Glitter and be black…

 

Wie sich die Bilder gleichen: Fast genau so sah es vor dem Theaterschiff „Hawk’s Cotton Blossom“ aus, als Jerome Kerns Show Boat in der Inszenierung von Florenz Ziegfeld 1927 an dessen Ziegfeld Theatre am Broadway erstmals in See stach. An der San Francisco Opera hat Francesca Zambello alles richtig gemacht. Die multilinguale Theatermacherin, die große russische Schlachtgemälde genauso virtuos auf die Bühne brachte wie Wagners Tetralogie, hat offenbar ein besonders Faible für dieses Stück, das als Urmutter des amerikanischen Musicals gilt, dessen bittersüße Liebesgeschichte und sozialen Hintergrund sowie die Leihgaben aus Oper, Operette, Vaudeville und musikalischer Komödie sie so treffend auf die Bühne bringt, dass kein Auge trocken bleibt. Erstmals 2006 an der Royal Albert Hall, dann (semi-staged) 2008 in der Carnegie Hall und schließlich 2012 an der Lyric Opera of Chicago, von wo aus die Ko-Produktion, an der auch Washington und Houston beteiligt sind, im Juni 2014 an die Westküste reiste. „Ich bin der Ansicht“, so Zambello im Beiheft in der in gewohnter Weise bestens aufbereiteten Produktion von der San Francisco Opera, das neben dreisprachiger (engl., frz. dt.) Einführung auch eine genaue Tracking-Liste bereithält, „dass Musicals die amerikanische Version der Oper sind, weil sie eine Kunstform darstellen, die ebenso populär ist wie die Oper im 19. Jahrhundert. Nun geht es darum, einen Weg zu finden, wie Oper und Musical harmonisch nebeneinander existieren können“.

Das ist bestens gelungen. Mit einem Opernensemble, Musical-Darstellern (voran Kirsten Wyatt und John Bolton als Komikerpaar), Theaterschauspielern, zwei Chören, darunter einem afro-amerikanischen Chor, und vielen Tänzern und der mit hübsch bemalten Prospekten operettenhaft aufgerüschten Ausstattung von Peter J. Davison und Mark Tazewell erzählt Zambello die von 1890 bis 1927 reichende Geschichten vom Aufstieg der Magnolia Hawks zum gefeierten Showstar, von ihrer Ehe mit dem sympathischen Spieler Gaylord Ravenal, der sie verlässt, nachdem er alles verspielt hat. Von ihrer Freundin, der hellhäutigen Mulattin Julie La Verne, dem Star auf dem Theaterschiff von Cap‘ n Hawks, die das Schiff mit ihrem weißen Mann verlassen muss, als ihre in Mississippi verbotene Mischehe auffliegt und die dem Alkohol verfällt, als auch sie verlassen wird. Es ist ein Musical mit Tiefgang und Ernst, voll Südstaaten-Atmosphäre und Zeitkolorit (Weltausstellung in Chicago 1893) und dem Lieblingsthema vieler Musicals – dem Blick hinter die Kulissen und der Cinderella-Story vom Aufstieg der Anfängerin zum Star.

"Show Boat/ Szene aus der Produktion der San Francisco Opera/Euroarts DVD-Rückseite

„Show Boat/ Szene aus der Produktion der San Francisco Opera/Euroarts DVD-Rückseite

Anders als die umfassende CD-Einspielung, die John McGlinn Ende der 80er Jahre inklusive eines vielteiligen Anhangs für die EMI aufbereitete, beschränkt sich Zambellos von den Rechte-Inhabern abgesegnete Fassung auf die theaterbekömmlichen 2 1/2 Stunden; die perfekt getimte Show wechselt rasch zwischen großen Showblöcken und kurzen manchmal nur 90-Sekunden langen Szenen, bietet Tempo und Abwechslung, wobei der immer etwas schwächere, da in großen Sprüngen von 1893 bis 1927 stolpernde zweite Akt in seiner Biederkeit ein wenig abfällt. John DeMain hat eine kluge Auswahl aus diversen Versionen getroffen und entzündet gleich mit der Ouvertüre (aus der Neufassung von 1946) den besonderen Kern-Sound. Es ist eine unterhaltsame, sicherlich auch etwas kantenlos brave Aufführung, in der Patricia Racette mit „Can’t Halp Lovin‘ Dat Man“ und „Bill“ für die vokalen Höhepunkte zuständig ist, und das Porträt einer mütterlich warmherzigen Künstlerin zeichnet, die zu Gunsten ihrer Freundin zurücktritt. Diese emotionale Vielfalt kann Heidi Stober nicht vermitteln, sie bleibt die lyrische Koloratursoubrette auf Abwegen, was ihrer Magnolia selbst auf dem Höhepunkt ihrer Karriere („After the Ball“ und „Dance Away“ the Night) eine gewisse Steifheit gibt. Michael Todd Simpson singt den Gaylord Ravenal mit lockerem, fallweise auch strahlendem Kavaliersbariton und gibt den spielsüchtigen Dandy mit verführerischer Ernsthaftigkeit. Ausgezeichnet als Queenie und Joe sind die sopranmächtig runde Angela Renée Simpson („Mis’ry Comin‘ Aroun´“, „Hey, Feller!“) und Morris Robinson mit seinem düsteren Sparafucile-Bass für den Evergreen „Ol‘ Man River“. Pointierte Charakterchargen geben Harriet Harris als Magnolias knarzig verbiesterte Mutter, Bill Irwin als ihr gutmütiger Vater Cap’n Hawks sowie Sharon McNight als grimassierend resolute Mrs O’Brien (Bluray EuroArts 2059884).    Rolf Fath

  1. Kevin Clarke

    „Glitter and be black“? Ein bemerkenswerter Titel im Zusammenhang mit dem Kern/Hammerstein-Klassiker. Ist diese Produktion aus SF so besonders „glitzernd“? Wenn man daraus eine „out and proud and black“ Inszenierung hätte machen wollen – die ich gern sehen würde! – dann würde das Ganze vermutlich mit deutlich mehr Flamboyanz daherkommen. Abgesehen von den hervorragenden dunkelhäutigen Tänzern auf dieser DVD.

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