Unterschiede und Gemeinsamkeiten

 

Eines haben Leonard Bernstein und Herbert von Karajan gemeinsam: Sie leben in unzähligen bewegten Bildern fort. Ihr andauernder Ruhm beruht nicht zuletzt auf dem Filmmaterial. Als würde es nicht ausgereicht haben, sich auf Platte und CD zu verewigen. Während bei Bernstein dieser Teil seines Erbes ehr spontan wirkt, scheint bei Karajan alles kalkuliert. In zwei neue Major-Dokumentationen auf DVD werden diese Unterschiede mehr als deutlich. Es macht Sinn, sie sich hintereinander anzuschauen – in beliebiger Reihenfolge: Leonard Bernstein – Larger than life (735908) und Herbert von Karajan – Maestro for Screen (737704).

Karajan DVD bei majorSelbst die Titel können uneinheitlicher nicht sein. Mit Georg Wübbolt haben beide Filme denselben Regisseur. Der hat bereits viele Musikfilme gedreht und produziert, gilt als aufgewiesener Experte auf diesem Gebiet. Wübbolt hält sich an das Material, die Fakten und die Zeitzeugen. Er bietet an, immer um Sachlichkeit, Gerechtigkeit und Ausgleich bemüht. Dass Bernstein dabei menschlich besser weg kommt als Karajan, dafür kann der Filmemacher nichts. Auf Anhieb fällt es gar nicht mal auf, dass ein und derselbe Regisseur am Werk ist. Jeder Film für sich ist höchst individuell, so individuell wie sich die Hauptdarsteller von einander absetzen. Dennoch gibt es Berührungspunkte zwischen beiden Dirigenten zuhauf. Sie prägten das internationale musikalische Leben in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Echte Weltbürger waren sie, die in der Musik das verbindende kulturelle Element suchten und fanden. Ständig reisten sie umher, nicht zuletzt auch in eigener Sache, Karajan sogar im eigenen Flugzeug. Sie suchten und genossen den Ruhm. Während Bernstein am Ende seines Lebens dahingehend zitiert wird, dass er den „Leonard Bernstein so was von statt“ habe, wünschte sich Karajan ein zweites Leben und drohte damit, eines Tages in einem neuen Körper wiederzukommen. Beide waren zu einer Art Industrie geworden. Im Falle von Karajan ist oft von sehr viel Geld die Rede. Ungeniert werden Rechnungen aufgemacht und die Verflechtungen seiner Philharmoniker mit der Berliner Politik und der Industrie sogar graphisch dargestellt. Beider Aufnahmen sind Legende. Bernstein und Karajan sind noch immer so bekannt wie Kennedy oder die Beatles.

Bernstein DVD bei majorIm Fernsehen sahen sie frühzeitig eine faszinierende Möglichkeit, Musik zu den Menschen zu bringen. Zunächst gab sich Karajan skeptisch. Zum Umdenken soll das Gastspiel 1957 in Tokio gebracht haben, von dem es Ausschnitte aus dem Vorspiels der Meistersinger gibt. Die zwölf Konzerte wurden im Fernsehen übertragen. Es sei ihm von den Gastgebern vorgerechnet wurde, dass allein ein Konzert achtzehn bis zwanzig Millionen Zuschauer habe – nichts gegen die paar tausend in einem Konzertsaal. Karajan war fasziniert. Für Bernstein, der etwas früher ins Fernsehen einstieg, war es wichtig, mit Hilfe des neuen Mediums Musik erklärend auch jenen Menschen darzubieten, die bisher wenig oder keine Möglichkeiten dazu hatten. Er war ein Missionar. Noch heute können sich Amerikaner mit leuchtenden Augen an seine Lektionen auf dem Bildschirm erinnern, in denen er in einer Mischung aus Theorie und praktischer Ausführung locker und unkonventionell hantierte. Kinder waren sein bevorzugtes Publikum. Die berühmten Young People’s Concerts, die es inzwischen sogar auf DVD gebracht haben, sind noch heute sehenswert und lehrreich. Bernstein am Pult, am Flügel, singend und tanzend. Rabbi bedeutet Lehrer, und das war tief in ihm verankert, sagt jemand im Film. Dazu Bernstein: „Wenn ich lehre, lerne ich, und wenn ich lerne, lehre ich.“

Karajan war von dem Gedanken fasziniert, zur Musik die passenden Bilder zu finden und umgekehrt. Es sollte gezeigt werden, wie das Orchester unter seine Leitung Partituren zum Klingen bringt. „Alle Kameras auf mich!“ Sein berühmter Ausspruch zieht sich durch den Film. Er ging bei dem französischen Regisseur Henri Clouzot (Lohn der Angst) in die Schule. Nichts sollte mehr dem Zufall überlassen bleiben. Mehrere gemeinsame Produktionen entstanden. Mit dem Requiem von Verdi aus der Mailänder Scala war dann Schluss. Zum Finanzier avancierte Medienunternehmer Leo Kirch. Der gab das Geld, Karajan die Kunst. Die Firma Cosmotel wurde gegründet. Völlig zu recht wird in der Dokumentation der Zusammenarbeit mit Hugo Niebeling, der auch selbst zu Wort kommt, breiter Raum geschenkt – mit vielen Ausschnitten aus der Produktion von Beethovens Pastorale, die 1967 entstand. Dabei sind völlig neuen Kamera-, Schnitt- und Beleuchtungstechniken erprobt worden. Der Publizist Roger Willemsen sprach von einer nie wieder erreichten „Vervollkommnung der Umsetzung von Musik ins Bild“. Das sei aber nicht Karajans, sondern Niebelings Verdienst gewesen, hieß es in einer Kritik. Karajan war offenbar nicht amüsiert. Beider Wege trennten sich wieder. 1982 sollte der Dirigent schließlich mit seiner eigenen Firma Telemondial, frei von Kirch und den TV-Sendern, einen neuen Anlauf starten.

In die Erinnerungen an Bernstein mischen sich keine Misstöne wie bei Karajan. Er wird als Musikgenie und Universalmensch gefeiert, der ganze große Teile von Goethes Faust und der Bibel auswendig konnte. Er reiste mit Koffern voller Bücher, umarmte und küsste Gott und die Welt. Er rauchte wie ein Schlot und liebte den Whisky, während Karajan nur einmal ganz kurz mit einer Zigarette in der Hand zu sehen ist. Was bei dem einen nach außen geht, zieht sich beim anderen nach innen. Karajan erscheint im Gedächtnis von Zeitgenossen und Mitarbeitern zwar charismatisch und wie von einer Aura umgeben. Er sei aber unangenehm, eitel und machthungrig gewesen. Ist das nun alles so wichtig? Hört man charakterliche Stärken oder Schwächen aus den Aufnahmen und Konzerten heraus? Nein. Beide Dirigenten waren auf ihre Weise vom Gedanken an Vollendung, an das Nonplusultra der Interpretation besessen. Wie Karajan gibt sich auch sein amerikanischer Kollege – wenn es denn zum künstlerischen Schwur kommt – streng und kompromisslos. Zu den stärkten Szenen im Bernstein-Film gehören denn auch die Proben einer Mahler-Sinfonie mit den Wiener Philharmonikern. Denen steht der Widerwille gegen diese Musik ins Gesicht geschrieben. Bernstein kämpft wortreich dagegen an, lässt immer wieder von vorn beginnen: „Die Noten können sie spielen, das weiß ich, es ist Mahler, das fehlt.“ Ein Musiker will gehört haben, wie ein anderer zischelte: „Scheißmusik.“ Und das in Wien. Ja, so war das wohl.  Rüdiger Winter