Souzay macht süchtig

CD Souzay Liederkreis op. 39Gérard Souzay, das ist einer der Sänger, von dem ich nie genug bekommen kann. Er wird mir nicht überdrüssig, er kann süchtig machen. Seine Domäne ist das Lied. Lieder seines Landsmannes Gabriel Fauré wählte er für seinen ersten öffentlichen Auftritt in Paris. Er sang sich durch das gesamte französische Repertoire von Duparc bis Debussy, Poulenc komponierte für ihn. Bei Lotte Lehmann vervollständigte der mehrsprachige Souzay seine Fähigkeiten im Umgang mit dem deutschen Liedgut. Das hat ihm auch in Deutschland einen Namen gemacht. An Dietrich Fischer-Dieskau kam er aber hierzulande nie so richtig vorbei.  Er wurde mit ihm verglichen. Die Rede war vom „deutschen Fischer-Dieskau“. Das trifft es nun wirklich nicht. Was beide verbindet, ist das Repertoire – vor allem Schubert und Schumann. Und die Zeitgenossenschaft. Souzay wurde 1918 geboren, Fischer-Dieskau 1925. Dieskau ist für meinen Geschmack viel apodiktischer. Souzay ist das nicht. Er lässt seinen Interpretationen mehr freien Lauf, vermittelt mehr Natürlichkeit. Gerühmt wurde immer, dass er eine vollkommene Einheit zwischen Wort und Melodie herstellen konnte, die strakt französisch geprägt ist.

CD - Souzay (Dichterliebe) 1Kurz und gut, es macht überhaupt keinen Sinn, beide Sänger miteinander zu vergleichen. Sie haben das weder nötig, weil solche Vergleiche immer auf Kosten einer Seite gehen. Decca hat Souzay in seiner Reihe Most Wanted Recitals nach der Barockplatte im ersten Schub zwei CDs gewidmet. Mit jeweils über neunundsiebzig Minuten wurde deren Spielzeit voll ausgenutzt, mehr geht wirklich nicht. Im Falle dieses Sängers ist das wunderbar, seine Anhänger werden es danken. Beide Titel sind Robert Schumann gewidmet, den ich mit Souzay am liebsten höre, weil er diesen feinen, lyrischen Ansatz hat. Einmal bildet die Stereo-Dichterliebe von 1960 den Titel (480 8180), dann der 1965 ebenfalls in Stereo entstandene Liederkreis op. 39 (480 8181). Auf der zuletzt genannten CD gibt es die  Dichterliebe in einer früheren Mono-Version von 1953 als Bonus, die etwas bemühter und nicht so weich und samtig klingt wie die spätere Aufnahme. Bonus der anderen CD ist der Liederkreis op. 24 nach Gedichten von Heinrich Heine. Ausgefüllt wird mit einzelnen anderen Liedern. Am Klavier sitzt bei den meisten Titeln Dalton Baldwin, mit dem Souzay lebenslang verbunden war, bei der Dichterliebe op. 48 von 1953 begleitet Jaqueline Bonneau.

CD Prey Schwanengesang (Decca)Einen berühmten Liederzyklus, wenngleich erst posthum zusammengestellt, enthält eine weitere CD der Reihe, die in der Hauptsache auf der Überspielung von Langspielplatten beruht: Franz Schuberts Schwanengesang mit Hermann Prey (480 8171), aufgenommen 1963. Prey, Jahrgang 1929, stand damals auf dem Höhepunkt seines künstlerischen Wirkens, die ins Populäre gehende Fernsehkarriere stand erst noch bevor. Die Stimme war Mitte der sechziger Jahre wie aus einem Guss, schwelgerisch, jung klingend, mit einem Schuss Unbekümmertheit, die sich beim späten Prey gern mal in gute Laune wandelte. Aufgefüllt ist diese CD mit Goethe-Liedern von Schubert und drei Titeln von Richard Strauss, und zwar „Ich trage meine Minne“, „Befreit“ und „Bruder Liederlich“. Begleitet wird Prey von Walter Klien, einem österreichischen Pianisten, der auch solistisch sehr erfolgreich wirkte und zahlreiche Platten hinterlassen hat.

Mit einem gemischten Programm, das den Hörern einiges abverlangt, ist Julius Patzak zu hören (480 8169). Er war einer der vielseitigsten Tenöre, nicht nur als Palestrina von Rang sondern auch in der Operette und der so sogenannten leichten Muse unterwegs. Entsprechend ist die Zusammenstellung. Sie beginnt bedeutsam mit der großen Florestan-Szene „Gott, welch Dunkel hier“ aus Fidelio von 1950, begleitet von den Wiener Philharmonikern unter Karl Böhm. Furtwängler hatte Patzak mit der Rolle nach Salzburg geholt. Davon gibt es auch Mitschnitte. In allen diesen Dokumenten ist Patzak gewöhnungsbedürftig, weil viel zu lyrisch und verhalten. Er singt die Szene mit unerschütterlicher Konsequenz vom Anfang bis zum Ende als Lied. Damit mag er genauer auf den Noten sein als viele seiner Kollegen. Der Kerker ist nun aber nicht der Ort für stilistische Kunstfertigkeit, die Patzak so vorbildlich beherrscht, bis auf die Spitze treiben kann, hier nur an der falschen Stelle praktiziert. Mit ähnlicher Zurückhaltung nimmt er zwei Szenen aus Offenbachs Hoffmanns Erzählungen. Ausschnitte aus der Fledermaus und aus dem Zigeunerbaron unter der Leitung von Clemens Krauss, in denen auch Hilde Gueden, Hilde Zadek und Rosette Anday mitwirken, sind Decca-Gesamtaufnahmen dieser Operetten entliehen, die längst auf CD herausgekommen sind. Insofern ist es mit der Werbung als CD-Premiere auf dem Cover nicht weit her.

CD Patzak Allerlei (UFDecca)Was Patzak schließlich in den acht Wiener Heurigen-Lieder mit dem Schrammel-Quartett veranstaltet, ist auch nach mehr als sechzig Jahren, die seit der Aufnahme vergangen sind, ein Wunder an gesanglichem Raffinement. Er  beschwört mit seinem Wienerischen Dialekt, den er vollkommen beherrscht, die Epoche herauf, in der diese Lieder entstanden – nämlich als Reaktion auf die großen urbanen Umwälzungen der Stadt in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts. Es schwingt viel Melancholie darin, Sehnsucht nach der guten alten Zeit, die aber so gut nun auch wieder nicht gewesen ist in Patzaks Interpretation. Wer genau hinhört, entdeckt diesen Zweifel als feine Ironie. In diesen Liedern erweist sich Patzak als Meister der Zwischentöne und der Gesangslinie. Den verbleibenden Platz füllt Anton Dermota mit den beiden Don-Ottavio-Arien aus Don Giovanni, der Bildnis-Arie aus der Zauberflöte sowie dem Sonett des Flamand aus Capriccio sowie zwei Strauss-Liedern – Ständchen und Zueignung – aus. So zufällig der Bonus erscheint, ist er in Wirklichkeit nicht. Gemeinsam mit dem Bonus der Anton-Dermota-CD dieser Recital-Serie, die bereits besprochen wurde, füllte er einst eine eigene Decca-Platte.

CD - Schöffler DeccaGanz ohne Lieder kommt die CD für Paul Schoeffler aus (480 8176). Dabei hat auch er Lieder gesungen und aufgenommen. Jetzt ist Oper angesagt: Mozart, Verdi, Strauss und vor allem Wagner. Die Quellenlage der CD ist unübersichtlich. Von CD-Premiere, kann auch hier schon deshalb nur eingeschränkt die Rede sein, weil sich Auszüge aus der von Hans Knappertsbusch geleiteten Gesamtaufnahme der Meistersinger von Nürnberg darunter mischen, die seit vielen Jahren auf CD vorliegt. Neu auf CD ist tatsächlich die ebenfalls von Knappertsbusch dirigierte Szene „Gut‘n Abend, Meister“ aus dem zweiten Aufzug des gleichen Werkes von 1949 mit Maria Reining als Eva und dem Tonhalle Orchester Zürich. Die scheint mir noch besser gelungen als in der späteren kompletten Einspielung und für sich genommen die Anschaffung dieser CD Wert. Auf die Frage Evas, wer denn Bräutigam wäre, antwortet Sachs mit einem Lachen in der Stimme: „Weiß ich das?“ Das konnte nur Schoeffler, das machte ihm keiner nach, das war eines seiner Markenzeichen als Sachs. Mit diesem wunderbar Kunstgriff, der leicht klingt, aber schwer zu singen ist, verrät sich Sachs auf unnachahmliche Weise als Strippenzieher in Liebesdingen, für den eine eigenen Werbung für die junge Eva nie in Frage gekommen ist. So menschlich ist der Schuster höchst selten zu erleben. Völlig zu Recht gilt Schoeffler gerade deshalb als einer der bedeutendsten Sachs-Interpreten. Die gut acht Minuten dieser Szene führen das exemplarisch vor. Dagegen können Figaro, Leporello und Jago nicht mehr überzeugen. Obwohl bereits 1950 durchweg italienisch gesungen, was nicht selbstverständlich ist für einen in Dresden geborenen deutschen Bass-Bariton, bleibt Schoeffler zu sehr in den Ausdrucksklischees seiner Zeit stecken. Plötzlich klingt er sehr historisch. Mit seinem Wotan, der im Abschied und Feuerzauber aus der Walküre an Grenzen kommt, kann ich mich auch nicht anfreunden. Sachs ist und bleibt es!

Alle fünf CDs bleiben dem hohen Standard der Serie treu. Von einigen Großzügigkeiten bei der Zuordnung als CD-Premiere abgesehen, sind die Angaben knapp, aber zuverlässig. Am Klangbild wurde hörbar gearbeitet, akustische Niveauunterschiede, die von unterschiedlichen Überspielungen herrühren mögen, sind dezent ausgeglichen, so dass Einheitlichkeit entsteht. Fortsetzung folgt!

Rüdiger Winter