Auf der nationalen Welle

Der 70. Jahrestag der Kapitulation Nazi-Deutschlands naht, Putins „Nachtwölfe“ sind auf dem Weg nach Berlin, um den Sieg der Sowjetunion am Ehrenmal für die gefallenen Sowjetsoldaten zu feiern, falls man sie mit ihren hoch gerüsteten Motorrädern ungeschoren durch Polen, Tschechien und Österreich passieren lässt. Die Sowjetunion gibt es nicht mehr, aber einen Zaren aller Reußen, dem auch russische Künstler wie Anna Netrebko und Valerij Gergiev ihren Respekt bezeugen. Bariton Dmitri Hvorostovsky scheint neuerdings auch auf der nationalen Welle zu schwimmen mit zwei CDs mit den Titeln Where are you, my brothers und Moscow Nights, nun gefolgt von Wait for me, Soldatenliedern aus dem Zweiten Weltkrieg, der für einen Russen der Große Vaterländische ist.

Enttäuscht wird allerdings derjenige, der martialische Kriegsgesänge oder die unvermeidliche Katjuscha erwartet hat. Es handelt sich durchweg um Sehnsuchtslieder wie das deutsche Pendant von Lili Marleen, die unter der Laterne vor dem großen Tor auf ihren Soldaten wartet, eines ist. Weder die Vokabel „Faschist“ noch „Deutschland“ fällt in einem der Lieder, nur einmal wird als konkreter Anhaltspunkt die Donau genannt, die nicht blau, sondern erst grau und dann rot von Blut ist, und im letzten Lied marschiert der Soldat von Berlin heimwärts, und das wohl bereits kurz nach Kriegsende und nicht erst wie der letzte Sowjetsoldat in den Neunzigern.

Das Warten der Mädchen auf ihren Liebsten im Krieg und der Wille des Soldaten zu überleben und heimzukehren werden in schwermütigen Weisen von der virilen Baritonstimme, oft mit geisterhaftem Chor im weit entfernten Hintergrund, auf markante Art gesungen, oft in äußerst kitschigen Arrangements von Evgenij Stetsuk, wo ein Instrument wie das gute alte Schifferklavier passender gewesen wäre. Stattdessen begleitet das Novaya Opera Orchestra  unter dem Amerikaner Constantine Orbelian, der auch schon auf den beiden anderen CDs dafür verantwortlich war. Ihm wird nicht wie dem Sänger dieses Liedgut Begleiter in der Kindheit gewesen sein wie sicherlich auch vielen Russen, die sich an ihm erfreuen mögen. Das Style of Five Ensemble ist ein weiterer Mitwirkender, wobei nicht klar wird, wer woran mitwirkt. Der Chor hingegen ist der des Ministeriums für internationale Angelegenheiten.

Durchweg sind die Lieder nicht zur wie auch immer gearteten Aufrüstung geschaffen, denn in allen wird deutlich, dass Krieg und Heldentum keine erstrebenswerten Dinge sind, wird die Mutter geschildert, die vergeblich auf ihren längst gefallenen Sohn warten wird, der Soldat, der nach 25 Jahren Kriegsdienst meint, seine Tochter sei seine Frau, die längst tot ist, wird in raunendem Sprechgesang die seltene Stille an der Front beschworen, die nicht einmal die Nachtigallen stören sollten. Mal ist die Sowjetunion Vater-, mal Mutter-, nie aber Stalins Land, nur einmal „sowjetische Heimat“.  Die schwarzen Augen des Kosakenmädchens (Kämpften die nicht in der Wlassow-Armee?) werden ebenso besungen wie der einsame Soldat zwar nicht am Wolgastrand, sondern in den Bergen Bulgariens. Dmitri Hvorostovsky versucht seinen Gesang nicht zu opernhaft klingen zu lassen, was ihm auch weitgehend gelingt, nur hätte er mehr Geschmack bei der Auswahl der Arrangements beweisen sollen, die aber vielleicht den vorrangigen Adressaten dieser CD, den mit Stolz und Freude den bewussten Jahrestag Begehenden, gerade besonders gefallen könnte. Aus rein künstlerischen Gründen, sieht man von der Stimme des Interpreten ab, wird man nicht nach ihr greifen mögen (Delos 3475).

Ingrid Wanja