à la deuxieme

 

Les troyens gelten als das „Opus summus“ vom Hector Berlioz und können ohne Übertreibung tatsächlich als „Grand Opéra“ bezeichnet weden. (…) An der Wiener Staatsoper erschien das Werk erstmals am 17.10.1976 als erste Premiere der Direktion von Egon Seefehlner unter der Leitung von Gerd Albrecht und in der Inszenierung Tom O’Horgans im Spielplan. Die Hauptrollen sangen damals Helga Dernesch (Cassandre), Christa Ludwig – in späteren Aufführungen auch Agnes Baltsa – (Didon) und Guy Chauvet (Enée). Die Produktion brachte es bis 1979 gerade einmal auf 9 Aufführungen. Ab 1980 führte man dann nur mehr den 2. Teil auf, aber auch hievon gab es bis 1981 nur 5 Aufführungen.

Hatte es in der 1976er-Produktion noch zahlreiche Striche, vor allen Dingen bei den Balletten, gegeben, so bot man diesmal eine nahezu integrale Fassung. Die Inszenierung stammt aus London und war auch schon in Mailand und San Francisco zu sehen. Ich halte ein derartiges Vorgehen bei einem Werk, das – zumindest in Wien – kein Fixpunkt im Repertoire ist, für legitim und vernünftig. (…) Der Regisseur David McVicar ist meistens für sehr werktreue Inszenierungen bekannt. So auch diesmal. Er erzählt die Geschichte ohne Schnörkel, Brechungen und sonstigen zeitaktuellen Unsinn. Eine wirklich diffizile Personen- und Chorführung ist zwar seine Sache nicht, aber er versteht es, die Szene verständlich zu arrangieren. Die Bühnenbilder von Es Devlin sind praktikabel, für Troja ein eher unwirtlich dunkler Raum, für Karthago eine helle Wüstenstadt. Das trojanische Pferd und die visionäre Figur des Hannibal sind Metallgerüste. Die Kostüme von Moritz Junge sind zumindest im ersten Teil ein bunter Mix quer durch die Historie mit Schwerpunkt des 19. Jahrhunderts, was immer noch besser als heutige Alltagskleidung ist. Leider erinnern die Kostüme der trojanischen Militärs teilweise wieder einmal an die bereits sattsam bekannten Uniformen afrikanischer oder südamerikanischer Diktaturen. Im zweiten Teil sind sie dann einheitlicher und zeitpassender. Die Choreographie von Lynn Page war lebendig und vermied die oft bei Balletten in Opern auftretende Peinlichkeit.

„Les troyens“ an der Wiener Staatsoper/ Szene/ wie auch oben und unten „Lohengrin“/ Szene/  Fotos Michael Pöhl

Kommen wir aber nun zum musikalischen Teil und hier ist festzustellen, dass es in erster Linie der Abend der Joyce DiDonato war. Mit welcher Einfühlsamkeit sie die Didon gestaltete war absolute Weltklasse. Dank ihrer hervorragenden Stimmtechnik gelangen sowohl die großen Ausbrüche als auch die gefühlvollen Passagen ausgezeichnet. Ihre große Szene im 5. Akt sowie die Schlussszene waren der Höhepunkt des Abends. Auch darstellerisch war sie ungemein präsent. Ihr Partner als Enée war Brandon Jovanovic. Wie schon bei seinem Hermann in Salzburg gefielen auch hier wieder sein heldisch timbrierter Tenor und der gesangliche und auch darstellerische Einsatz. Allerdings geriet der eine oder andere Spitzenton etwas eng. Ob es allerdings seiner Stimme gut tut, wenn er diese Rolle oft singt, steht auf einem anderen Blatt. Die zweite weibliche Hauptrolle, die Cassandre, wurde statt der erkrankten Anna Caterina Antonacci vom Ensemblemitglied Monica Bohinec gesungen. Natürlich gab es sofort Naserümpfen bei den typischen Wiener Nörglern, verbunden mit dem Vorwurf an die Direktion, keinen anderen Ersatz zu haben. Dazu ist zu sagen, dass mir spontan außer Marie-Nicole Lemieux keine andere Sängerin der 1. Garnitur einfällt, die diese Rolle singt und sich außerdem keine solche Sängerin sechs Wochen als Cover nach Wien setzt, um dann womöglich doch nicht zum Zug zu kommen. Im übrigen machte Monica Bohinec ihre Sache gut. Nach etwas vorsichtigem Beginn gestaltete sie die Rolle sowohl darstellerisch als auch stimmlich zufriedenstellend, auch wenn sich gegen Ende gewisse Ermüdungserscheinungen bemerkbar machten. Adam Plachetka blieb als Chorèbe leider stimmlich und darstellerisch etwas blass, während Szilivia Vörös als Anna mit einem gut geführten Mezzo aufhorchen ließ. Jongmin Park ließ als Narbal seinen Bass sehr schön fließen und Rachel Frenkel sang und spielte berührend den Ascagne. Nicht glücklich wurde man mit Paolo Fanale als Iopas. Seine Arie klang uneben und die Höhen waren gepresst. Warum diese Rolle nicht mit Benjamin Bruns besetzt wurde, der das Lied des Hylas am Beginn des fünften Aktes sehr schön sang, bleibt eine offene Frage. Allen übrigen Solisten sei ein Pauschallob ausgesprochen. Ausgezeichnet der in diesem Werk ziemlich geforderte Chor, bestehend aus dem Staatsopernchor samt Chorakademie (Einstudierung: Thomas Lang) und dem Slowakischen Philharmonischen Chor (Einstudierung: Jozef Chabron). Gleiches gilt für das aus dem Wiener Staatsballet, Mitgliedern der Ballettakademie und dem Europsballett St. Pölten bestehende Ballett (Einstudierung: Gemma Payne).

Am Pult des Staatsopernorchesters stand mit Alain Altinoglu ein Garant für die Aufführung französischer Werke. Das Orchester war tadellos einstudiert und bot in allen Phasen der Aufführung eine ausgezeichnete Leistung. Am Ende gab es viel Jubel für die Mitwirkenden, in erster Linie natürlich für Joyce DiDonato, in den auch das Regieteam einbezogen wurden (Premiere Staatsoper am 14.10.2018).  Heinrich Schramm-Schiessl/ Mit freundlicher Genehmigung des Online-Merker 

 

 

Und dann noch: Wagners Lohengrin am 7. 11. 2018. Ich hätte Andreas Schager einen besseren Rahmen für seinen ersten Lohengrin (Andreas Homoki/ Wolfgang Gussmann) gewünscht, als unsere „Zenzi von der Alm“-Inszenierung. Nun, über das sich Inszenierung nennende Machwerk ist schon (zu) viel geschrieben worden, sodass sich eine weitere Erörterung erübrigt. Andreas Schager gilt derzeit weltweit als der Wagner-Sänger unserer Tage, nur in Wien – und es hätte mich gewundert, wäre es anders gewesen – finden einige (wenige) ein Haar in der Suppe. Er sei zu laut, war mancherorts zu hören, aber das liegt wohl in erster Linie daran, dass man keinen Wagner-Tenor mit großer, strahlender und durchschlagskräftiger Stimme mehr gewohnt ist. Ohne die Leistungen der Wagner-Interpreten der letzten Jahrzehnte schmälern zu wollen, kann man durchaus sagen, dass es mit ihm wieder – man möge mir die vielleicht etwas antiquierte Bezeichnung verzeihen – einen echten Heldentenor gibt.

Andreas Schager stand dann natürlich auch im Mittelpunkt der Aufführung und erfüllte voll die in ihn gesetzten Erwartungen. Dort wo Wagner es vorschrieb, schöpfte er aus dem Vollen, aber auch die lyrischen Passagen gelangen sehr schön. Seine strahlende Höhe wird effektvoll eingesetzt und im Finale des 2. Aufzuges kommt er wunderbar über den Chor und das restliche Ensemble. In der Brautgemachszene ist er im Zwiegespräch mit Elsa zunächst ungemein gefühlvoll und zärtlich, um dann beim „Höchsten Vertrauen“ auf warnende Strenge umzuwechseln. Er krönt seine Leistung mit einer wunderbar aufgebauten Gralserzählung und einem sehr ergreifend gestalteten Abschied.

Um ihn  herum sah es an diesem Abend allerdings nicht sehr erfreulich aus. Am ehesten konnte man noch mit Petra Lang als Ortrud zufrieden sein, solange sie in den weniger dramatischen Passagen ihren Mezzo strömen lassen konnte. Bei den „Entweihten Göttern“  und vor allen Dingen dann im 3. Aufzug kam sie weit über ihre Grenzen – die Passage hätte keine Sekunde länger dauern dürfen. Elza van den Heever mag in mittleren Häusern durchaus eine passable Elsa sein, unser Haus ist ihr zumindest um eine Nummer zu groß. Die Stimme klingt eher dünn, sodass sie ständig forcieren muss. Außerdem ist stellenweise ein Tremolo nicht zu überhören. Kwangchul Youn (König Heinrich) hat seine besten Tage bereits hinter sich. Die Stimme klingt hohl und auch bei ihm ist ein Tremolo zu bemerken. Die schwächste Leistung des Abends bot Evgeny Nikitin als Telramund. Er schien mit der Rolle völlig überfordert und war stellenweise kaum zu hören. Die Höhen klangen dünn und angestrengt. Clemens Unterreiner fiel als Heerrufer weder negativ noch positiv auf. Warum ich über die Darstellung nichts geschrieben habe, liegt daran, dass diese Nicht-Inszenierung den Sängern so viele Blödheiten abverlangt, dass eine sinnvolle Rollengestaltung nicht möglich erscheint.

Ein großes Manko des Abends war leider auch das Orchester. Simone Young am Pult bestätigte den Eindruck bei Wagner, den man schon vor einigen Jahren bei den Meistersingern von ihr gewonnen hatte. Es fehlte der große Bogen und über weite Strecken war der Orchesterklang undifferenziert und laut. Die Koordination mit der Bühne klappte nicht wirklich, was sich offenbar auch auf den Chor auswirkte, der zahlreiche wackelige Einsätze zu verzeichnen hatte. Am Ende viel verdienter Jubel für Andreas Schager und, zwar etwas gedämpfter, nicht ganz verständlicher für die Damen Young und van den Heever. Heinrich Schramm-Schiessl/ Mit freundlicher Genehmugung des Online-Merker