Gebremste Emotionen

 

Am Pariser Konservatorium war er der Nachfolger Massenets sowie der Lehrer Ravels – tiefes 19. Jahrhundert und Anbruch der Moderne. Dieser Umstand bezeichnet die Stellung Gabriel Faurés zwischen Tradition und Avantgarde; er steht für sich, gehörte keiner Schule oder Tendenz an und sorgte für Kontinuität solcher französischen Tugenden wie Charme und Geschmack, reife musikalische Gestaltung und Verdichtung. Man wird ihn vermutlich nicht zur Moderne rechnen, doch in seinen Liedern zeigt Fauré eine Sensibilität, eine Innigkeit, eine Seelenkunst, eine selbstgrüblerische Beschäftigung mit Empfindungen und Regungen, die das musikalische Pendant zur literarischen Seelenerkundung und zur Psychoanalyse der Jahrhundertwende darstellen, wodurch sich Fauré auf der Höhe der Zeit befindet. Vielleicht geht damit auch einher, dass Faurés Lieder nur in berechenbaren Dosen und konzentriert (aber das sollte wohl immer so sein) gehört werden möchten. Man muss sich völlig auf die Musik und die Texte einlassen. Andernfalls geraten die Lieder in ihrer kontrollierten Leidenschaft leicht etwas eintönig. Malcolm Martineau, der sich vorgenommen hat, seiner fünfteiligen Ausgabe aller Lieder von Poulenc bei Signum nun alle Lieder von Fauré folgen zu lassen, hat sich – was ich zunächst etwas viel finde – für Volume 1 (The complete Songs of Fauré Vol. 1 SIGCD427) auf nicht weniger als acht Solisten eingelassen, um der Eintönigkeit zu entgehen. In der alten Referenzaufnahme der 1970er Jahre haben Ameling und Souzay das zu zweit ziemlich gut hinbekamen.

faure signumBei seinem Auftakt schlägt Martineau einen Bogen über gut 50 Jahre von Faurés Liedschafen von den beiden Nummern op.1, also den beiden Victor-Hugo-Vertonungen des 16jährigen „Le papillon de la fleur“ und „Mai“, bis zu dem Zyklus „Le jardin clos“ op. 106 von 1914. Die Beiträge der vier Damen und vier Herren sind unterschiedlich. Mit den erwähnten Liedern op. 1 gibt Ann Murray, never my favorite, ein gutes Niveau vor, sie singt und gestaltet die kurzen Lieder ausgesprochen professionell und zuverlässig. Und sie verleiht den „Cinq mélodies de Venise“ gesangliche Subtilität und Ausdruck, und sogar Sinnlichkeit; wie schrieb doch Christoph Schlüren in der nmz, „Er war ein geborener Lyriker, für die Franzosen der Liedkomponist schlechthin, und sein gesamtes Werk ist Manifestation kantablen Ausdrucks, aber eben nicht opernhaft-theatralisch wie Massenet“. Auf solch angenehme Weise professionell agiert im Spiel der Farben auch ihre erfahrene Landsmännin Joan Rodgers in „Le jardin clos“. Wie schon David Daniels und Philippe Jaroussky zeigt Iesty Davies mit „Lydia“ und vor allem in dem sehr gleichförmigen „Tristesse“, wie gut sich Faurés Lieder für Countertenor eignen. Mit zart fragilem Tenor singt Ben Johnson die „Sérénade toscane“, mit hübschem kleinen Sopran Lorna Andersons u.a. eine der Vokalisen, die Fauré für seine Studenten schrieb (Vocalise Nr. 20“). Sie beweisen eine Feinheit, die manchen Interpretationen fehlt, etwa der schrillen Janis Kelly in „Fleur jetée“, eines der wenigen dramatischen Lieder, dem sich spreizenden Bariton von John Chest, für den ich mich wenig begeistern kann, noch weniger für den Bassbariton Nigel Cliffe, der „Le voyageur“ singt, als schiebe sich ein Cowboy breitbeinig in den Saloon.

Auf einer CD vereint DUX sämtliche Lieder des Pianisten, Politikers und Komponisten Ignacy Jan Paderewski (DUX 1246), rund zwei Dutzend Vertonungen. Sie entstanden zwischen 1882, sind also Zeugnisse des jungen 22jährigen Künstlers, der seine in Warschau begonnen Studien gerade in Berlin fortsetzte, und 1903, als Paderewski in die USA übersiedelte und sich seinen politischen Aktivitäten zuwandte. Es handelt sich um konventionelle Salonlieder im Geist der Zeit, die literarisch anspruchsvoller anmuten denn musikalisch. Sowohl für seinen ersten Zyklus op. 7 wie für op. 18 benutzte er Gedichte der polnischen Romantiker Adam Asnyk und Adam Mickiewicz. Die Grundlage seiner letzten Komposition, der zwölf 1904 in Paris veröffentlichten Lieder op. 22, bilden Gedichte von Catulle Mendès. Die Veröffentlichung, die sich rühmt, erstmals alle Lieder in originaler Besetzung und originaler Tonhöhe zu präsentieren, hat die Gruppen auf die Mezzosopranistin Anna Radziewska und den Tenor Karol Kozlowski verteilt, die von der Pianistin Agnieszka Hoszowska-Jablońska begleitet werden. Beide, sie eher resolut, er zartstimmig, nehmen die sprachlichen Valeurs der Lieder und Gedichte feinsinnig auf und zeigen durch die vorbildliche Phonetik, auf was es Paderewski offenbar vor allem ankam: die Vorherrschaft des Textes (Paderewskis Oper Manru, ebenfalls bei Dux, wurde in operalounge.de besprochen)Rolf Fath