30. Musikfest Bremen

 

Das Musikfest Bremen feierte in diesem Jahr sein 30jähriges Bestehen. Den traditionellen Musikfestpreis empfing der Dirigent Teodor Currentzis, der seit 2015 Gast des Festivals ist und besonders durch seine lebendigen Wiedergaben populärer Opern immer wieder für Aufsehen sorgt. Currentzis und Mozart – das ist ein Dauerthema, ob in Salzburg, wo er 2017 den Tito und in diesem Sommer den Idomeneo dirigierte, oder danach im Wiener Konzerthaus, wo er mit dem Figaro das Eröffnungskonzert der neuen Saison leitete, und nun in der Bremer Glocke, wo er am 3. 9. 2019 mit der Opera buffa Così fan tutte für einen umjubelten Höhepunkt des an Ereignissen wahrlich nicht armen Musikfestes sorgte. Zwar werden diese Opernaufführungen in Bremen stets als konzertant ausgewiesen, doch tragen sie im Grunde einen halbszenischen Charakter. Bei dieser Così zeichnete Nina Vorobyova für die szenische Einrichtung verantwortlich; Svetlana Grischenkova entwarf die voraussehbaren Kostüme, und alle Sänger sangen gestisch und mimisch so beredt, dass man eine Inszenierung in keinem Moment vermisste. Auch Currentzis, ohnehin ein tanzender Kobold auf seinem Podest, erwies sich als Mitspieler, verließ dieses mehrmals, um noch direkter mit den Sängern zu kommunizieren, und artikulierte sogar stumm den kompletten Text mit.

Es war insgesamt eine äußerst vitale, spannende und vielfach überraschende Deutung von Mozarts Meisterwerk. Und sie war fast komplett – nur Ferrandos Arie „Ah, lo veggio“ wurde gestrichen. Schon in der Ouverture donnert es gewaltig, das Presto huscht und flattert; immer wieder wird man fast erschreckt durch die harschen Akkorde der Blechbläser und des Schlagwerks. Zuweilen geriet die Aufführung gar in Gefahr, ins Polternd-Lärmende abzugleiten. Aber der Dirigent wusste auch filigrane Klangteppiche auszubreiten, vor allem für die beiden Schwestern in ihren Duetten oder das sublime Abschiedsterzettino „Soave sia il vento“. Im Kontrast dazu schlug er halsbrecherische Tempi an, wie im 1. Finale, wo die verordneten Küsse für Verwirrung sorgen. Aber alle Interpreten zeigten sich dieser Herausforderung als souverän gewachsen und überraschten zudem immer wieder mit originellen Verzierungen.

Ein erlesenes Ensemble war aufgeboten – mit Ausnahme des Bassbaritons Konstantin Wolff als Don Alfonso. Er hatte auch in Currentzis’ Einspielung der Oper aus Perm von 2013 diese Partie gesungen, aber inzwischen klingt die Stimme verquollen und belegt. Eine andere Mitwirkende der Aufnahme, die Französin Anna Kasyan als Despina, war auch in der Glocke zu erleben – ein überdrehtes Temperamentsbündel, quasi der Bartoli eine Schwester im Geiste. Munter und quietschvergnügt singt sie, mit vielen lautmalerischen Effekten, immer knapp an der Überzeichnung vorbei. Als Medico erscheint sie bebrillt im weißen Arztkittel mit zwei Krankenhelfern, verstellt die Stimme bis zur Unkenntlichkeit, als Notaio im schwarzen Talar krächzt sie noch verstümmelter. Aber ihre beiden Arien leben von Koketterie und jauchzendem Übermut.

Musikfest Bremen 2019: „Cosi fan tutte“/ Szene/ Foto Kay Michalak

Die vokale Überraschung des Abends bietet Nadezhda Pavlova als Fiordiligi mit delikatesten Soprantönen. Die jugendlich-schlanke Stimme verfügt gleichwohl über genügend Substanz in der Tiefe und resoluten Nachdruck, bewältigt die heiklen Sprünge souverän und singt „Come scoglio“ mit dramatischem Furor. Bravourös bewältigt sie auch das Rondò, betört in„Frau gli amplessi“ sowie im Finale des 2. Aktes. Harmonisch mischt sich der Sopran mit dem hohen Mezzo von Paula Murrihy als Dorabella. Die Irin hinterlässt hier einen weitaus positiveren Eindruck als bei ihrem Idamante in Salzburg. Das „Smanie implacabili“ gerät in der dramatischen Vehemenz vielleicht ein wenig forciert mit dem Ergebnis eines herben Vibratos im forte, das „È amore un ladroncello“ aber sublim und charmant. Mit sinnlichem Reiz entfaltet sich die Stimme im Duett mit Konstantin Suchkov als Guglielmo. Der Russe mit virilem Bariton von enormer Kraft und reicher Fülle ist ein weiterer Trumpf der Besetzung. Das furiose „Donne mie“ gleicht einem Vulkanausbruch und seine Szenen mit Ferrando in grotesker Verkleidung und bizarren Perücken sorgen immer wieder für Heiterkeit im Saal. Der Chinese Mingjie Lei lässt einen kultivierten, handfesten Tenor hören, nicht verhaucht oder verzärtelt, aber mit feiner Linie und schwärmerisch, während das „Tradito“ mit gebührender Verzweiflung ausgestattet wird. Am Ende, wenn der vermeintliche Betrug aufgedeckt wird, sorgt Currentzis noch einmal für turbulenten Wirbel und lässt das Orchester MusicAeterna gehörig donnern. Aber es wird ja auch von „ den Stürmen in der Welt“ (del mondo in mezzo ai turbini) gesungen.

 

Stets bietet das Musikfest auch eine Fülle von Konzerten an reizvollen Aufführungsorten – so am 4. 9. 2019 im Schloss Jever das Programm Katharinas Hofmusik II. Bereits der erste Abend im Vorjahr erinnerte daran, dass die Stadt im Norden, die heute jeder durch das gleichnamige Bier (friesisch-herb) kennt, zwischen 1793 bis 96 von der russischen Zarin Katharina II. regiert wurde. Sie hatte dann auch hohen Anteil am Aufschwung des Opern- und Konzertwesens – in Russland und in Jever. Im prachtvollen Holz getäfelten Saal mit Kassettendecke, geprägter ornamentierter Ledertapete und prunkvollem Spiegel erinnert ein stattliches Gemälde mit Katharinas Bildnis noch heute an die einstige Monarchin.

Das italienische Ensemble Zefiro unter seinem Leiter Alfredo Bernadini stellte Kammermusik-Kompositionen der Epoche vor, die aus dem Umkreis von Johann Friedrich Fasch und dessen Zeitgenossen stammten. Die fünfköpfige Formation aus drei Bläsern und dem Basso continuo hatte beim ersten Stück, Johann David Heinichens Sonata in B-Dur für 2 Oboen, Fagott und B.c., noch Schwierigkeiten, zu einem ausgewogenen Zusammenspiel zu finden. Besser gelang die folgende Sonata c-Moll für 2 Oboen du B.c. von Telemann – eine Komposition in typisch französischem Stil, also elegant, rhythmisch und tänzerisch beschwingt. Von typisch italienischem Charakter war dagegen Johann Joachim Quantz’ Sonata g-Moll für 2 Oboen und B.c. mit vier Sätzen, die zwischen getragenen, eilenden, kantablen und geschwinden Tempi wechseln. Vor der Pause ein eher seltener zu hörender Meister – Antonio Lotti, den August der Starke von Venedig nach Dresden geholt hatte. Das Stück mit dem Titel Eco für 2 Oboen, Fagott und B.c. ist von besonderem Reiz, weil die zweite Oboe der ersten aus dem Off antwortet und deren Motive als Echo wiederholt.

Vier Sätze von wechselnder Stimmung bietet Johann Friedrich Faschs Quadro B-Dur, die nachfolgende Sonate von Gottfried Heinrich Stölzel in c-Moll für 2 Oboen und B.c. ist dagegen dreisätzig und von vorwiegend ernstem Charakter. Ein virtuoses Wettspiel der beiden Oboen bestimmte Jan Dismas Zelenkas Sonata g-Moll zum Schluss des begeistert aufgenommenen Abends. Bernd Hoppe