauber gesungenen Koloraturen sind stets mit dem szenischen Ausdruck im Einklang. Eine leichte Schärfe im ansonsten schön gerundeten Timbre passt bestens zur imposanten Persönlichkeit; immer wieder ein Genuss, wie sie ihre gut fokussierte Stimme anschwellen lassen und zurücknehmen kann. Lea Desandre als Urbain war mir neu und hat mich umgehauen. So akkurat die Verzierungen in ihren Solonummern gesungen sind, sind sie auch in einen musikalischen Spannungsbogen eingebunden, wie man das nicht alle Tage hört – ein samten timbrierter Mezzo, mit tollem Legato geführt. Mit lebendigem Spiel, Wechseln in Mimik und Körpersprache sowie virtuosem Timing kann sie z.B. Nevers ihre ganze Auftrittsarie lang den Brief immer wieder vorenthalten, und man würde noch länger gern zuschauen. Valentine wirkt neben diesen beiden zunächst blasser, aber Rachel Willis-Sørensen verleiht ihr mit geschicktem Einsatz ihrer großen, etwas eckigen Erscheinung  das Profil einer Frau, die unter dem Einfluss Raouls sich nach und nach von der „High Society“ entfernt und eigene Entscheidungen trifft. Stamina, Klangvolumen und Stimmumfang sind da, und die Chemie mit Osborn stimmt optisch wie akustisch, auch wenn Timbre und Emission für mich etwas schwer definierbar „Nordisches“ haben – mehr Linie wäre denkbar, aber es ist so zweifellos ausreichend. Nur manche Spitzentöne tendieren zu einem leicht nach hinten verrutschenden Stimmsitz, was sie mit differenzierter Gestaltung aber mehr als aufwiegen kann. Eine starke Figur ist Michele Pertusi als Raouls treuer Marcel (mit seiner imposanten Gestalt eine Art seriöser Obelix) – die Frage nach der geistigen Gesundheit des kompromisslosen Katholikenhassers hält er gekonnt in der Schwebe und behält trotz seinem Eifern (zumindest meine) Sympathie. Die vokale Leistung ist auch imposant zu nennen, was der Figur dient – dass bei ihm als Bassbariton die geforderte Tiefe nur mager und mit Mühe da ist, dass manches in der Höhe mehr Vibrato als klare Tonhöhe besitzt, lässt sich nicht überhören; man muss sich eben an der guten Diktion und der intensiven Gestaltung erfreuen. Alexandre Duhamel macht Nevers‘ Entwicklung vom Rädelsführer der adligen Spaßgesellschaft (hier im chicen Tennisdress) zu seinem würdevollen Nein zum Massaker plausibel; sein körniger Bariton macht Eindruck und wird das noch mehr tun, wenn er auch feine Töne als Ausdrucksmittel einsetzt. Laurent Alvaro singt einen kernigen Saint-Bris (auch wenn manche Töne in der hohen Lage etwas hohler als gewohnt klingen) und füllt diese wohl unsympathischste Figur der Oper mit bühnenwirksamer Süffisanz und mafiöser Diabolik. Anicio Zorzi Giustiniani führt als Tavannes (und erster Mönch) eine feine, elegante Tenorklinge und führt unüberhörbar die Katholiken an, die in Gestalt von Tomislav Lavoie (Retz, 3. Mönch), Vincenzo Neri (Méru, 2. Mönch) und Florian Cafiero (Cossé) stimmlich kompetent und szenisch gut unterschieden sind. Donald Thomson aus dem Genfer Opernstudio ist als fieser Maurevert wieder sonor und stimmgewaltig. Von eherner Autorität in jeder Hinsicht auch Harry Draganov als Nachtwächter, ausgezeichnet Rémi Garin (Bois-Rosé und Valet) mit feinem Charaktertenor – bei wem haben sie da Anleihen genommen, Edward G. Robinson oder Peter Lorre? Und auch die Chorsoli  Iulia Elena Preda, Céline Kot, Nauzet Valéron, Peter Baekeun Cho und Rodrigo García können sich hören lassen und stehen stellvertretend für eine von der Menge wie von der Qualität her tolle Chorleistung (Alan Woodbridge). Szenisch ist er zudem toll geführt (z.B. die Schleimercour, die sofort vor Raoul Schlange steht, als der die Einladung von Marguerite erhält) und strahlt Spielfreude aus.

Mark Minkowski und das Orchestre de la Suisse Romande begleiten federnd und vielfarbig, treiben die Handlung voran, ohne zu hetzen, und lassen pointiert hören, wo diese Musik herkommt und wo sie hinführt. Minkowski setzt meist auf eher frische Tempi, ist dabei aber ungemein aufmerksam den Sängerinnen und Sängern gegenüber. Samuel Zinsli