Fast ein Vierteljahrhundert

 

Wohl mit zu heißer Nadel gestrickt ist die CD zur 24. Operngala der Aids-Stiftung, denn während im Booklet als erster Programmpunkt (und so lief es wohl auch im November 2017 ab) Rossinis „Gazza Ladra“ steht, hört man auf der CD die Ouvertüre zu Verdis „Nabucco“, und auf den nimmt auch Max Raabe in seiner Moderation Bezug. Auf zwei CDs zeigen nicht die ganz großen Stars, aber viele, die am Anfang einer glanzvollen Karriere stehen könnten, ihr Können und ihre Bereitschaft, sich für einen guten Zweck einzusetzen. Das Booklet enthält auch die Reden und Grußadressen der Unterstützer aus Politik, Wirtschaft und Kunst und ausführliche Biographien der mitwirkenden Sängerinnen und Sänger. Max Raabe hat sich offensichtlich in die Rolle, die einst Loriot brillant ausfüllte, besser als zu Beginn seines Wirkens hineingefunden, auch wenn seine Kenntnisse von Oper nicht die allerbesten sind, wenn er meint, Violetta kehre aus Überdruss am Leben mit Alfredo in ihr altes Dasein als Prostituierte zurück, und auch bei Tosca geht einiges durcheinander, Rossini heißt bei Raabe Giacomo, und  ein Scherz darüber, wer den größten…..hat, wäre auch nicht über Loriots Lippen gekommen. Aber dem Publikum scheint es zu gefallen, wie man den Lachern entnehmen kann.

Giacomo Sagripanti ist der Dirigent des Abends und setzt auf extreme Tempi und einen schnellen Wechsel zwischen den Lautstärken. Der Chor der Deutschen Oper griff mit einem Stück aus Meyerbeers Der Prophet dem Spielplan etwas vor, machte am Schluss auch Appetit auf eine Premiere im kommenden Frühjahr mit Johann Strauß‘ Die Fledermaus. Eine rasante Polka Unter Donner und Blitz war der Rausschmeißer nach einem auch wegen einiger selten zu hörender Stücke interessanten Abend.

Es beginnt mit der Arie des Silva aus Verdis „Ernani“, die Alexander Vinogradov, früher zum Ensemble der Staatsoper gehörend, mit so dunklem Väterbass singt, dass die Stimme gar nicht zur jugendlichen, schmalen Optik zu passen scheint. In der Cabaletta beweist er, dass die Flexibilität der Stimme  gewahrt blieb, in der Kadenz lässt die sichere Höhe erstaunen. Nicht zu schwülstig singt Alisa Kolosova die Arie der Dalila, die auch den recht hellen Klang dieser Stimme gut verträgt. Im zweiten Teil aus dem Duett Lucia-Edgardo aus dem ersten Akt der Donizetti-Oper zeigt Lisette Oropesa ein angemessen melancholisches Timbre, während Ismael Jordi seinem Tenor einen zärtlichen Klang verleihen kann. Beide treten ein zweites Mal auf: der Sopran mit der Arie der Violetta aus dem ersten Akt mit grandioser Höhe und der Tenor mit viel Schmelz in der Stimme in einer Arie aus einer Zarzuela, die Max Raabe verwundert für eine Oper ohne Tote hält. Auch doppelt vertreten ist der deutsche Bariton Christoph Pohl mit der einzigen Arie aus einer deutschen Oper, dem Lied an den Abendstern mit bester Diktion in ebenmäßigem Wohlklang, als Conte Almaviva singt er im Duett mit der Susanna von Golda Schultz, die trotz des Namens aus Südafrika stammt und auch als Lauretta ein schönes Aufblühen der Sopranstimme zeigt. Recht unsensibel singt Jorge de León Cavaradossis zweite Arie, das akustische Ideal eines russischen Basses ist Vitalij  Kowaljow mit einer Arie aus Jolantha, virtuos gibt Salome Jicia die Bravourarie der Semiramide, mit Hingabe und damit wirkungsvoll kann Iván Ayón Rivas die „gelida manina“ besingen, und Sofia Fomina hat in ihrem glasklaren Sopran das Zeug für die fragilen Belcantoheldinnen à la Linda di Chamounix.

Wer die CD kauft, erlebt nicht nur schöne Opernmomente, sondern hilft auch noch der Aids Stiftung bei ihrer verdienstvollen Arbeit. Im nächsten Jahr gilt es dann ein Vierteljahrhundert Operngala für die Aids-Stiftung zu feiern (rbb 8 551393-94).  Ingrid Wanja