Späte Reste

Ob Her Royal Highness Princess Diana das Opernkonzert mit dem gewichtigen Mittelpunkt Luciano Pavarotti im Jahr 1995 gefallen hat, ist schwer zu erschließen. Zu Beginn jedenfalls nimmt sie mit dem von ihr aus den letzten Jahren der Ehe bekannten wehmutsvollen Blick Platz in der Ehrenloge, ehe sich die Kamera ganz den Sängern und dem Orchester widmet. Auch ob der 8. Mai 1995, also der Tag exakt 50 Jahre nach Kriegsende, zufällig für die Verdi-Gala gewählt wurde, ist kaum noch feststellbar. Immerhin fällt auf, dass die damaligen Alliierten Frankreich und Sowjetunion im Programm berücksichtigt wurden, jedoch kein deutscher Komponist vertreten ist, allerdings fast ausschließlich Italiener, was wiederum damit zusammen hängen kann, dass für Luciano Pavarotti das „Plus“, das hinter seinem Namen steht, nun einmal aus vorwiegend italienischen Sängern besteht, nur ein Brite, zwei Amerikanerinnen  und eine Französin, aber auch ein Spanier tauchen in der Liste der Mitwirkenden auf. Lobenswert ist immerhin, dass nicht nur Highlights und damit allzu bekannte Arien und Duette auf dem Programm standen, sondern auch weniger Geläufiges wie das Duett Ophélie-Hamlet aus Thomas‘ Shakespeare-Oper,  das letzte Duett Tenor- Bariton aus der Forza oder der Schluss von Eugen Onegin.

Kleiner als in den letzten Karrierejahren von ihm gewohnt ist Il fazoletto, das allgemein bekannte Wahrzeichen des Stars, im Duett aus Otello, in dem Desdemona dringlich nach einem solchen befragt wird, verschwindet es erst einmal ganz, um nicht Trugschlüsse auf eine besondere Perfidie des eifersüchtigen Gatten aufkommen zu lassen. Ganz Luciano Pavarotti ist der Tenor aus Modena, sehr viel weniger Cavaradossi,  Alvaro, Rodolfo, Manrico, Alfredo, Macduff,  Oronte oder Des Grieux, denn die Stimme ist immer herrlich, aber immer gleich hell, agogikarm eingesetzt und in den Piani schlecht gestützt erscheinend. Es ist also eher die Freude am stupenden Material als die an der Gestaltung von Charakteren, die im Vordergrund des Genusses steht.

Neben Pavarotti gibt es mit Giuseppe Sabbatini einen zweiten Tenor, der als Nemorino, im Schluss des 3. Akts von La Bohéme und im Liebesduett aus Rigoletto eingesetzt wird, allerdings vom Timbre her besser noch ins französische Fach, so den Schluss von Faust, passt. Das Baritonfach ist mit Leo Nucci und Dwayne Croft vertreten. Der Italiener ist vor zwanzig Jahren hörbar noch besser bei Donizetti aufgehoben als bei Verdi, wo er die Stimme künstlich abdunkelt, während sie beim Belcore frei strömt. Der Engländer ist ein leidenschaftlicher Onegin, dem die Kamera allzu aufdringlich nahe rückt, zeigt auch als Silvio viel Temperament und eine durchaus dem italienischen wie dem französischen Repertoire (Hamlet) gewachsene Stimme. Wenig zu tun hat Francesco Ellero D’Artegna als Gounod-Mephisto und Pagano, jeweils im Schlussterzett.

Von den vier aufgebotenen Sopranen hat Leah-Marian Jones als Giovanna in Rigoletto wenig zu tun. Zauberhaft ist Natalie Dessay als Ophélie, auch als Gilda hat sie ihre Meriten. Nuccia Focile ist rollendeckend eingesetzt als Musetta, Violetta, aber überfordert als Tatjana. Kallen Esperian, einst Gewinnerin des Pavarotti-Wettbewerbs und mit dem Tenor als Mimì durch die Lande reisend, ist auch eine gute Nedda, lässt sich nicht, wie es Dolora Zajick  als Amneris und Azucena tut, zu veristischem Singen verleiten und kann als Desdemona, eine ihrer Erfolgspartien, bestehen. Und was singen alle am Schluss? Natürlich das Brindisi aus La Traviata; da kein Chor involviert ist, bleibt dem Zuhörer „Va pensiero“ und gar ein Bis desselben erspart. Leone Magiera zeigt sich mit dem Royal Philharmonic Orchestra auch in der riesigen Royal Albert Hall als der Sängerversteher, als den man ihn schätzt (DECCA 074 3864). Ingrid Wanja