Immer noch prachtvoll!

 

Einst und jetzt. Wie prachtvoll sich die Stimme noch immer aufbaut, wie endlos der Atem strömt. Wie selbstverständlich der Ausdruck. Dmitri Hvorostovsky tritt mit der aktuellen Delos-Aufnahme (DE 1631) mit sich selbst in Konkurrenz. Als wolle er es noch einmal wissen. Im Herbst 1994 hatte Hvorostovsky in London für Philips einige Lieder von Rachmaninoff und dazu die Liedsammlung Russia Cast Adrift bzw. Aufbrechendes Russland von Georgi Sviridov aufgenommen. Hvorostovsky hätte sich damals alles aussuchen können. Also auch Werke eines im Westen unbekannten Komponisten. 1987 hatte er den Gesangswettbewerb in Toulouse gewonnen, 1989 den Cardiff Singer oft the World Wettbewerb. Dann ging es Schlag auf Schlag. Noch 1989 trat er in Venedig und London auf, es folgten die Debüts 1992 als Onegin in Paris, 1993 als Germont an der Berliner Staatsoper, 1995 an der Met, die so etwas wie seine Stammbühne wurde, an der Wiener Staatsoper sowie bei den Salzburger Festspielen. Ende 2016 musste Hvorostovsky bekanntgeben, dass er aufgrund seiner Gehirntumorbehandlung vorerst von Opernauftritten Abstand nehmen müsse.

Mitte Juli 2016 hatte er in St. Petersburg sich nochmals jene Sammlung vorgenommen, die er vor mehr als zwanzig Jahren aufgenommen hatte. Nun allerdings in einer von Evgeny Stetsyuk besorgten Orchesterfassung, begleitet vom St. Petersburg State Orchestra unter Constantine Orbelian. Hvorostovsky singt als wolle er es sich und allen nochmals beweisen, mit samtenen Flüstertönen, endlosen Melancholie-Bögen, feurig aufbrechender Expressivität, etwa im neunten Lied vom „verhängnisvollen Horn“, dabei im Piano wie im Forte immer kontrolliert, mit magischen Beschwörungsformeln, sanftem Vibrato und plastischer Eindringlichkeit. Aus der Deklamation entfaltet Hvorostovsky gleich zu Beginn enorme Stimmpracht, lässt seine Höhe aufleuchten, führt die Stimme wieder zurück, ohne dass dies manieriert wirken könnte. Im Gegenteil. Jede Phrase erhält Sinn und Gewicht. Da er alles kann, hat sein Singen eine Selbstverständlichkeit und einen plaudernden Ton, der mit geschmeidigem Legato Bilder von Heiligen und Engeln, von Dörfern und Tieren erschafft. Die Aufnahme macht Sinn, weil ihn Lieder und Zyklen Sviridovs, der u.a. bei Schostakowitsch studiert hatte, durchgehend in seinen Konzerten begleiteten und er wesentlich zu der Wertschätzung beigetragen hatte, die Sviridov (1915-98) erst spät fand. Aufbrechendes Russland, 1977 entstanden, ist kein Zyklus im eigentlich Sinne, sondern eine Sammlung von zwölf Gedichten des von Sviridov vielfach vertonten Dichters Sergej Esenin, die zwischen 1914 und 1920 entstanden und als Reflektion auf die gewaltsamsten politischen und sozialen Umwälzungen in Russland die ländlichen Schönheiten, Einsamkeit, christliche Liebe und das goldene Russland preisen. 1995 schrieb Sviridov für Hvorostovsky den Zyklus Petersburg auf Gedichte von Alexander Blok. Als Bonus singt Hvorostovsky das letzte Lied, in dem vielleicht am besten die Eindringlichkeit und der Klangreichtum seines dunklen Baritons zum Ausdruck kommen. Die CD ist mit 36:34 Minuten etwas kurz geraten. Sehr gerne hört man sie ein zweites und ein drittes Mal. Rolf Fath