Ein Hauch von Sissy

Vorhang auf zum Operettenfestival bei Deutsche Grammophon/Unitel. Das Label hat nicht gespart und drei Meisterwerke von Johann Strauß auf einen Schlag als DVD herausgebracht: Eine Nacht in Venedig (00440 073 4435), Der Zigeunerbaron (00440 073 4437) und Wiener Blut (00440 073 4436). Allesamt keine Neuigkeiten, die Filme sind teilweise noch als Video erschienen, später auch im Fernsehen gezeigt worden. Die DVD-Ausgaben haben den Vorteil, dass der Zugriff besser ist, einzelne Szene können leicht und schnell angesteuert, andere ausgelassen werden. Bild und Ton sind ohne jeden Tadel. Es gibt viel Bonus, sprich Hinweise mit Auszügen auf andere DVD-Titel des Labels. Das kann, muss aber kein Vorteil sein und erinnert immer bisschen an TV-Werbung. Alle drei Produktionen sind mehr als 30 Jahre alt. Das ist auch deutlich zu merken. Im Gegensatz zu Spielfilmen, die  noch viel älter sein können, haben diese bewegten Bilder in Bonbonfarben wenig Patina angesetzt. Sie sind dem Geschmack ihrer Zeit verpflichtet und in ihrem schlichten Humor und ihrer Klischeehaftigkeit dem heutigen Zuschauer fremd geworden. Deutscher Humor ist nicht sonderlich haltbar, das Verfallsdatum ist schnell überschritten.

DVD - Nacht in VenedigDie Nacht in Venedig gefällt mir besten, weil sie in ihrer Ausstattung dem Theater am nächsten kommt. Es steckt mehr Bühne drin als in den anderen Operetten-Inszenierungen. Und – das ist immer noch das Allerwichtigste – es wird auch am besten gesungen. SYLVIA GESZTY als Annina ist eine Wucht – kokett, charmant, verführerisch, hinreißend aussehend und bestens bei Stimme. Dieses Fischermädchen gehört neben der Zerbinetta und der Königin der Nacht zu den besten Leistungen dieser vielseitigen Künstlerin. Allein sie lohnt die Anschaffung der DVD. ANTON DE RIDDER als Herzog von Urbino ist ein Operettentenor aller erster Güte. Er verströmt stimmlichen Schmelz ohne Ende. JULIA MIGENES gefällt sehr als Ciboletta, während die alte LJUBA WELITSCH wie immer etwas zu dick aufträgt. Chor und Orchester des Bayerischen Rundfunks unter KURT EICHHORN runden das glanzvolle Ensemble ab.

Der teilweise im Freien spielende Zigeunerbaron bleibt im Klischee stecken. Folklore ist keine Lösung, um dieses musikalisch großartige und zugleich schwierige, weil politisch nicht ganz korrekte Stück, in Szene zu setzen. Es wirkt kleinkariert, bieder, überflüssig. Operette verträgt keine Verwechslung mit Volkskunst. Das ist ein Irrtum und war es ganz bestimmt schon 1975, als die Verfilmung erstmals an die Öffentlichkeit gelangte. Sehr viel reißen die Mitwirkenden nicht heraus. Am besten schneidet der damals noch etwas unbeholfen agierende, dafür aber sehr hübsch und unangestrengt singende SIEGFRIED JERUSALEM als Sandor Barinkay ab. ELLEN SHADE ist offenbar nicht bewusst, dass sie mit ihrer Arie „Die Zigeuner sind da“ eines der Glanzstücke der Operettenliteratur singen darf. Sie kann es nicht besser. Wer macht noch mit? WOLFGANG BRENDEL (Graf Peter Homonay), IVAN REBROFF (Zsupan),  JANET PERRY (Arsena), MARTHA MÖDL (Mirabella) und BISERKA CVEJIC (Czipra). Wieder dirigiert Eichhorn, diesmal aber den Südfunkchor und das Radio-Sinfonieorchester Stuttgart.

Operette DVD - ZigeunerbaronEinen Hauch von Sissy verströmt das historisch angehauchte Wiener Blut mit den Schöneberger Schrammeln, dem Münchner Kammerchor, dem Volksopernballett Wien und dem Symphonie-Orchester KURT GRAUNKE. Sie geben den Stil dieser sehr leicht gehaltenen Verfilmung vor. So wurde Musikfilme schon in den dreißiger und vierziger Jahren gestrickt. Solide Hausmannskost, garniert mit viel Gefühl und einem kräftigen Schuss Sentimentalität. Bei INGEBORG HALLSTEIN (Gräfin Zedlau) gibt allenfalls das Make-up einen Hinweis auf die tatsächliche Entstehungszeit des Films. Der blutjunge RENÉ KOLLO (Graf Zedlau) und DAGMAR KOLLER (Demoiselle Cagliari) verkörpern durch ihre Erscheinung ebenfalls Zeitkolorit von 1970. Bei Kollo ist der Heldentenor noch weit weg. Er ist dem Schlager näher als der Romerzählung des Tannhäuser. Alles in allem fühlte ich mich am Ende doch ganz gut unterhalten.

Rüdiger Winter