Orfeo gleich dreifach

 

Der Countertenor Philippe Jaroussky ist außerordentlich tüchtig. Kaum ist eine Aufnahme auf dem Markt, folgt schon die nächste. Es wird nicht einfacher, die Übersicht zu behalten. Die Neuerscheinungen wollen nicht nur gekauft, sondern auch gehört werden. Sie sind nichts für nebenbei. Von Jaroussky sind nämlich keine Aufnahmen zu erwarten, bei denen eine Arie an die andere geklemmt ist. Er bietet meistens ein Programm. Gut durchdacht und thematisch zusammengestellt. So eine CD ist auch „La storia di Orfeo“, die jetzt bei Erato herausgekommen ist (0190295851903). Sie enthält Szenen aus drei der bedeutendsten Opern, die sich der Geschichte des Sängers aus der griechischen Mythologie angenommen haben: L’Orfeo von Claudio Monteverdi und Antonio Sartorio sowie Orfeo von Luigi Rossi. Gemeinsam ist ihnen auch die Entstehungszeit im siebzehnten Jahrhundert. Jaroussky hätte zig CDs mit Ausschnitten aus thematisch einschlägigen Werken produzieren können. Allein bis 1798 sind mindesten fünfzig Opern nachweisbar. Der Stoff hat auch in den folgenden Jahrhundert Komponisten nicht losgelassen bis hin zu Ernst Krenek (1926), Philip Glass (1993) und Ricky Ian Gordon (2005). Ende offen.

Auf der Basis der drei Werke hat Jaroussky „eine Art Mini-Oper zusammengestellt“, wie er im Booklet schreibt. Es handele sich um „eine Kantate für zwei Stimmen und Chor, in deren Zentrum sich wieder nur die beiden Protagonisten, Orpheus und Eurydike befinden“. Jede Oper vertiefe mehr oder weniger einen Aspekt der Geschichte. Sartorio und Rossi würden dem Glück des verliebten jungen Paares Raum geben, ebenso der Szene mit dem Schlangenbiss, der Eurydike den Tod bringt. Monteverdi konzentriere sich auf die Suche nach Eurydike in der Unterwelt, die in einer Arie gipfele, dem zauberhaften „Possente spirito“. Der Sänger nennt diese Arie einzigartig „in der Geschichte der Oper“ und greift damit die gängige Expertenmeinung auf. Orfeo beschwört darin den sagenhaften Fährmann Charon, ihn, den Toten gleich, in die Unterwelt zu geleiteten, wo er Eurydike wiederfinden muss. Denn er sei ja selbst tot, habe kein Herz mehr, nachdem ihm die geliebte Gattin gestorben sei. Jaroussky gibt sich demütig mit der Feststellung, dass er die Arie „hier mit Countertenor-Stimme zum ersten Mal auf CD zu singen wage“. Ist es geglückt? Ja. In Anbetracht die vielen Aufnahmen, die Jaroussky im Laufe seiner Karriere vorgelegt hat, fällt eine Bewertung zwar nicht leicht. Ich scheue mich aber nicht, von einer seiner besten Leistungen zu sprechen. Gesanglich und interpretatorisch. Viel mehr geht nicht für den Moment. Sein Orfeo scheint wirklich nicht mehr von dieser Welt. Daran hat das begleitende Schweizer Kammerorchester, die Barocchisti, mit seinem dunklen Klangen erheblichen Anteil. Es ist auf Barockmusik und historische Aufführungspraxis spezialisiert und wird von Diego Fasolis geleitet. Große Aufgaben sind dem Chor übertragen worden. Sie werden vom Coro della Radiotelevisione aus der italienischen Schweiz mit Delikatesse erfüllt.

Partnerin von Jaroussky ist die ungarischen Sopranistin Emöke Baráth. 1985 geboren, begann sie ihre Ausbildung an der Franz-Liszt-Musikakademie in Budapest, die sie später am Luigi-Cherubini-Konservatorium in Florenz fortsetzte. Mehrfach preisgekrönt, widmet sie sich vornehmlich Barockopern und Oratorien dieser Zeit. Auch mit Liederabenden tritt sie hervor und legte bereits etliche Einspielungen vor. Beide singen Duette, die Sopranistin ist aber auch einzeln zu hören mit der berührenden zweigeteilten Szene „Orfeo tu dormi / Se desti pieta“ aus der Oper von Sartorio. Es hätte auch mehr sein dürfen mit ihr. Platz dafür wäre auf der mit nur vierundsechzig Minuten zaghaft gefüllten CD gewesen.

 

Das künstlerische Pensum Jarousskys auf Bühnen, Konzertpodien und in Studios lässt sich nicht nur an Hand von CD- und DVD-Produktionen verfolgen. In Zeiten des Internets ist sein Publikum am Bildschirm, auf Tablets und Handys quasi immer mit dabei – wenn es denn nicht selbst live anwesend ist. So nahe war Publikum nie bei den Künstlern. Jaroussky scheint das zu genießen. Er kennt es nicht anders, ist einnehmend und offen, geht auf Menschen zu und sucht Nähe. Wer ihn bei Diskussionen oder den Autogrammstunden, die sich an fast jedes seiner Konzert anschließen, vor sich hatte, dürfte gespürt haben, wie wichtig ihm diese Kontakte sind. Da ist nichts gespielt. Auf seiner neuesten DVD mit Sacred Cantatas von Bach und Telemann, die bei EuroArts herausgekommen ist, lässt er sich auch bei der Arbeit zuschauen (2061578). Das Programm selbst beruht auf einem Auftritt 2016 in der Alten Oper in Frankfurt. Obwohl er gut Deutsch spricht, will jedes Wort nicht nur sprachlich, sondern auch inhaltlich erfasst sein. In der Kantate Der am Ölberg zagende Jesus heißt es im Rezitativ vor der abschließenden Arie: „Allein, die Angst nahm jeden Nu / mit Haufen zu, / bis er zuletzt gar mit dem Tode rang, / und durch der Marter heiße Glut / das klare Blut aus dem hochteuren Leibe drang.“ Das ist ein Brocken! Um den in die altertümliche Sprache gekleideten Sinn zu verstehen, muss selbst ein Muttersprachler gründlich nachdenken. Jaroussky gibt sich dieser Mühe hin und hat sichtbar kein Problem damit, dabei auch noch die Kameras zuzulassen. Das ist Teil seiner Wirkung. Und wenn es denn auch ein bisschen Marketing sein sollte, dann soll es so ein. Gut ist es so oder so.

Mit dieser Neuerscheinung werden die Bemühungen des Countertenors ersichtlich, sich mit Kantaten ein neues Betätigungsfeld zu erschließen. In einem Interview mit „Zeit Online“ sagte er: „In der geistlichen Musik von Bach, Purcell oder Dowland gibt es so viele interessante Partien für Countertenöre. Da geht es nicht um Virtuosität, sondern darum, eine Dichtung zu interpretieren.“ Seine Vielseitigkeit scheint auf dieser Neugierde zu beruhen. Obwohl er sehr oft in Deutschland aufgetreten ist, hatte er als Sänger in der Vergangenheit um diese Sprache bei seinen Aufnahmen einen Bogen gemacht. Aus gutem Grund. Wir Deutschen lieben natürlich den französischen Akzent, von dem eine ganze Unterhaltungsindustrie mit Liedern, Schlagern und Filmen gelebt hat. Als Klischee ist das zu einer Vorstellung von Frankreich geworden, die die Realitäten ausblendet. In der Wirklichkeit hat ein nicht-deutschsprachiger Sänger schwer damit zu kämpfen, seine Aussprache davon zu befreien. Jaroussky gelingt das inzwischen besser. Ein Rest aber bleibt – hoffentlich. Die vielen Fans lieben ihn auch deshalb.

Sein erstes deutsch gesungenes Programm hatte er Ende 2015 vor Publikum in Berlin ausprobiert und danach bei Erato auf CD herausgebracht (08256 46491599). Jaroussky war im selben Jahr im Konzerthaus am Gendarmenmarkt Artist in Residence, anschließend in Hamburg. Er liebt Berlin, wie er in Interviews immer wieder bekundet. Ihm nimmt man das ab. Berlin sei so ganz anders als andere Städte in Deutschland, so der Weitgereiste in einem ihm gewidmeten Beitrag im betreffenden Saisonheft des Konzerthauses. „Es ist die perfekte Stadt für Kunst und Künstler. Nicht zu teuer, frei und wenig reglementiert. Kunst ist hier lebendig.“ Inzwischen sind Auftritte in Berlin so etwas wie Heimspiele. Nach dem Konzert war Jaroussky sofort nach Freiburg geeilt, um mit dem dort ansässigen hoch ambitionierten Barockorchester, das ihn auch in Berlin begleitete, die Aufnahme zu produzieren. Das Konzert fand am 10. Dezember statt, zwei Tage später begann die Arbeit im Studio, die am 19. abgeschlossen wurde. Live-Atmosphäre lag noch in der Luft. Wieder begann Jaroussky mit Bachs Kantate Vergnügte Ruh, beliebte Seelenlust. Er hatte weitestgehend hinter sich gelassen, was vor Publikum nicht ganz optimal ausgefallen war. Die Stimme klang nicht mehr so unstet, tiefe Töne hatten einen besseren Sitz, Verblendungen gelangen perfekter. Bei Telemann sind opernhafte Züge mit schwungvollen musikalischen Einschüben allgegenwärtig. Jaroussky betonte sie ausdrücklich, denn sie kommen ihm entgegen. Dieser Eindruck vermittelte sich auch bei der Passionskantate Jesus liegt in letzten Zügen, die ebenfalls von Telemann stammt. In diesem Werk gibt es mit der Arie „Mein liebster Heiland“ einen Höhepunkt, dem Jaroussky in der Bach-Kantate Ich habe genug noch einen hinzu gibt. Mit der Arie „Schlummert ein, ihr matten Augen“ lässt er vieles vergessen, was an kritischen Einwänden vorzubringen ist.

Noch Fragen? Philippe Jaroussky, hier bei einem Gespräch mit dem Schauspieler Thomas Wittman, sucht den Kontakt mit dem, Publikum. Foto: Winter

Diese Bach-Kantate findet sich auch auf einer DVD, die dem CD-Album beiliegt und es etwas teurer macht. Mit dieser Kopplung setzt sich dieser Erato-Titel von anderen Produkten mit ähnlichen Programmen zusätzlich ab. Jaroussky drückt Bach und Telemann ohnehin schon seinen eigenen Stempel auf. Nicht aus Eitelkeit, sondern nach Maßgabe seiner individuellen stimmlichen Möglichkeiten, die bei jeder Musik, die er singt, als unverwechselbares Markenzeichen durchschlagen. Er ist immer auf Anhieb zu erkennen. Zunächst waren Zweifel angebracht, ob deutsche Komponisten für ihn eine weitere Option für die Zukunft sind. Mit der allerneuesten Euro-Arts-DVD, bei der wiederum das Freiburger Barockorchester begleitet, nehmen solche Bedenken, denen auch ich mich angeschlossen hatte, ab. Sein Programm ist dasselbe geblieben. Das ist purer Luxus für den Markt – und die Anhängerschaft des Sängers. Allerdings kling die CD technisch besser als die Übernahme des Frankfurter Konzerts auf DVD. Vergleiche mit der Studioproduktion aus Freiburg bieten sich als an. Sie fallen letztlich zu seinen Gunsten aus. Rüdiger Winter (Foto oben: Philippe Jarrousky/Foto Marc Ribes/Warner)